DWS Chart der Woche: Zinspfad versus Zinsstraße

Leicht verspätet ist die Eurozone auf den in anderen Industriestaaten bereits abgefahrenen Zinszug aufgesprungen. Das Tempo wird sie allerdings nicht mithalten können. DWS | 13.02.2022 14:27 Uhr
© Foto von Juan Pablo Serrano Arenas von Pexels
© Foto von Juan Pablo Serrano Arenas von Pexels

Angst vor der eigenen Courage könnte man es nennen, dass einzelne Mitglieder der EZB-Spitze nun wieder zurückrudern und die Rentenmärkte einfangen wollen. Dabei hatte sich die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrer schriftlichen Kommunikation doch so zurückgehalten und es ein paar pointierten Sätzen ihrer Präsidentin Christine Lagarde in der Pressekonferenz überlassen, die geldpolitische Wende ein Stück weit anzudeuten. Aber halbschwanger kennen die Märkte bei Signalen der Zentralbanken nicht, die gesamte europäische Zinskurve wurde in wenigen Stunden neu gepreist. Dank eines Schubs von rund 20 Basispunkten konnte sich die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erstmals seit Anfang 2019 wieder deutlich im positiven Terrain festsetzen. Preisten die Zinsmärkte noch vor einem halben Jahr keine Rückkehr zu positiven Leitzinsen der EZB vor 2027 ein, soll dies nun binnen zwölf Monaten möglich sein. 

Doch konnte, wer an die globale Natur der Finanzmärkte glaubt, wirklich so überrascht sein? Wie unser „Chart der Woche“ zeigt, sind die kurzfristigen Zinsen in der Eurozone nur der Entwicklung anderer Industrienationen gefolgt. Wirkten die Zinssprünge in Australien und Kanada noch leicht exotisch und konnte man die britische Entwicklung mit Sondereffekten entschuldigen, kommt am Zinserhöhungskurs der USA keiner mehr vorbei. Der letzte in der Runde - lassen wir Japan mal außen vor - ist nun die Eurozone. Auch wenn sich hier eine rasante Aufholjagd abzeichnet, dürfte sich der Sonderweg bald wieder aus verschiedenen Gründen manifestieren. So werden die USA selbst nach einem halben Dutzend Zinsschritten immer noch nicht auf dem vor-Covid-Zinsniveau angelangt sein. Da In der Eurozone hingegen ist der Einlagenzins seit 2014 negativ (minus 0,5 Prozent seit September 2019) und der Refinanzierungssatz seit März 2016 Null. Mit anderen Worten: schon mit einem einzigen Zinsschritt wäre die Geldpolitik der Eurozone restriktiver als kurz vor Covid. Da wirken die 0,75 Prozent, die der Markt als Spitze des vielleicht schon dieses Jahr einsetzenden Euro-Zinszyklus einpreist, fast schon forsch, so niedrig sie auch wirken. Selbst in den USA werden die Zinsbäume nicht in den Himmel wachsen – schon bei rund zwei Prozent sieht der Markt das Ende dieses Zinszyklus erreicht. 

Ulrike Kastens, DWS-Ökonomin, erklärt den Unterschied: „Während die Fed ihren Fokus klar vom Arbeitsmarkt, den sie weitgehend als gesundet ansieht, auf das Inflationsbild gedreht hat, kommt die EZB aus ihrer Zwickmühle nicht heraus: Neben der Inflation muss sie weiterhin die Peripherieländer und deren Refinanzierungskonditionen im Blick behalten. Daher erwarten wir in Europa einen sehr vorsichtigen, adaptiven Zinserhöhungskurs. Falls die Inflation das zulässt, wovon wir aber ausgehen.“

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