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Umdenken bei den Löhnen

"Droht jetzt die Lohnpolitik zu einer Gefahr für die Konjunktur zu werden?" fragt im folgenden Gastkommentar Dr. Martin Hüfner, volkswirtschaftlicher Berater der direktanlage.at: Funds | 12.04.2012 12:45 Uhr
  • Die jüngsten Lohnabschlüsse im öffentlichen Dienst in Deutschland sind insgesamt gesehen hoch, aber nicht zu hoch.
  • Mittelfristig müssen wir uns auf relativ größere Lohnanhebungen einstellen.
  • Kurzfristig leiden die Märkte unter einer solchen Entwicklung. Auf Dauer werden sie sich jedoch an die veränderten Gegebenheiten anpassen.
  Droht jetzt die Lohnpolitik zu einer Gefahr für die Konjunktur zu werden?

Die IG Metall hat angekündigt, dass sie sich bei den anstehenden Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie an den Abschlüssen orientieren will, die im öffentlichen Dienst vereinbart wurden. Dort stiegen die Löhne und Gehälter um satte 6,5%. So hohe Lohnsteigerungen hat es in Deutschland schon lange nicht mehr gegeben.

Zunächst muss man die Kirche im Dorf lassen. So hoch wie es auf den ersten Blick aussieht sind die Lohnabschlüsse im öffentlichen Dienst nicht. Der Abschluss gilt nämlich nicht für ein Jahr (wie die Gewerkschaft gefordert hatte), sondern für zwei. In diesem Jahr werden sich die Kosten der Kommunen um knapp 3% erhöhen, im nächsten Jahr um etwas mehr als 2%. Das ist schon erträglicher.

Gefahren für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen muss man – wenn Abschlüsse in dieser Höhe in der Metall- und Elektroindustrie zustande kämen - nicht befürchten. Die Lohnzuwächse dürften durch entsprechende Produktivitäts- und Preissteigerungen kompensiert werden. Ganz abgesehen davon profitiert die deutsche Industrie von dem immer noch günstigen Wechselkurs. In den letzten zwölf Monaten hat sich der reale Wechselkurs (= die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie) gegenüber anderen Industrieländern um 2% erhöht.

Gefahren für die Preise ergeben sich daraus ebenfalls nicht. Schon gar kann man nicht von Zweitrundeneffekten nach der starken Ölpreiserhöhung sprechen. Es wäre daher auch abwegig, wenn die Europäische Zentralbank auf solche lohnpolitische Vereinbarungen mit einem restriktiveren Kurs reagieren würde. Im übrigen kann sich die EZB nicht an den Lohnsteigerungen in einem Mitgliedsland orientieren. Sie muss den gesamten Euroraum im Blick haben und hier ist die Geldentwertung immer noch höher als in Deutschland.

Was die viel diskutierten negativen Effekte der Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst auf die nötige finanzpolitische Konsolidierung betrifft, so sollte man auch hier nicht übertreiben. Es gibt auch im öffentlichen Dienst Produktivitätssteigerungen durch Rationalisierungen und den Einsatz moderner Techniken. Die Gebühren der Gemeinden werden regelmäßig angehoben. Wenn die Neuverschuldung von Bund, Ländern und Gemeinden in den letzten Jahren in Deutschland nicht stärker zurückgegangen ist, dann liegt das nicht an zu hohen Löhnen, sondern an unzureichenden Konsolidierungsanstrengungen der Finanzminister. An sich müsste Deutschland heute einen ausgeglichenen oder gar einen überschüssigen Haushalt aufweisen. Nach der keynesianischen Lehre muss der Staat in Rezessionen (wie in 2009) ein Defizit fahren, im Aufschwung aber (spätestens in 2011) einen entsprechenden Überschuss. Nur so lässt sich über den Zyklus hinweg ein ausgeglichener Haushalt erreichen. Das ist auch so in der neuen Schuldenbremse vorgesehen.

Aus meiner Sicht gibt die Lohnpolitik daher derzeit keinen Grund zur Sorge. Die reale Wirtschaftsleistung wird in diesem Jahr um knapp 1% steigen (im nächsten Jahr etwas mehr). Die Preise werden sich insgesamt um 2% erhöhen. Das ergibt einen Verteilungsspielraum von rund 3%. Die Ausnutzung des Verteilungsspielraums ist erforderlich, um den Konsum zu stärken und eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung zu fördern.

Auf Dauer wird man sich in Deutschland sogar auf höhere Lohnsteigerungen einstellen müssen. Das ruft zwar den heftigen Widerstand der Arbeitgeber hervor. Es ist aber aus drei Gründen nötig. Erstens darf die Ungleichheit nicht noch stärker zunehmen, wenn die gesellschaftliche Stabilität nicht gefährdet werden soll. Die Graphik zeigt, das die Lohnquote, das heißt der Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen, derzeit mit 67% deutlich unter dem Durchschnitt der vergangenen vierzig Jahre liegt (71,5%).

Zweitens müssen die Löhne relativ zu den Kapitalkosten steigen, um einen Anreiz zu geben, dass verstärkt in arbeitssparende Technologien investiert wird. Dies ist angesichts der demographischen Veränderungen unabdingbar.

Drittens braucht Deutschland mittelfristig mehr Binnennachfrage (Konsum, aber vor allem Nettoinvestitionen). Die einseitige Orientierung am Export beziehungsweise dem Außenbeitrag macht die Wirtschaft zu stark von Schwankungen des Welthandels abhängig. Sie führt zu Ärger mit den Handelspartnern. Nachdem Japan und China ihre Leistungsbilanzüberschüsse reduziert haben, steht in Zukunft Deutschland mit dem größten Überschuss unter den Industrieländern (5% des BIP) zunehmend am Pranger. Auch hier spielt die Lohnpolitik eine Rolle, weil sie die Binnennachfrage stärkt. Volkswirtschaftlich gesehen ist es sinnvoller, mehr von den Peripherieländern zu importieren als den Regierungen Kredite und Garantien zu geben.

Für den Anleger: Höhere Löhne sind nach traditioneller Lesart schlecht für die Unternehmensgewinne und damit die Aktien. Mittelfristig gilt das aber nicht, jedenfalls wenn die Lohnanhebungen nicht zu sehr aus dem Rahmen fallen. Mehr Arbeitnehmerentgelte sind nötig für eine ausgewogene und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, den Abbau internationaler Spannungen, die Investition in arbeitssparende Technologien und mehr privaten Verbrauch. Schauen Sie sich vor allem Konsumtitel und Investitionsgüterhersteller an.

Dr. Martin HüfnerVolkswirtschaftlicher Beraterdirektanlage.at


 

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