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Islamic Financial Produkte mit Potential

Im folgenden Interview erläutert Dr. Martin Schulte, Abteilungsdirektor Kapitalmarkt im Verband der Auslandsbanken in Deutschland und Rechtsanwalt, den Ansatz von Islamic Finance, bestehende Produkte sowie die Chancen dieses Sektors auf dem europäischen Markt. Funds | 02.05.2012 14:01 Uhr
Welchen Ansatz verfolgt IF grundsätzlich? IF umfasst alle Transaktionen und Geschäfte, die entlang den Grundsätzen der Scharia strukturiert sind. Hiervon umfasst ist eine überschaubare Anzahl von Handelsverträgen und Gesellschaftsformen, die von den islamischen Rechtsschulen anerkannt sind. Über die meisten – aber nicht alle, wie insbesondere den Arbun-Vertrag und die Tawarruq-Struktur – besteht zumindest ein grundsätzlicher Konsens. Streitigkeiten bestehen aber oft darüber, zu welchem wirtschaftlichen Zweck die tradierten Geschäftsformen eingesetzt werden dürfen. IF hat auch etwas vom Baukastenprinzip, zumindest wenn man es im modernen Banking einsetzt.

Was bedeutet das konkret?

Gerade das Islamic Financial Engineering verfolgt oft das Ziel, ein konventionelles Finanzprodukt – sei es eine Call-Option oder ein Währungs-Swap – nachzubilden. Hierzu werden die traditionellen Vertragsformen aus der Zeit des Propheten Mohameds oft verkettet und manchmal sogar noch mit Bargeschäften kombiniert. Manche Scharia-Gelehrte sehen hierin unislamische Produkte mit „grünem Anstrich“. Der Vorwurf lautet: „Form über Inhalt“. Deshalb wird IF oft auch belächelt. Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass ein IF-Produkt, selbst wenn es dem konventionellen Pendant im wirtschaftlichen Ergebnis sehr nahe kommt, in seiner Struktur etwas völlig anderes ist und sich die Parteien einer Finanztransaktion – unabhängig von der konkreten Ausgestaltung ihres Vertrages – immer auch an den ethisch-religiösen Grundsätzen des Islam messen lassen müssen. Keine islamische Vereinbarung darf geeignet sein, zum wirtschaftlichen Ruin einer der Parteien zu führen; und sollte dies doch einmal drohen, muss das Ergebnis korrigiert werden. Solche Erwägungen haben übrigens auch den Islamischen Standardvertrag für Derivategeschäfte, das am Standard der International Swaps and Derivatives Association (ISDA) orientierte „ISDA/IIFM Tahawwut Master Agreement“ aus dem Jahr 2010 so komplex gemacht.

IF ist also noch komplizierter als das konventionelle Kapitalmarktgeschäft?

Nein, so allgemein kann man das nicht sagen. Richtig ist aber, dass beispielsweise die islamische Replikation eines Forward-Geschäfts das gängige Termingeschäft an Komplexität bei weitem übersteigt. Grund ist, dass der islamische Vertrag, der dem gängigen Forward am nächsten kommt – der Salam – die Bezahlung der in der Zukunft zu liefernden Ware bei Vertragsschluss erfordert. In der auch in IF Publikationen vorgeschlagenen Replikation wird der Kaufpreis dann über einen Tawarruq an den Käufer zurück geführt, was viele zusätzliche Einzelschritte und Handelsparteien erfordert. In solchen Strukturen spiegelt sich auch der im IF enthalte Wunsch, die Vorzüge, die das Finanzwesen der westlichen Welt beschert hat, in die muslimische Welt zu transportieren, auch wenn man heute aufgrund von prominenten Betrugsfällen und den offenkundig gewordenen Schwachstellen in unserem System diese teilweise wieder relativiert. Hier liegt aber auch eine Chance für IF, denn der gehebelte Ankauf von Collateralized Debt Obligations oder ähnlichen Produkten ist nach islamischen Rechtsgrundsätzen aus vielen Gründen – allen voran das Spekulations- oder Gharar-Verbot – untersagt. Wer allerdings das kapitalistische System als solches ablehnt, wird auch mit IF nicht sehr weit kommen.

Welche Produkte gibt es?

Global betrachtet gibt es schon eine sehr große Produktvielfalt, die – befeuert durch die Kreativität, die sich im Islamic Financial Engineering entfaltet – ständig zunimmt. Gleicht man diese Bewegung mit der Tendenz im konventionellen Finanzwesen zu einfacheren oder transparenteren Produkten ab, erkennt man eine parallel laufende Gegenbewegung. Vielleicht trifft man sich in der Mitte. Allerdings muss man auch sehen, dass die kreativsten Formen des IF – ich denke hier etwa an Replikationen von Hebelprodukten und Leerverkäufen – vor dem Ausbruch der Finanzkrise im September 2008 entwickelt wurden und damit sicher auch einem kultur- oder religionsübergreifendem Zeitgeist gefolgt sind. Bei näherem Hinsehen sind diese Strukturen aber – schon weil ihnen in aller Regel Warentransaktionen zugrunde liegen, was bei konventionellen Geschäften seltener der Fall ist – etwas völlig anderes. Das bedeutet natürlich nicht, dass die demgegenüber geübte Kritik mancher Scharia-Gelehrter grundsätzlich falsch wäre.  Aber um die Frage konkret zu beantworten: die Palette reicht von zinslosem Bankkonto und Immobilienfinanzierung über Hedge- und Publikumsfonds bis hin zu allen „plain vanilla“ Derivaten, Währungs-, Rendite- und Zinssatz-Swaps, diversen Versicherungen sowie Staats- und Unternehmensanleihen. Weitere Kombinationen der hierzu verwendeten Strukturen eröffnen Möglichkeiten bei Zertifikaten. Ein islamisches „Knock-out-Zertifikat“ habe ich aber noch nicht gesehen (lacht). Selbst das „Netting“, also der Barausgleich, wird von machen Scharia-Gelehrten in bestimmten Fällen befürwortet.

Welche Chancen haben Islamic Finance Produkte auf dem europäischen Markt?

Ich hätte es ja vorgezogen, wenn Sie mich zuerst gefragt hätten, welche Chancen ich für deutsche IF Produkte auf ausländischen Märkten sehe, denn hier ist das Potential schon jetzt sehr deutlich wahrnehmbar. In Deutschland selbst hat man zwei Probleme: den Reputationsschaden, den das IF durch den großen Betrugsfall zu Lasten insbesondere der in Deutschland lebenden Türkischen Gemeinschaft genommen hat und die Grunderwerbssteuer. Diejenigen Institute, die ihren Kunden eine islamische Immobilienfinanzierung anbieten wollen, können das gegenwärtig hier nicht tun, weil das islamische Pendant – die Murabaha – einen Vorerwerb der Bank erfordert, die das Objekt dem Kunden dann gegen Ratenzahlung mit Aufschlag weiterveräußert. So fallen keine Zinsen an und auch die Risikoverteilung ist etwas anders, aber eben eine doppelte Grunderwerbsteuer. In England und Frankreich hat man dieses Problem allerdings schon gelöst. Der zweite Erwerb wird nur noch minimal besteuert.

Dass es bisher keine IF-Produkte auf dem deutschen Finanzmarkt gibt, liegt doch nicht allein an einer Steuerhürde und einem Betrugsfall aus den 1990er Jahren. Übrigens: Das Problem bei der Immobilienfinanzierung könnte man doch mit Hilfe eines Gesellschaftserwerbs lösen. Die Bank erwirbt mittels einer Zweckgesellschaft und überträgt die Anteile sukzessive an den muslimischen Häuslebauer...

Darüber müsste ich jetzt erst einmal nachdenken. Es wäre jedenfalls keine klassische Murabaha mehr und müsste von einem Scharia Board mit einer Fatwa gutgeheißen werden. A priori ausgeschlossen ist das jedenfalls nicht, denn das Zinsverbot würde gewahrt und  IF ist trotz seiner Traditionsverbundenheit offen und modern. Aber zurück zum Ausgangspunkt: Ganz so einfach ist es tatsächlich nicht zu beantworten, was bisher den hiesigen Markt unterbunden hat. Insgesamt entscheidender ist wohl, dass der Vertrieb von IF Produkten eine Kunst ist, die aktuell nicht in Deutschland praktiziert wird, weil sie keiner zu beherrschen scheint oder bereit ist, aus Fehlern zu lernen und weiter zu machen. Wer weiß oder lernt, wie er die bestehenden Mentalitäten ansprechen und bedienen kann, wird auch hier langfristig erfolgreich sein. Ich denke es spricht auch nichts dagegen, die Gemeinsamkeiten mit anders motivierten ethischen Vorstellungen zu unterstreichen, wenn man islamische Finanzdienstleistungen anbietet. Ich denke beispielsweise an die Parallelen zwischen dem islamischen Aktien-Screening und den „Sin-Stocks“, wie sie von christlichen Anlegern in den USA gemieden werden. Bis auf das Schweinefleisch, was ja bekanntlich auch nach der jüdischen Religion verboten ist, besteht hier absolute oder vorsichtig: nahezu absolute Einigkeit. Diese Botschaft zusammen mit einer erfolgversprechenden Rendite in der Breite zu transportieren, ist nicht so leicht wie es jetzt vielleicht klingt, aber ich bin optimistisch, dass es in absehbarer Zeit gelingen kann - und zwar nicht aus abstrakt-theoretischen Betrachtungen sondern aufgrund von Gesprächen mit Bankern und Fondsmanagern, deren Innovation, Kreativität und auch Willen mich beeindruckt haben.

Also gut, was hat denn die in Deutschland ansässige Finanzindustrie, von der Sie ja die Auslandsbanken und -fondsgesellschaften zum größten Teil vertreten, bisher an Opportunitäten verpasst?

(lacht) Danke – Also zunächst möchte ich unterstreichen, dass der Zug noch nicht abgefahren ist; wenn man aber noch allzu lange wartet, heißt es bald: „Türen-Schließen!“. Dann sind andere dort, wo die Nachfrage herrscht, nämlich in der Golfregion, Malaysia und nun verstärkt beispielsweise auch in der Türkei. Was die Folgen unseres langen Zögerns etwas nivelliert ist, dass die deutsche Volkswirtschaft einschließlich der uns zugesagten Mentalität einen exzellenten Ruf in diesen Ländern und Regionen genießt. Selbst mit einem sehr übersichtlich strukturierten Aktienfonds, der sich beispielsweise auf den DAX oder M-DAX konzentriert, wird man es nicht sehr schwer haben, eine wirksame Marketingstrategie zu finden. Auch für ein deutsches Immobilienportfolio werden sich Anleger begeistern lassen. Den typischen Bedenken, denen diese Anlageklasse hier gegenwärtig ausgesetzt ist, kann man jedenfalls entgegenhalten, dass Subprimestrategien unstreitig unislamisch sind. Aber auch Zertifikate mit einem Basiswert aus unserer Ökonomie können insbesondere bei den in den Golfstaaten ansässigen „High Networth Individuals“ Erfolg haben. Ein islamisches Swap-Geschäft zur Absicherung von Unternehmerrisiken ist eine weitere Möglichkeit von hier ansässigen Banken, sich in islamischen Regionen einen Namen zu machen. Entscheidend ist wie gesagt, dass man sich mit seinem Produkt auf einen Basiswert bezieht, der aus einem reputablen und stabilen Umfeld kommt. Das trifft auf Deutschland zu.

Trotzdem bestehen gewisse Vorbehalte gegenüber dem Islamismus...

...weil viele bei diesem Stichwort leider schnell an 9/11, das frauenfeindliche Regime in Afghanistan oder die sinistere Clownerie des Herrn Ahmadinedschad denken. Was dort geschieht oder geschehen ist, ist aber alles andere als islamisch. Ich würde die Aufmerksamkeit lieber auf Malaysia lenken. Den Vorsitz der dortigen Zentralbank hat seit über zehn Jahren eine Frau, Dr. Zeti Akhtar Aziz. Ich selbst würde es im Übrigen auch vorziehen, wenn ich oder mein Glauben nicht an Verbrechen, die die Christenheit in ihrer langen Geschichte begangen hat, gemessen werden. Der Islam trägt selbstverständlich nichts Verbrecherisches in sich, ebenso wenig wie die anderen Weltreligionen. Dass sich Egoismus, Chauvinismus und selbst Sadismus unter dem Deckmantel einer Religion entfalten können, haben wir nicht durch den Islam lernen müssen. Die Prinzipien auf denen IF beruht, können jedenfalls von jedem Menschen, der sich einer christlichen oder jüdischen Ethik verbunden fühlt, mitgetragen werden. Das Zinsverbot ist ja ein urchristlicher Gedanke, den bekanntlich auch Thomas von Aquin philosophisch untermauert hat, indem er auf die „Unfruchtbarkeit“ des Geldes verwies. Mittlerweile findet sich dieser Gedanke nur noch im IF soweit ich weiß.

Das hieße doch aber in letzter Konsequenz, dass man Verstöße gegen das Riba-Verbot, also auch das Nehmen von Zinsen, bestrafen muss, wie dies manche islamische Staaten tun. Oder man solche Strafen zumindest billigen muss.

Nein, sicher nicht. Das ist auch kein Konsens unter den gläubigen Moslems. Ich würde aber soweit gehen zu sagen, dass Geschäfte mit unverhältnismäßigen Zinssätzen keinesfalls ethisch oder gutzuheißen sind. Das ist auch der Gedanke im Wucherverbot des § 138 unseres Bürgerlichen Gesetzbuches. Man kann es demgemäß aber getrost bei der Nichtigkeit des Geschäfts belassen; darüber hinausgehende Sanktionen sind meiner Meinung nach nicht nötig. Ich bin aber auch kein Scharia-Gelehrter...

Zumindest machen Sie äußerlich nicht den Anschein. Welchen anderen Themen sehen Sie für eine Initiative Ihres Verbandes geeignet?

Beispielsweise besteht das Problem, dass für die stärker regulierten Publikumsfonds, vor allem diejenigen, die nach der UCITS-Richtlinie strukturiert sind, strenge Anlagegrenzen vorgeschrieben sind. Das gilt zwar auch für einen islamischen Portfoliomanager unabhängig von den Vorschriften im Investmentgesetz, allerdings dürfen die UCITS-Fonds keine Warengeschäfte machen, was den Erwerb vieler islamischer Finanzprodukte unmöglich macht.  Da diese Fonds in der EU die höchsten Anforderungen an die Risikodiversifikation erfüllen müssen, was auch in einer islamischen Anlagestrategie wichtig ist, wäre es besonders ungünstig, wenn ausgerechnet die besonders bei Kleinanlegern beliebten UCITS im IF nur begrenzt nutzbar wären. Großes Potential sehe ich für IF aber mit Blick auf die AIFM-Richtlinie, die 2013 in der EU umgesetzt sein wird.

Herr Schulte, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Zum Interview-Partner:

Dr. Martin Schulte, LL.M ist Abteilungsdirektor Kapitalmarkt im Verband der Auslandsbanken in Deutschland und als Rechtsanwalt in Deutschland und England zugelassen. Zu seinen Themenschwerpunkten zählt neben Islamic Finance die nationale und europäische Regulierung von Fonds und Derivaten.

Kontakt:

Dr. Martin Schulte
[email protected]
T +49 69 9758500


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