Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot steht Deutschland vor einer möglichen Neuordnung der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge. Der Kern der Reform ist die Abkehr von der bisherigen Riester-Logik für Neuabschlüsse und die Öffnung für kapitalmarktorientierte Lösungen ohne verpflichtende Garantievorgaben. Damit rücken Fonds, ETFs und professionell gesteuerte Portfolios stärker in den Mittelpunkt langfristiger Vorsorge. Zugleich bleibt die Reform ein Vorhaben mit offenen Flanken: Die Zustimmung des Bundesrats steht noch aus, und zentrale Fragen zu Regulierung, Kosten, Vertrieb, digitaler Umsetzung und Akzeptanz werden darüber entscheiden, ob aus dem politischen Reformimpuls tatsächlich ein breiterer Zugang zum Kapitalmarkt entsteht.
In der Fachwelt wird die Reform überwiegend als überfälliger Schritt begrüßt, um Deutschland an internationale Standards heranzuführen. So sieht Jan Schepanek (FFB) in der neuen Flexibilität eine historische Chance für deutlich höhere Renditepotenziale, während Christian Pellis (Amundi) betont, dass die Mobilisierung von privatem Kapital die hiesige Aktienkultur nachhaltig stärken könne. Auch Thiemo Volkholz (AllianceBernstein) wertet den Verzicht auf starre Beitragsgarantien als essenziell, um Anlagestrategien besser auf individuelle Lebensphasen und Risikoprofile zuzuschneiden. Diese Aufbruchstimmung wird jedoch durch kritische Einwände hinsichtlich der praktischen Ausgestaltung gedämpft.
Jörg Held (ETHENEA) gibt zu bedenken, dass die gedeckelte Förderung von maximal 1.800 Euro Eigenbeitrag pro Jahr im europäischen Vergleich zu niedrig ausfalle, um einen echten Durchbruch zu garantieren. Zudem warnt Philip Schätzle (Metzler Asset Management) vor potenziell restriktiven Kostendeckeln, die gerade wertvolles aktives Management benachteiligen könnten. Ergänzend weist Tobias Wittkamp (State Street) auf die operativen Risiken hin: Die Komplexität in der Umsetzung sowie das Zusammenspiel von Standardprodukten und privaten Angeboten könnten die wirtschaftlichen Anreize für Anbieter schmälern. Damit bleibt das Altersvorsorgedepot zwar ein vielversprechendes Instrument, dessen Erfolg jedoch maßgeblich von einer einfachen digitalen Infrastruktur und einer substanziellen Verbesserung der Finanzbildung in der Bevölkerung abhängen wird.
Mit den Pfeiltasten (← / →) oder per Wischgeste auf Mobilgeräten können Sie durch die Antworten der Expertinnen und Experten navigieren.