Brasilien: Der ehemalige Marxist Lula ist kein realitätsferner Sozialromantiker
Fome zero – null Hunger hat der brasilianische Präsident den 170-Millionen Bürgern seines Landes versprochen. Mit aller Macht will Lula da Silva die Armut bekämpfen. Doch der ehemalige Marxist ist kein realitätsferner Sozialromantiker. Er weiß, nur marktwirtschaftliche Reformen führen das Land aus der Krise.
Problem Auslandsschulden
Eines der gravierendsten Probleme: die Auslandsschulden. Sie belaufen sich auf 230 Milliarden Dollar, für deren Bedienung im vergangenen Jahr rund 46 Milliarden Dollar aufgewendet werden mussten. Das entspricht 72 Prozent der Exporterlöse des südamerikanischen Landes.
Keine Alternative zur Rückzahlung
Aber es gibt keine Alternative: Nur wenn Brasilien seine Gläubiger pünktlich bedient, hat das Land das Vertrauen der internationalen Finanzwelt und nur mit ihrer Hilfe kann Lula auch die Sozialsysteme reformieren.
Glaubwürdigkeitsoffensive von Lula beim neuen Personal
Deshalb besetzte er den Posten des Zentralbankpräsidenten mit dem in Investorenkreisen geschätzten Henrique Meirelles. Auch Finanzminister Antonio Palocci spielt in Lulas Glaubwürdigkeitsoffensive eine wichtige Rolle. Immer wieder betont er die Notwendigkeit einer ordentlichen Fiskalpolitik.
Die mit Palocci und Meirelles verbundene Botschaft ist klar: Wir stehen für Stabilität, Brasilien ist mit Argentinien und seiner unberechenbaren Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht zu vergleichen.
Banken und Wirtschaft sind mit Lula zufrieden
Lulas Strategie funktioniert: Banken und Wirtschaft sind zufrieden, der Internationale Währungsfonds unterstützt das Land mit Krediten. Auch die Rating-Agentur Fitch ist angetan.
Sie hat den Ausblick für Brasilien von negativ auf stabil heraufgestuft. Als Grund nennt Fitch die Fortschritte in der Leistungsbilanz. Brasilien konnte seine Exporte und Deviseneinnahmen erheblich steigern.
Für Experten sind Brasilien-Bonds ein Kauf
"Gut möglich, dass auch Standard & Poor’s sowie Moody’s bei einer anhaltenden Besserung schon bald eine Neueinschätzung vornehmen", sagt Beda Kronlage von der WGZ-Bank.
Für den Experten sind Brasilien-Bonds ein Kauf, auch wenn sich die Kurse seit ihrem Tiefstand im September 2002 bereits kräftig erholt haben. Trotzdem gibt es bei Brasilien-Bonds noch eine Rendite von gut zwölf Prozent.
Neben den verbesserten Rahmenbedingungen bietet Brasilien einen weiteren Vorteil: "Das Land ist von den negativen Auswirkungen des Irak-Krieges nur in vergleichsweise geringem Maße betroffen", sagt Kronlage.
Kassin ist besorgt über die Inflation in Brasilien
Auch Raphael Kassin, Fondsmanager des ABN Global Emerging Bond und gebürtiger Brasilianer, beurteilt die Aussichten in seinem Land positiv. Er hat zwölf Prozent des Fondskapitals in Brasilien investiert. Bedenklich stimmt ihn aber die Inflationsrate von über zehn Prozent. Dies lasse der Zentralbank keinen Raum für Zinssenkungen.
Ecuador: Kassin hat die Bonds des Landes mit 30 Prozent gewichtet
Deutlich mehr Potenzial sieht Kassin derzeit in Ecuador. So notiert die 2012 auslaufende Dollaranleihe aktuell bei 74 Prozent. Insgesamt hat Kassin Ecuador mit 30 Prozent gewichtet. Wie in Brasilien, lasse die Regierung keinen Zweifel an ihrem marktwirtschaftlichen Kurs aufkommen. Noch dazu profitiere Ecuador von dem hohen Ölpreis.
Venezuela-Bonds sind wieder interessant
Der Ölpreis macht auch Venezuela-Bonds interessant. Nach dem Ende der Streiks in Venezuela ist die Ölproduktion fast wieder auf dem alten Niveau. Kassin rechnet nun mit einer kräftigen Erholung der Staatsanleihen.
Kolumbien: Angst vor Drogenmafia und Militärputsch
Dagegen warnt er vor einem Engagement in Kolumbien. "Ich will nicht eines Tages aufwachen und hören, dass Präsident Alvaro Uribe von der Drogenmafia ermordet wurde oder die Militärs die Macht im Land übernommen haben. Die Folgen für die Anleihen wären fatal."
Favorit Russland
Ein Favorit unter den Schwellenländern ist dagegen Russland. Mit entsprechenden Bonds erzielten Investoren in der Vergangenheit hohe Wertsteigerungen: So lag die Rendite im Jahr 2000 bei 58 Prozent, um 23 Prozent vermehrten Anleger ihr Kapital im Jahr darauf, immerhin noch zwölf Prozent sprangen 2002 heraus.
"Niedrige zweistellige Renditen sind in Russland auch 2003 noch drin"
Ist nun ein Ende des Höhenflugs zu befürchten? "Niedrige zweistellige Renditen sind auch noch in diesem Jahr drin", meint Michael Discher-Remmlinger, Manager des DIT Emerging Market Fonds.
Er ist mit 22 Prozent in russischen Staatsanleihen investiert. Wegen der höheren Liquidität bevorzugt er in Dollarwährung ausgegebene Papiere und sichert das damit verbundene Währungsrisiko ab.
"Putin setzt marktwirtschaftliche Reformen langsam, aber kontinuierlich um"
Sein wichtigstes Argument für Russland: "Seit dem Machtantritt von Wladimir Putin werden marktwirtschaftliche Reformen zwar langsam, aber dafür kontinuierlich umgesetzt." Discher-Remmlinger verweist auf Privatisierungserfolge, erhöhte Steuereinnahmen und deutliche Produktivitätsfortschritte.
Russland verfügt über 54 Milliarden Dollar Währungsreserven
Dank der Entwicklung des Ölpreises verfügt Russland zudem über hohe Währungsreserven. Sie bewegen sich aktuell auf einem Rekordniveau von mehr als 54 Milliarden Dollar. "Bei einem solchen Liquiditätspolster ist ein Ausfall nicht zu befürchten", sagt der Fondsmanager.
Aber Russland-Bonds droht mangelnde Kursphantasie
An der relativen politischen und wirtschaftlichen Stabilität Russlands sollten auch die im Jahr 2004 stattfindenden Wahlen nichts ändern. An einen erneuten Sieg Putins zweifelt ernsthaft niemand. Doch auch dieser Wahlausgang dürfte nach Meinung Discher-Remmlingers die Rating-Agenturen nicht dazu bewegen, Russland auf Investment-Grade heraufzustufen.
Das aber wäre schlecht für die Anleihen. Denn ihnen fehlte damit jede Kursphantasie. Viele Institutionelle dürfen nämlich nur in Papiere investieren, deren Bonität einen Mindeststandard, etwa Baa3 bei Moody’s, erreicht.
Die Ukraine holt wirtschaftlich auf, bleibt politisch aber ein Wackelkandidat
Deutlich höhere Risiken als in Russland sieht Discher-Remmlinger bei ukrainischen Anleihen. Zwar hätten sich die makroökonomischen Bedingungen dort verbessert – 2002 wuchs die Wirtschaft um 2,2 Prozent, auch die Währungsreserven sind gestiegen – doch in dem von Präsident Leonid Kutschma autoritär regierten Staat wachsen die innenpolitischen Spannungen.
Südafrika glänzt mit Investmentgrade-Status
Zu den wenigen Ländern unter den Emerging Markets, denen die Rating-Agenturen bereits Investmentgrade-Status bescheinigen, gehört Südafrika. Standard&Poor’s bewertet die Bonität am Kap bereits mit BBB–.
Jan Holthusen, Leiter Renten bei der DZ-Bank, sieht noch weiteres Aufstufungspotenzial, das zu erneuten Renditeeinengungen beziehungsweise Kurssteigerungen führen könnte.
"Südafrikas Regierung zeichnet sich durch fiskalische Disziplin aus"
"Die Verschuldungskennziffern fallen deutlich besser aus als die vergleichbarer Emittenten. Dazu zeichnet sich die Regierung durch fiskalische Disziplin aus", lobt Holthusen die Arbeit von Präsident Thabo Mbeki. So war auch das Haushaltsdefizit des Landes im vergangenen Jahr geringer als geplant.
Südafrika: Langfristig drohen Gefahren durch Aids
Südafrika profitiert zudem vom Anstieg des Goldpreises. Holthusen schätzt, dass das Minus im Staatsbudget auch künftig auf niedrigem Niveau bleiben wird.
Nicht kurzfristig, aber auf längere Sicht sieht Holthusen für Südafrikas Wirtschaft aber Gefahren, vor allem durch die Immunschwächekrankheit Aids. Fünf Millionen Südafrikaner sind an dem HIV-Virus infiziert. Aktuell sind für den Experten Südafrika-Bonds dennoch ein Kauf.
Schwellenländer bieten Reformen und Krisen
Fazit: Die marktwirtschaftlichen Reformen in vielen Schwellenländern verminderen das Risiko einer Investition in ihre Bonds. Zudem liegen die Renditen im Schnitt um sechs Prozentpunkte über denen vergleichbarer Staatspapiere.
Das Beispiel Argentinien zeigt aber, dass jederzeit mit Rückschlägen zu rechnen ist. Es gilt also, die wirtschaftliche und politische Entwicklung in den einzelnen Ländern genau zu beobachten. Wem dazu die Zeit fehlt, der verlässt sich besser auf Fondsmanager.
Schwellenländer-Fonds: 2003 liegen alle im Plus
Fonds: ISIN
1. ABN Global Emerging Bond: LU 008 549 478 8
2. ABN Latin American Bond: LU 007 658 532 1
3. Amex Global High Yield: LU 008 927 693 4
4. Amex Emerging Market Debt: LU 006 147 461 4
5. Deka Team EM Bond: IE 000 333 115 8
6. DIT Emerging Markets Bond: XC 000 986 790 1
7. JPMF Emerging Debt $: LU 007 284 586 9
8. Julius Bär Emerging Bond Euro LU 008 139 440 4
9. Parvest EM Bond: LU 008972 693 4
10. Trinkaus Euro high-yield: LU 005 635 870 7
Fonds: Wertentwicklung seit 1.1.2002 (in %)
1. ABN Global Emerging Bond: 9,2
2. ABN Latin American Bond: -3,5
3. Amex Emerging Market Debt: 3,8
4. Amex Global High Yield: 12,8
5. Deka Team EM Bond: 22,0
6. DIT Emerging Markets Bond: 29,4
7. JPMF Emerging Debt USD: -0,7
8. Julius Bär Emerging Bond Euro 12,0
9. Parvest EM Bond: -2,5
10. Trinkaus Euro high-yield: 10,0
Fonds: Wertentwicklung seit 1.1.2003 (in %)
1. ABN Global Emerging Bond: 14,7
2. ABN Latin American Bond: 18,4
3. Amex Emerging Market Debt: 9,7
4. Amex Global High Yield: 6,3
5. Deka Team EM Bond: 8,7
6. DIT Emerging Markets Bond: 11,8
7. JPMF Emerging Debt USD: 7,9
8. Julius Bär Emerging Bond Euro: 9,8
9. Parvest EM Bond: 5,9
10. Trinkaus Euro high-yield: 5,5
Quelle: Euro am Sonntag, FVBS, Daten per 14.4.03