Gröschls Mittwochskommentar: 24/2022

Der wöchentliche Blick auf die Märkte, (Geo-)Politik, Known Unknowns und andere wichtige Entwicklungen. Verfasst von e-fundresearch.com Gastautor Florian Gröschl, Geschäftsführer und Miteigentümer der Absolute Return Consulting GmbH. Markets | 15.06.2022 10:54 Uhr
Florian Gröschl, Geschäftsführer und Miteigentümer der Absolute Return Consulting GmbH / © e-fundresearch.com & interfoto
Florian Gröschl, Geschäftsführer und Miteigentümer der Absolute Return Consulting GmbH / © e-fundresearch.com & interfoto

So ganz hat das mit der kurzfristigen Stabilisierung erst einmal nicht hingehaut, aber was nicht ist, kann ja noch werden, halt zehn, fünfzehn Prozent tiefer. ;-) Ein bisschen bitter ist, dass die EZB, die ja ohnehin schon einen zumindest diskutierbaren Job macht, nicht ganz unschuldig an der kurzfristigen Entwicklung ist. Drum fühlt sie sich anscheinend auch genötigt, heute ein Emergency Meeting abzuhalten. Schau mer mal. Es bleibt jedenfalls sehr spannend, nicht zuletzt deshalb, weil wir im Gegensatz zur post-GFC Geschichte in den drei großen Wirtschaftsräumen der Demerging Countries drei Zentralbanken mit völlig unterschiedlichen Strategien sehen. Natürlich sind auch die Voraussetzungen hüben wie drüben durchaus andere, aber für den geneigten Marktbeobachter macht es die Sache natürlich nicht leichter.

Überhaupt könnten sich viel junge Analysten, Trader und Portfoliomanager ein bisserl schwer tun mit einem Markt, der seit rund fünfzehn Jahren ausschließlich Liquiditäts- und Preis-getrieben war und in dem es jetzt plötzlich darum geht, Assets auch tatsächlich zu bewerten und – was möglicherweise viel wichtiger ist – in dem Scheitern wieder erlaubt werden könnte. War es doch seit 2008 so, dass wo immer Risiken aufgetreten sind, diese durch Liquiditätsspritzen, Übernahmen von Risikokapital oder direkte Käufe von diversen Assets durch die Zentralbanken sozialisiert und mithin bis zur Unkenntlichkeit verschleiert wurden. Schauen wir wie das mal weitergeht. Tatsächlich dürfte zumindest auf der Krypto-Zocker-Seite eine gewisse Marktbereinigung stattfinden. Nicht alles was hier vor kurzem noch glänzte, scheint sich auch tatsächlich als Gold herauszustellen. Ob´s das jetzt war mit den Dingern? No idea, aber das öffentliche Interesse an „Währungen“, die im Wesentlichen dazu dienen, Transaktionen zu ermöglichen, die in der Regel genau diesem entgegenstehen, scheint irgendwo enden wollend, fürcht ich.

Da nach dem Spiel bekanntlich vor dem Spiel ist, die (über Jahre hinweg ;-)) angesagten Katastrophen, diesmal tatsächlich gerade stattfinden bzw. zum Teil endlich stattgefunden haben, ist es wohl Zeit wieder in die Zukunft zu Blicken und dem Motto – in jeder Pleite liegt ne Chance – die Ecken des Marktes zu finden, die eventuell schon ein bisserl ausgebombt sind. Die Grundannahme ist hier, dass die wirtschaftliche Situation eher zu gut (das kann sich natürlich ändern!), der Arbeitsmarkt zu eng und die Inflation natürlich zu hoch ist, wir es aber im Gegensatz zu vergangenen Krisen weder mit einem Schwan (welcher Schattierung auch immer) noch mit einer systemischen Krise (des privaten Sektors) zu tun haben, sondern mit einem Kessel, der vor allem in den USA unter Volllast läuft, weil wir in der Vergangenheit neben den üblichen Kohlen ein bisserl zu viel (Euphemismus?! ;-)) Brandbeschleuniger hineingeschüttet haben. Schafft es die FED nun den überschüssigen Dampf abzulassen und gleichzeitig das Feuer zu reduzieren, ohne dass die Hütte explodiert oder der Ofen ganz ausgeht, schaut die Geschichte, dort, wo tatsächlich produktiv und sinnvoll gearbeitet wird bzw. wo es eine Basisnachfrage gibt, so schlecht gar nicht aus.

Natürlich neigen wir dazu das Kind mit dem Bade auszuschütten, aber zwischen den größten europäischen Immobilienwerten, die aktuell bei einem KGV von sechs handeln und diversen Start-Ups, die sich von einer Finanzierungsrunde zur nächsten hangeln, wird´s bei näherer Betrachtung wahrscheinlich schon irgendwo einen gewissen Unterschied geben. Nämliches gilt auf der Anleihenseite. Natürlich tut´s weh wenn die Zinsen steigen und natürlich werden nicht alle Emittenten heil durch den beginnenden Default-Zyklus kommen, aber eine dreijährige Anleihe vom durchschnittlichen Dax Konzern wird aller Voraussicht nach in drei Jahren zu 100 getilgt werden und dabei ist es ziemlich egal ob die Bude mit drei, fünf, zehn Porzent p.a. oder gar nicht wächst. In diesem Zusammenhang muss man wohl auch mal wieder eine Lanze für aktives Management brechen, im (Unternehmensanleihen)Bereich haben ETFs nur eine sehr eingeschränkte Lebensberechtigung.

Hinzukommt, dass mit steigenden Renditen auch die Carry, ie das Risikobudget steigt, da wir nach vielen sehr trockenen Jahren endlich wieder ein Zinseinkommen erzielen können, dass es uns ermöglicht, auch Fehler zu machen. Apropos Fehler: Ein bisserl problematisch präsentiert sich eventuell der ganze Private-Market Bereich, der aufgeblasen von gewaltigen Mengen überschüssiger Liquidität viele Touristen angezogen hat, die dann wiederum in Deals hineingejagt wurden, die vielleicht nicht mehr ganz billig und mittelfristig eventuell nicht mehr ganz werthaltig sein könnten. Die Schönheit dabei ist, dass dort, wo es kein öffentliches Mark-to-Market hat, wir wieder auf altbewährte Strategien wie Mark-to-Myth zurückgreifen können. ;-) Irgendwann wird´s dann halt manchmal leider binär, was besonders schmerzhaft ist, wenn man bis zum X-Tag der Meinung war, dass die mit 100 bewertete Position auch 100 wert ist. Overowned and under Researched

Gesellschaftspolitisch könnte das Ausatmen auf den nicht öffentlichen Märkten sogar eine reinigende Wirkung haben, dürften Mrs. & Mr. Smith ihr Erspartes eher nicht im gerade gehypten PE Fonds angelegt haben (die waren schon eher bei Cathie Wood ;-)) und mithin wird´s ihnen auch eher wurscht sein, wenn der dann über den Jordan gehen sollte. Was wiederum die in den letzten Jahren explodierte Schere zwischen denen mit ein bisserl mehr Moos und den anderen zumindest ein wenig reduzieren könnte. Das wiederum ist natürlich für die Sozialisten dieser Welt nur ein Phyrros-Sieg, werden zum einen die Armen natürlich nicht reicher, wenn die Reichen ärmer werden und zum anderen trifft´s die wirklich großen Vermögen maximal am Rande, weil die haben nämlich in 2009 in Private Equity investiert und nicht im Jahr 2021… ;-)

Apropos Sozialisten, da ist´s natürlich in die UDSSR (CCCP), bzw. was davon entgegen den laufenden Bestrebungen vom Zarewitsch Putin und seinem unsäglichen Krieg noch übrig ist, nicht weit. Dass ich der Meinung bin, dass es niemand nützt einen weiteren Soldaten dort zu opfern und, dass mit jedem weiteren Gefechtstag das annektierte Territorium der Russen eher größer und mithin schwerer(if) wiederzugewinnen sein wird, dürfte inzwischen bekannt sein. Eine ganz interessante Erkenntnis, die in der Deutlichkeit ich erst letzte Woche bei einem Vortrag eines ehemaligen amerikanischen Botschafters in Deutschland, der jetzt für eine große US Capital Group ;-) arbeitet, gewonnen habe, ist, dass man Autokraten zuhören muss. Im Gegensatz zu unseren demokratisch gewählten Politikern, die aus bekannten Gründen, es mit der Wahrheit nie so genau nehmen, haben Autokraten, sind sie erst einmal isoliert, kaum eine Notwendigkeit in außenpolitischen Belangen zu lügen. Recht spannend in diesem Zusammenhang ist Putins Rede bei der Sicherheitskonferenz in München 2007. (zu finden im Internet!)  Der eigenen Bevölkerung gegenüber ist die G´schicht hier wie dort selbstredend eine andere…

Und aus! :-)

Florian Gröschl, Geschäftsführer und Miteigentümer der Absolute Return Consulting GmbH

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