Institutioneller Altersvorsorge Herbstdialog 2022: Pensionsreformen sind in Österreich notwendig

Markets | 24.10.2022 10:07 Uhr
Institutioneller Altersvorsorge Herbstdialog 2022 / ©  Sabine Klimpt
Institutioneller Altersvorsorge Herbstdialog 2022 / © Sabine Klimpt

Beim Institutionellen Altersvorsorge Herbstdialog 2022 trafen in Wien wieder Experten aus Finanz, Politik und Wirtschaft aufeinander, um das Thema Alters- und Zukunftsvorsorge zu diskutieren. e-fundresearch.com war auch dieses Jahr wieder als exklusiver Medienpartner dabei. Weitere Einblicke, Berichte und Fotogalerien folgen in Kürze.

Inflation, Krieg und Fachkräftemangel bringt das Fass in der Pensionsdebatte zum Überlaufen. Auftakt und Eröffnungs-Keynote machte IHS-Direktor und Ökonom, Prof. Dr. Klaus Neusser. Er beleuchtete die mittelfristigen Perspektiven der österreichischen Wirtschaft: „Die Inflation erreicht gegen Ende dieses Jahres ihren Höhepunkt und bildet sich 2023 langsam auf etwa 5 Prozent zurück. Sie ist aber gekommen, um zu bleiben. Für Panik und Angst besteht kein Grund.“ Neusser beruhigt: „Wir kommen wohl mit ein paar Schrammen gut durch den Winter. Die Wirtschaft stagniert bei relativ stabilem Arbeitsmarkt auf hohem Niveau.“ Beunruhigend sei lediglich das negative Investitionsklima, das die mittelfristigen Aussichten schmälere, so der Ökonom.

Daran inhaltlich angeschlossen, wurde beim hitzigen Polit-Talk eingehend darüber diskutiert, wie es zukünftig unter anderem mit der Kapitalanlage und der Altersvorsorge in Österreich weitergehen soll.

Die Österreicher gehen viel zu früh in Pension

Im Grunde nichts Neues: Die Österreicher gehen seit Jahrzehnten viel zu früh in Pension. Ein gängiges Missverständnis der Frühpensionist:innen dabei, sie hätten schließlich lang genug eingezahlt. Niemand zahlt in Österreich für sich selbst ins Pensionssystem ein, alle Erwerbstätigen tun das für die Generation ihrer Eltern. Das ist der Kern des sogenannten Umlagesystems und dieses System funktioniert, so lange die Zahl der Aktiven schneller wächst als jene der Pensionisten. In der Diskussion bekräftigte daher der Abg.z.NR Gerald Loacker, Sozialsprecher der NEOS: „In schwierigen und unsicheren Zeiten ist Altersvorsorge auf drei Säulen mindestens so wichtig, wie sie es in ruhigeren Jahren war. Daher fordern wir für die ersten Säule eine Flexipension mit Pensionsautomatik.“ Dies bedeute, dass die steigende Lebenserwartung automatisch im Pensionssystem eingebaut werden soll. Die Gutschriften auf dem Pensionskonto werden auf die statistische Restlebenserwartung verteilt. Loacker habe auch bereits am 3. November 2021 im Parlament eine Ausweitung und damit verbundene Anpassungsmöglichkeiten in der zweiten und dritten Säule der Altersvorsorge beantragt. „Aber der Antrag wird seitens Regierung bis heute einfach ignoriert“, so Loacker und appelliert auf den dringenden Reformbedarf: „Ohne Reformen bleibt das Versprechen der sicheren Pensionen eine große Lüge.“

Das Verhältnis zwischen Beitragszahler und Pensionsempfänger hat sich zudem dramatisch verschlechtert. Womit die Gefahr wächst, dass die Jüngeren die finanziellen Lasten des Sozialstaats nicht mehr stemmen können. Wer dies thematisiert, gerät schnell in den Verdacht, das staatliche Pensionssystem schlechtmachen zu wollen, um dessen Privatisierung voranzutreiben und der Finanzwirtschaft neues Geschäft zuzuschanzen. Die Sprecher beharrten darauf, dass sie das Umlagesystem weder privatisieren noch abschaffen wollen. Es geht einzig und allein darum, den vielen jungen Menschen mehr Möglichkeiten zu geben, sich rechtzeitig und aktiv gegen drohende Altersarmut zu schützen. Die derzeitige Situation rund um Inflation, Krieg und Fachkräftemangel bringe dabei das Fass noch zum Überlaufen.

Von Seiten der Pensionskassen wurde von Mag. Günther Schiendl, Vorstand der VBV-Pensionskasse, der größten Pensionskasse in Österreich mit über 8,3 Milliarden verwaltetem Vermögen ergänzt: „Nicht nur Fachkräfte, sondern auch viele junge Mitarbeitende erwarten mittlerweile mehr von Unternehmen, als nur einen Gutschein fürs Fitness-Center. In der neuen Arbeitswelt geht es den Menschen auch um eine attraktive Altersvorsorge, die mit nachhaltiger Veranlagung zur Lebensqualität im Alter beiträgt. In Zeiten von zunehmendem Mangel auf den Arbeitsmärkten entdecken die Unternehmen die betriebliche Altersvorsorge immer mehr als Möglichkeit, Mitarbeitende langfristig ans Unternehmen zu binden.“

Dem Leiter der Sozialversicherung der Arbeiterkammer Wolfgang Panhölzl, war wichtig zu betonen: „Das österreichische Pensionssystem bietet im internationalen Vergleich eine sehr gute Absicherung, auch für die heute Jüngeren. Trotz steigender Lebenserwartung und der deutlich steigenden Zahl der Älteren steigen die Pensionsausgaben gemessen am BIP langfristig nur äußerst moderat an.“ Das bestätige auch laut Panhölzl der aktuelle Ageing Report 2021(AR 2021) der EU-Kommission neuerlich. Während sich der Anteil der Bevölkerung ab 65 Jahren von 18,2% (2013) bis 2070 auf 29,3 % um mehr als 60% erhöht, steigt der Anteil der Pensionsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) im selben Zeitraum gerade einmal um einen halben Prozentpunkt von 13,8% (2013) auf 14,3 % (2070). „Das ist kein Zufall“, so Panhölzl bei dir Diskussion weiter. „Die Reformen der letzten Jahrzehnte (Pensionsharmonisierung, Pensionskonto, Reform der Invaliditätspensionen etc.) wirken. Österreich ist dem Irrweg der Pensionsprivatisierung nicht gefolgt und gilt heute mit seinem sozialen und nachhaltigen Pensionssystem anderen Ländern als Vorbild.“ Der Sozialversicherungs-Experte verdeutlicht weiter: „Die nachhaltige Finanzierung des Pensionssystems entscheidet sich allem voran am Arbeitsmarkt. Die Anhebung des faktischen Pensionsalters bleibt ein zentrales Ziel der Pensionspolitik.“ Wesentlich sei, dass mehr Menschen einen Zugang zum Arbeitsmarkt und gute Erwerbschancen mit einem guten Einkommen ermöglicht werde. Panhölzl appelliert: „Wir brauchen Qualifizierung vor allem auch für Ältere und alternsgerechte Arbeitsplätze. Wir müssen Prävention, Rehabilitation und Inklusion ernst nehmen, sonst kann es nicht gelingen, mehr Menschen bis 65 im Job zu halten. Und wir brauchen dringenden Ausbau der Kinderbetreuung und der Ganztagsschulen, um Frauen Vollzeit mit gutem Einkommen statt Teilzeit zu ermöglichen. Das durchschnittliche Pensionsantrittsalter ist seit 2000 bei den Männern von 58,5 auf 61,9 Jahre, also um 3,4 Jahre, und bei den Frauen von 56,8 auf 59,9, also um 3,1 Jahre, gestiegen. Allein in den letzten 10 Jahren betrug der Anstieg sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen mehr als 2 ½ Jahre!“ Und es werde weiter steigen. „Die nächste Herausforderung stellt die Anhebung des Frauenpensionsalters von 60 auf 65 ab 2024 dar. Der Wermutstropfen dabei, derzeit geht rund die Hälfte der Frauen nicht aus Beschäftigung, sondern aus Arbeitslosigkeit in Pension“, schließt Panhölzl.

NEOS Sozialsprecher Gerald Loacker, ÖGB Chefökonomin Helene Schuberth und Mag. Wolfgang Panhölzl, Leiter Sozialversicherung, AK-Wien

Von Gewerkschaftsseite wurde vehement von ÖGB-Chefökonomin Helene Schuberth darauf hingewiesen, dass die multiplen Krisen des erst jungen 21. Jahrhunderts die Bedeutung sozialstaatlicher Absicherung – dazu gehört eine starke 1. Säule der Alterssicherung - verdeutlichen. „Das staatliche Pensionssystem kann weitaus besser gegen wirtschaftliche Verwerfungen, wie Rezession, Inflation oder Deflation absichern. Spätestens mit der Finanzkrise 2008/09, in deren Folge weltweit private Pensionskassen staatlich gestützt werden mussten, erwies sich die Finanzmarkteffizienzhypothese als Trugschluss – ebenso die ursprünglichen Renditeversprechen. Das globale Finanzsystem ist trotz Regulierungsreform nach 2007/08 inhärent instabil geblieben. Der inflationsbedingte restriktive geldpolitische Kurs führt nun insbesondere bei klassischen Asset-Klassen zu einem Wertverlust, es drohen weitere Turbulenzen“, ist Schuberth überzeugt. Ob in dieser Situation reale Erträge zur Vermögensbildung auch in Zukunft erzielt werden können, ist für die Ökonomin ungewiss. „Die Nachhaltigkeit des öffentlichen Pensionssystems wird am besten dadurch sichergestellt, indem die Erwerbsquoten weiter erhöht werden.“ Dazu brauche es z.B. einen flächendeckenden Ausbau der Ganztagsbetreuung für Kinder, Wertschätzung und Qualifizierungsmöglichkeiten für ältere Arbeitnehmer:innen, Prävention und betriebliche Gesundheitsförderung und vieles mehr. „Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit heißt daher auch, für gute Beschäftigungschancen in jedem Erwerbsalter zu sorgen“, so die Volkswirtin.

Hietzig mitdiskutiert hat auch Hon.-Prof. Dr. Walter Pöltner, der 2021 aus Frust zurückgetretene Vorsitzende der Alterssicherungskommission (ASK), weil die Politik die langfristigen Sicherungen der Pensionen nicht ernst genug nimmt. Dies bewahrheitet sich für ihn ebenso durch die Nicht-Nachbesetzung des Vorsitzes der ASK des Sozialministeriums (BMASK). Pöltner wurde nicht müde zu betonen, dass „ein funktionierender Generationenvertrag voraussetzt, dass allen Generationen dasselbe Maß an Respekt und Wertschätzung zu Teil wird – besonders in der Altersvorsorge.“

Institutioneller Altersvorsorge Herbstdialog

Der IAHD ist ein Gemeinschaftsprojekt der bAV- und Investoren-Community mit freundlicher Unterstützung der Bundesregierungen Österreich und Deutschland sowie des Bundesrates Schweiz für ein funktionierendes Altersvorsorgesystem in der DACH-Region. Teilnehmer:innen dieser exklusiven Tagung sind Vorstände und Entscheidungsträger von Pensions- und Vorsorgekassen, Versorgungswerken, Versicherungen und die Führungsspitze von Corporates die sich mit betrieblicher Altersvorsorge beschäftigt. Top-Experten bzw. Institutionelle Investoren aus den Bereichen Veranlagung, Finanzen, Produktmanagement, Risikomanagement und Recht aus Österreich, Deutschland und aus der Schweiz treffen auf Wirtschaftswissenschaftler, Spezialisten europäischer Pensionskassen-Verbände, hochrangige Vertreter der EU-Kommission, des EU-Parlaments und der Aufsichtsbehörde sowie auf Politiker und auf eine streng limitierte Anzahl an ausgewählten und erfahrenen Asset Managern der Institutionellen Kapitalanlagewelt.

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