Heute Morgen hat ein neuer Gast an meinem Frühstückstisch Platz genommen. Kevin Warsh, der neue Präsident der US-Notenbank, hat es wahrlich nicht leicht. Auf der einen Seite poltert ein sichtlich nervöser US-Präsident, der die Leitzinsen unter allen Umständen nach unten drücken will. Kein Wunder: Die US-Staatsverschuldung hat historische Ausmaße erreicht, und jeder Prozentpunkt mehr kostet dem lieben Donald Milliarden, die ihm in weiterer Folge in der Haushaltskasse fehlen. Auf der anderen Seite stehen Konjunktur und Inflation, jene zwei Größen, die die Fed gemäß ihrem Mandat eigentlich im Blick haben muss. Warsh ist erst seit kurzem im Amt, schlägt sich aber wacker: Er bleibt seiner Linie treu und stellt die Unabhängigkeit der Notenbank selbstbewusst ins Schaufenster. Und das mit der Gewissheit, dass man im Weißen Haus ganz andere Erwartungen an ihn hatte. Diese Leidensfähigkeit gehört 2026 wohl fest zum Anforderungsprofil des Fed-Chefs. Sein Vorgänger Jerome Powell wird das definitiv bestätigen können.
Blenden wir von der Weltpolitik zu einer aktuellen Studie, die ich dieser Tage intensiv gelesen habe. Im „Global Balance Sheet“ des McKinsey Global Institute wird die Vermögensentwicklung von 22 Ländern analysiert. Eines davon ist Österreich. Das Ergebnis? Wir haben die rote Laterne. Während das globale Nettovermögen pro Kopf in US-Dollar um satte 9,1 % zulegte, schrumpfte das Pro-Kopf-Vermögen der Österreicher um 3,8 %.
Das liegt vor allem an der zentraleuropäischen Veranlagungsstruktur. Auch Deutschland (-2,6 %) und Frankreich (-1,5 %) liegen im negativen Bereich. Der Österreicher liebt bekanntlich sein Sparbuch und die „eigenen vier Wände“. Doch genau dieses Doppel hatte 2025 gewaltig Sand im Getriebe: Anhaltender Wertverlust bei Immobilien traf auf karge Zinsen. Dass die Vermögenswerte in der Studie in US-Dollar dargestellt werden und der Wechselkurseffekt das Gesamtergebnis optisch etwas verfälscht, ändert an der Kernthese nichts: Wer hingegen wie der Schnitt in den USA den Großteil seines Vermögens in Aktien und Beteiligungen hält, fuhr auf der Überholspur.
Und die Perspektiven? Nun ja. ÖNB-Gouverneur Martin Kocher schickte bereits Warnsignale für die anstehende EZB-Sitzung im September voraus. Nach der Sommer-Pause verdichten sich die Anzeichen für eine weitere Zinsanhebung. Das trifft Österreich gleich doppelt: Einerseits liegt unsere Inflation mit 3,2 % spürbar über dem Schnitt des Euroraums. Andererseits setzen höhere Zinsen die Immobilienpreise nur noch weiter unter Druck.
Und dann wären da ja auch noch die hohen Staatsschulden, die laufend refinanziert werden müssen. Hierzulande kämpfen wir mit exakt demselben Problem wie die Protagonisten über dem Atlantik: Höhere Zinsen bedeuten höhere Zinslasten für Häuslbauer, Unternehmen und den Finanzminister. Weniger Spielraum im Haushaltsbudget bremst die Konjunktur und sorgt für zusätzlichen Rückenwind beim Preisdruck auf Betongold.
Als wäre das Zinsszenario nicht schon komplex genug, droht den Märkten nun auch noch von ganz anderer Seite ein kräftiger Dämpfer: ein klassischer externer Angebotsschock. Der wieder aufgeflammte Konflikt rund um den Iran, die Blockade der Straße von Hormus und die Querelen im Roten Meer haben den Ölpreis für Brent-Rohöl schlagartig wieder nach oben gehievt. Das ist Gift für die Inflationsdaten und treibt die Betriebskosten für Unternehmen drastisch nach oben.
Besonders pikant: Den USA geht im wahrsten Sinne des Wortes der Sprit aus. Die strategische Ölreserve der Supermacht ist nur noch zu 44 % gefüllt und das wiederum ist der tiefste Stand seit 1983. Damals hieß der Fed-Chef Paul Volcker und kämpfte mit dem Holzhammer gegen die Rekordinflation. Während Washington wöchentlich Millionen Barrel auf den Markt wirft, um Schlimmeres zu verhindern, schmelzen die Puffer für echte Notzeiten dahin. China hingegen hat brav Vorräte auf Rekordniveau angehäuft. Wer Reserven hat, schaut entspannt zu. Wer keine hat, muss wohl oder übel zähneknirschend zum Marktpreis kaufen.
Für Notenbanker wie Warsh oder auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde ist diese Entwicklung ein Albtraum. Öl sickert überall durch: von den Tankstellen über die Transport- und Produktionskosten bis hin zu den nächsten Lohnrunden. Kein Wunder, dass der Markt an der Wall Street die Erwartungen bereits gedreht hat: Statt zwei Zinssenkungen werden plötzlich wieder zwei Zinsanhebungen bis Jahresende eingepreist. Die Karten werden anscheinend neu gemischt. Kevin Warsh wird wohl vermutlich an vielen Frühstückstischen einen Stammplatz bekommen. Klar ist aber auch: Für manch einen schaut ein ruhiger Sommer aber definitiv anders aus.
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH & e-fundresearch.com Gastkolumnist
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Josef Obergantschnig ist Unternehmer und Gründer von „Börse kannst auch du“. Über zehn Jahre war er Chief Investment Officer mit Investmentverantwortung im Milliardenbereich und entwickelte Strategien für Banken, Versicherungen und Pensionskassen; außerdem Chief Impact Officer bei NIXDORF Kapital (Deutschland). Obergantschnig lehrt seit mehr als 15 Jahren an Universitäten und Fachhochschulen und hat als Buch- und Studienautor über 500 Fachartikel, Kolumnen und Videos veröffentlicht.
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