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Der große Übergang: wirklich und nachhaltig „grün“ werden

Nach einem Sommer mit regionalen Überflutungen und Waldbränden, gefolgt von der COP26 im Herbst, ist jetzt ein günstiger Zeitpunkt, innezuhalten und zu bilanzieren. Die Asset Management-Branche hat im großen Stil das Thema Nachhaltigkeit aufgenommen. Doch wie bei jeder großen Veränderung vollzieht sich der Wandel nicht über Nacht. Victor Verberk, CIO Fixed Income & Sustainability von Robeco, spricht über grundlegende Veränderungen, enorme Herausforderungen und das weitreichende Medienecho von Whistleblowern in der Asset Management-Branche. Robeco | 29.12.2021 16:00 Uhr
Victor Verberk, CIO Fixed Income & Sustainability von Robeco / © Robeco
Victor Verberk, CIO Fixed Income & Sustainability von Robeco / © Robeco

Herr Verberk, betrachtet man, wo wir derzeit stehen, stechen zwei Dinge hervor. Sustainable Investing hat sich nicht nur etabliert, sondern verändert sich auch rapide – von der ESG-Integration vor einem Jahrzehnt hin zu Climate Investing heute. Doch gleichzeitig lesen wir auch über Greenwashing in der Investmentbranche. Was denken Sie über die gegenwärtige Situation?

„Ich will mit einem Kommentar beginnen, den ich immer öfter anbringe: „Wir haben keine Ahnung, was auf uns zukommt.“ Die Steuerung des Klimas und die Wahrung der Biodiversität klingt idealistisch. Doch niemand weiß, wie der Pfad hin zu netto null CO2-Emissionen genau aussehen wird, oder mit welchen Herausforderungen wir bei der Dekarbonisierung in den nächsten 10-15 Jahren konfrontiert sein werden. Wir brauchen immer mehr verlässliche Daten. Dies erfordert einen enormen Einsatz, sowohl intellektuell als auch finanziell, um die Verbindung zwischen Klimaeffekt und Asset Management zu klären. Es kommt entscheidend darauf an, dass wir die Auswirkungen unserer Leitlinien und Investments auf die reale Welt richtig verstehen. Es mag etwas schwerfallen, dies zuzugeben, doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt müssen wir akzeptieren, dass wir die genaue Route nicht kennen, nur die Richtung. Mehr denn je müssen wir unseren Mitarbeitern und Spezialisten vertrauen und genau darauf achten, was die Wissenschaft uns sagt.“

„Das bedeutet, dass wir in mehr IT-Ressourcen, mehr Instrumente und mehr SI-Spezialisten investieren müssen. Und allgemein müssen wir in unserer Branche eine radikale Verhaltensänderung vornehmen. Es geht nicht mehr länger nur um die Erzielung von Alpha, wenn man in punkto Sustainable Investing an der Spitze der Branche stehen und dem Bedarf der Kunden in den kommenden Jahrzehnten gerecht werden will. Selbstverständlich möchte jeder Assetmanager Teil dieses grundlegenden Wandels sein, und es ist in der Branche zunehmend beliebt geworden, zu viel zu versprechen und zu wenig zu liefern. Wir bevorzugen es, das Gegenteil zu tun.“ 

„Wichtig ist auch, sich bewusst zu werden, wie rapide sich unsere Branche weiterentwickelt. Die Dinge verändern sich sehr rasch. Vor zehn Jahren sprachen wir über die Integration von ESG-Aspekten im gesamten Investmentprozess, anstatt lediglich ein Team von SI-Spezialisten in einem isolierten Teilbereich des Unternehmens zu haben. Heute sprechen wir über die Komplexität von CO2-Daten und die Berechnung von Scope 3-Pfaden mit Blick auf 2030. Wir erörtern, wie wir die Auswirkungen unserer Portfolios auf die reale Welt messen. Dies stellt eine völlig neue Aufgabe dar, und eines ist sicher: wir werden noch einige solcher Veränderungen sehen.“ 

Sie erwähnten das Netto-Null-Ziel. Worin genau besteht der Beitrag von Robeco dazu? Und sollten wir es als Herausforderung oder eher als Chance ansehen?

„Unser Ziel ist, die Treibhausgasemissionen aller unserer Assets bis 2050 auf netto null zu drücken. Wir haben uns auf dieses Ziel festgelegt, da es Bestandteil unserer verantwortungsbewussten Interessenwahrnehmung sowie im langfristigen Interesse unseres Planeten, unserer Kunden und unseres Anlageerfolgs ist. Aus unserer Sicht wird der Schutz wirtschaftlicher, ökologischer und gesellschaftlicher Assets in Zukunft eine Voraussetzung für eine gesunde Wirtschaftsweise und die Erzielung attraktiver Renditen sein. Der Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft ist nicht nur ein moralisches Gebot, sondern zugleich die beste Anlagechance für unsere Generation.“

Kommen wir zurück auf das Thema „Greenwashing“. Dessen Ursache liegt möglicherweise darin, dass der Übergang als eine so enorme Chance angesehen wird. Sie haben zweifellos gelesen, dass Whistleblower behaupten, Mitbewerber betrieben Greenwashing. Was halten Sie davon?

„Sustainable Investing ist jetzt in unserer Branche das große Thema. Dorthin fließt das Geld. Daher will kein Assetmanager etwas verpassen. Alle wollen von dieser großen Veränderung profitieren. Doch im Unterschied zu den meisten anderen Assetmanagern haben wir uns bereits vor mehr als 15 Jahren der Nachhaltigkeit verschrieben und können auf einen soliden und bewährten Track Record in diesem Bereich verweisen. Doch bei Sustainable Investing handelt es sich nicht um einen simplen „Copy & Paste“-Job. Wir sind in diesem Bereich bereits seit langem tätig, während einige Wettbewerber sich erst kürzlich darauf eingelassen haben. Es erfordert eine Menge Research, den Aufbau von Wissen, die Integration der richtigen Systeme und das Einstellen der richtigen Leute. Selbst als Pionier in diesem Bereich lernen wir immer noch jeden Tag dazu.“

„Am anderen Ende des Spektrums befinden sich Assetmanager, die einfach auf den Zug aufgesprungen sind, ohne aber bereits über die richtigen Spezialisten und Prozesse zu verfügen. Es handelt sich um eine komplexe Angelegenheit. Es geht um IT, es geht um Research, es geht um die Probleme der Datenbeschaffung. Dann geht es auch um die Umsetzung aller Fakten, Zahlen und des angesammelten Wissens in den Investmentprozessen und bei allen Assets. Nachzügler brauchen unter Umständen Jahre, um aufzuholen und in der Zwischenzeit ändert sich weiterhin alles in zunehmendem Tempo. Man kann es ihnen vielleicht nicht vorwerfen, in Rückstand zu sein. Sie sollten aber etwas maßvoller in ihren Behauptungen sein, was Nachhaltigkeit betrifft.“

„Dann gibt es noch die passiven Assetmanager, die naturgemäß wenig Spielraum haben. Ich vereinfache hier etwas, aber die Behauptung, man sei nachhaltig, nur weil man auch einige Nachhaltigkeits-Indizes anbietet, ist wahrscheinlich etwas übertrieben.“

Die Regierungen und Branchenbeobachter sind ebenfalls auf den Plan getreten und haben die Latte für Assetmanager angehoben, die den Status der Nachhaltigkeit beanspruchen.

„Es ist eine gute Sache, dass die Regulatoren und Investoren sich zunehmend der Gefahr möglichen Greenwashings bewusst sind – der beabsichtigten und der unbeabsichtigten Facetten von Greenwashing. Wir müssen verstehen, dass es aus kommerzieller Perspektive verlockend ist, sich als nachhaltiger Anbieter zu positionieren, auch wenn man tatsächlich nur die ersten Schritte in die richtige Richtung getan hat.“

„Man könnte die Ansicht vertreten, dass unsere Branche zeitweilig zur Selbstgefälligkeit tendiert. SI Ist nichts, bei dem Selbstgefälligkeit angebracht ist. Wir müssen unsere Bemühungen verstärken und Verantwortung übernehmen. Zwar ist es nicht allein unsere Aufgabe, die Welt zu verändern – das wäre unmöglich – aber wir müssen unseren Teil dazu beitragen ebenso wie Regierungen, Regulatoren, Investoren, Konsumenten und Unternehmen.“

„Organisationen, NGOs und staatliche Institutionen nehmen zunehmend Bezug aufeinander und schaffen auf diese Weise zusammenhängende Regeln und Visionen. Das Pariser Klimaabkommen, die UN Sustainable Development Goals (SDGs) und der Green Deal der EU sind alle miteinander verknüpft. Sie alle basieren auf wissenschaftlicher Arbeit in dem Bereich. Und wir registrieren eine zunehmende Betonung der wissenschaftlichen Evidenz. Nachhaltigkeit ist keine Glaubenssache. Sie ist zu einer konkreten Wissenschaft geworden, zu der eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Untersuchungen stattfinden und Publikationen erfolgen. Infolgedessen ist die Integration von Nachhaltigkeitswissen in neue politische Vorgaben, beispielsweise in Europa, mittlerweile gang und gebe.“

In diesem sich rapide verändernden Umfeld wären also die wesentlichen Elemente für nachhaltige Assetmanager – um wirklich nachhaltig zu sein – Weiterbildung und Umsetzung, richtig?

„Jeder in der Finanzbranche, der mit den Entwicklungen Schritt halten will, muss sich weiterbilden. Das ist nichts Neues für uns bei Robeco. Ein researchbasierter Ansatz stand bei uns schon immer im Mittelpunkt. Von daher ist Nachhaltigkeit der perfekte Langfristtrend für Robeco. Das ist auch der Grund, weshalb ich zuversichtlich bin, dass wir in den nächsten Jahrzehnten weiterhin eine führende Rolle im Bereich Nachhaltigkeit spielen werden. Es bedeutet, dass wir uns zu Portfoliomanagern 2.0 weiterentwickeln müssen. Es geht nicht länger nur um die Erzielung von Alpha. Alpha, Tracking Error und eine Art CO2-Budget: das ist der neue Standard. Engagement, Klima und Biodiversität werden in unseren Investmentprozessen von heute an bis zu Ihrem Ruhestand eine zentrale Rolle spielen – und weit darüber hinaus.“

Zu den bedeutenden Entwicklung der letzten Jahre gehören die SDGs. Wie nützlich sind diese für Assetmanager? Kann man beispielsweise damit den Effekt von nachhaltigen Portfolios messen?

„Ich habe während der Sommerferien viel gelesen, auch über die SDGs. Alles in allem bewegt sich die Welt rasch von ESG-Investing hin zu Impact-Investing. Ein häufig genanntes Problem bei ESG-Investing ist, dass einige umstrittene Unternehmen wie zum Beispiel Tabakhersteller von den Indexanbietern relativ hohe ESG-Scores erhalten, beispielsweise weil sie Arbeitsplätze schaffen oder sich gut um ihre Mitarbeiter kümmern. Man sieht hier einen Ausgleich zwischen positiven und negativen Aspekten, der den Unternehmen ein solides durchschnittliches ESG-Profil verleiht. Gleichzeitig würden sie aus naheliegenden Gründen von vielen großen Investoren ausgeschlossen.“

„Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt unter Anlegern in Bezug auf die ESG-Integration ist der, dass diese nicht zu positiven Effekten in der Realität führt. Zudem führt die Einbeziehung von ESG-Aspekten nicht automatisch zu einem Portfolio aus Unternehmen, die mit einem positiven realen Effekt verknüpft sind. Demnach benötigen wir eine wesentlich engere Verbindung zwischen der Realwirtschaft und dem Finanzsektor. Das stellt ein Problem für Indizes dar, die einen Weg finden müssen, um von abstrakten Scores zu Effekten in der Realität zu gelangen, die absolut gemessen werden.“

Ein anderes wichtiges Thema in der Branche ist die Herausforderung, die in der Dekarbonisierung der Investments besteht. Wie groß ist diese Herausforderung?

„Die größte Herausforderung besteht in der Beschaffung der wichtigen Daten. Ein grundsätzliches Problem der Daten zum CO2-Fußabdruck ist, dass sie zurückblicken, im Durchschnitt über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren. Somit verraten einem die Daten nichts über die Veränderungsbereitschaft eines Unternehmens. Was wir wirklich brauchen, sind stärker zukunftsorientierte Kennzahlen. Ein CO2-Fußabdruck in der derzeitigen Form sagt mir nichts darüber, ob sich ein Unternehmen in Zukunft dekarbonisieren wird. Das zweite Problem ist nicht, dass es zu wenig Daten gäbe, sondern dass sie aus mehreren und sich überschneidenden Quellen stammen, die oft im Widerspruch zueinander stehen. Scope 1- und Scope 2-Daten sind relativ leicht zu beschaffen. Allerdings gibt es kaum eine Korrelation hinsichtlich der Größenordnung von Seiten der unterschiedlichen Datenanbieter. Das reale Problem besteht darin, dass sie nicht gemessen, sondern modelliert werden. Es handelt sich also um Schätzungen.“ 

„Andererseits sollten uns Datenprobleme nicht davon abhalten, die nächsten Schritte zu tun und an den Zielen festzuhalten, denen wir uns verschrieben haben. Für uns als Assetmanager ist es sehr wichtig, zu verstehen, wie sich die Dekarbonisierung in den einzelnen Sektoren in den nächsten Jahrzehnten vollzieht. Unsere Spezialisten für SI-Research entwickeln eigene sektorbezogene Dekarbonisierungspfade. Die wichtigsten Sektoren, die man im Blick behalten muss, sind bekannt: Öl und Gas, Energie, Transport, Zementherstellung und Gebäude, Eisen und Stahl.“

„Wenn man darüber spricht, auf die Ziele des Klimaabkommens von Paris ausgerichtet zu sein, gibt es mehrere Dinge, die man nicht vergessen sollte. Erstens muss ein Portfolio, das auf eine Erwärmung um 1,5° bis 2050 abzielt, keine Grenze der globalen Erwärmung von 1,5° einhalten. Der Pfad ist entscheidend. Beispielsweise würde ein langsamer Dekarbonisierungspfad in den nächsten Jahrzehnten, auf den ein steiler Dekarbonisierungstrend folgt, im Zeitverlauf zu beträchtlichen CO2-Emissionen führen. Dagegen würde ein steiler Dekarbonisierungspfad in den nächsten Jahren, gefolgt von einem wesentlich langsameren, zu weit geringeren kumulierten CO2-Emissionen führen. Somit sind die Ziele 1,5° und netto null CO2-Emissionen nicht dasselbe.“

Welche sind nun die nächsten Schritte für Assetmanager, die einen wirklichen positiven Effekt erzielen wollen?

„Wir haben sechs zentrale Ansatzpunkte identifiziert, verbunden mit dem Ziel der Dekarbonisierung unserer Geschäftstätigkeit, der Beschleunigung des Wandels und des Vorantreibens klimakonformen Investierens. Im Hinblick auf unsere Portfolios wird Robeco einen Pfad verfolgen, der eine Dekarbonisierung um 7 % pro Jahr beinhaltet, um unsere Investments auf die Ziele des Pariser Klimaabkommens auszurichten. Außerdem streben wir bis 2050 das Ziel von netto null CO2-Emissionen bei unserer eigenen Geschäftstätigkeit (Gebäude, Geschäftsreisen und alle übrigen Aktivitäten) an. Active Ownership ist unser Hauptinstrument, um außerdem sicherzustellen, dass die Unternehmen in unseren Portfolios die Emissionen reduzieren. Es geht aber nicht nur um uns und sie. Wir fordern auch die Regierungen auf, ihre Funktion wahrzunehmen. Wir können die ehrgeizigen und notwendigen Klimaziele nur gemeinsam erreichen. Deshalb arbeiten wir mit Kunden, Konkurrenten und anderen relevanten Stakeholdern zusammen. Es erfordert gemeinsame Anstrengungen, um der Klimaproblematik gerecht zu werden.“

„Es stellt eine Ironie dar, dass nach meiner persönlichen Einschätzung China als größter CO2-Emittent der Welt die Führung übernehmen könnte, um einen Wandel zu bewirken. Das Land ist zentral gesteuert, was mitunter ein Vorteil sein kann. Von daher könnte es uns alle überraschen.“

Zum Schluss: Sind Sie immer noch optimistisch in punkto Nachhaltigkeit?

„Es ist klar, dass das niemand alleine schaffen kann. Alle Institutionen – große und kleine, Unternehmen, Anleger, Regierungen, NGOs – sind aufeinander angewiesen, um diese enorme Herausforderungen zu bewältigen, vor der wir stehen. Den genauen Weg in eine Welt mit netto null CO2-Emissionen kennen wir nicht, aber die Richtung ist klar. Also: ja. Ich bin immer noch ein Optimist.“

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