Carbon-Beta als zusätzliche Messgröße für Klimarisiken

Auf einer renommierten Konferenz des National Bureau of Economic Research (NBER) wurden Forschungsergebnisse zu einer neuartigen Kennzahl für Klimarisiken – Carbon-Beta – vorgestellt. Wir sprechen darüber mit Joop Huij, Head of Sustainable Index Solutions bei Robeco, und Dries Laurs, Sustainable Index Solutions Researcher. Robeco | 05.04.2022 11:19 Uhr
© Photo by Karsten Würth on Unsplash
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In aller Kürze

  • Carbon-Beta liefert zukunftsorientierte Informationen über Klimarisiken
  • Die Kennzahl gibt Aufschluss darüber, wie gut die Unternehmen auf den Übergang vorbereitet sind („Vorreiter“ bzw. „Nachzügler“)
  • Carbon-Beta kann die CO2-Emissionsdaten als Kontrollinstrument für das Klimarisiko im Portfolio ergänzen

Dries, können Sie uns kurz etwas über sich und das innovative Forschungsprojekt erzählen, an dem Sie beteiligt waren?

Dries Laurs: „Sehr gerne! Ich bin Doktorand an der Vrije Universiteit Amsterdam und arbeite im Rahmen des Doktorandenprogramms von Robeco als Analyst im Sustainable Index Solutions-Team. In meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich damit, welche Folgen der Klimawandel für die Finanzmärkte hat und wie Anleger mit diesen umgehen können. In diesem Rahmen habe ich kürzlich zusammen mit Philip Stork und Remco Zwinkels, beide Professoren an der Universität, sowie mit Joop Huij, einem meiner Doktorväter und Head of Sustainable Index-Solutions bei Robeco, meine erste Arbeit1 verfasst. Unsere Studie befasst sich mit dem sogenannten Carbon-Beta, einem marktbasierten Indikator für Klimarisiken. Diese Messgröße gibt den Zusammenhang bestimmter Assets, etwa globaler Aktien oder Rohstoffe, mit einem CO2-Emissionsrisiko an. Die Forschungsergebnisse haben unser Konzept untermauert, und wir wurden eingeladen, unsere Studie auf einer NBER-Konferenz zu präsentieren.“

Worum geht es beim Robeco-Doktorandenprogramm?

Joop Huij: „Im Zentrum der Vermögensverwaltung stehen die Menschen. Deshalb versucht Robeco immer, die besten Talente ins Team zu holen. Als Teilzeitprofessor für Finanzen an der Rotterdam School of Management habe ich das Privileg, viele Studenten zu unterrichten. Eine hervorragende Plattform, um herausragende Talente kennenzulernen, die vielleicht daran interessiert sind, am Doktorandenprogramm von Robeco teilzunehmen. Wir haben das Programm schon vor einigen Jahren ins Leben gerufen – und zwar mit Erfolg, denn Robeco profitiert damit von sehr aufschlussreichen Forschungsstudien. Mit Dries haben wir offenbar ein weiteres Spitzentalent gefunden, was an seiner Arbeit über das Carbon-Beta-Forschungsprojekt und an der Einladung zu einem Vortrag auf einer NBER-Konferenz mehr als deutlich wird.“

Worum geht es bei der Carbon-Beta-Studie?

D.L.: „In unserer Arbeit führen wir ein Maß für das Klimarisiko auf Ebene der Vermögenswerte ein, das darauf basiert, wie die Rendite eines Vermögenswertes mit einem CO2-Risikofaktor korreliert. So wirft beispielsweise ein Vermögenswert mit negativem Carbon-Beta tendenziell hohe Renditen ab, wenn die Klimarisiken steigen. Eine solches Investment kann als „Klima-Absicherung“ betrachtet werden, da es sich in Zeiten auszahlt, in denen die Sorge der Anleger um den Klimawandel besonders groß ist. Das Gegenteil ist der Fall, wenn ein Vermögenswert ein hohes Carbon-Beta aufweist. Dann fallen die Renditen typischerweise niedriger aus, wenn die Klimarisiken steigen. Wir testen unser Konzept auf verschiedene Weise: Erstens validieren wir unsere Carbon-Beta-Schätzungen eingehend. Dabei finden wir beispielsweise die höchsten Carbon-Betas in den Sektoren Energie, Werkstoffe und Versorgung – die insgesamt sehr hohe Emissionen ausstoßen. Wir beobachten zudem belastbare Assoziationen zwischen dem Carbon-Beta und den Emissionen, der Emissionsintensität, grünen Scores und akademischen Kennziffern für die Belastung durch den Klimawandel.“ 

Abbildung 1 | Durchschnittliches Carbon-Beta einzelner Sektoren

Quelle: Die Stichprobe besteht aus Stammaktien aus dem CRSP-Compustat-Universum, die an der NYSE, Nasdaq oder AMEX gehandelt werden. Der Betrachtungszeitraum erstreckt sich von Januar 2007 bis Dezember 2020.

„Zweitens untersuchen wir die Prognosekraft des Carbon-Beta für die Renditen der Vermögenswerte in Zeiten, in denen sich das Klimarisiko realisiert. Bei der Erstellung eines Proxys für ein solches Szenario konzentrieren wir darauf, textliche Ähnlichkeiten zu untersuchen zwischen maßgeblichen Berichten zum Klimawandel (zum Beispiel häufig verwendete Wortkombinationen in Berichten des Weltklimarates) und den Artikeln im Wall Street Journal in einem bestimmten Monat. Dabei gehen wir davon aus, dass in Monaten, in denen das Nachrichtenaufkommen im Zusammenhang mit dem Klimawandel hoch ist, auch die Unsicherheit in Bezug auf die künftige Klimapolitik höher ist. Zur Veranschaulichung: Bei der Darstellung der klimapolitischen Unsicherheit in den USA im Zeitverlauf zeigt sich, dass die Unsicherheit während der Vertragsstaatenkonferenzen (COP), nach der Veröffentlichung der wichtigsten IPCC-Klimaberichte sowie bei den Wahlen von Donald Trump und Joe Biden am stärksten anstieg. Wir stellen fest, dass Aktien mit höherem Carbon-Beta in Zeiten erhöhter Klimarisiken niedrigere Renditen abwerfen und umgekehrt. In ähnlicher Weise gehen wir auch von einer negativen Realisierung des Klimarisikos in Monaten mit ungewöhnlich hohen Temperaturen oder extremer Trockenheit aus und beobachten einen ähnlichen Effekt auf die Aktienrenditen.“

Abbildung 2 | US-Index für klimapolitische Unsicherheit

Quelle: Die klimapolitische Unsicherheit wird ermittelt anhand der textlichen Ähnlichkeiten zwischen maßgeblichen Texten zum Klimawandel und Artikeln im Wall Street Journal. Der Betrachtungszeitraum erstreckt sich von Januar 2007 bis Dezember 2020.

„In unserer Studie stellen wir fest, dass Ereignisse, die mit einem erhöhten Klimarisiko verbunden sind, typischerweise dazu führen, dass die Renditen von Aktien mit einem höheren Carbon-Beta sinken. Außerdem untersuchen wir grüne Innovationen und stellen fest, dass im Branchenvergleich diejenigen Unternehmen, die ein niedrigeres Carbon-Beta aufweisen, üblicherweise mehr grüne Technologien patentieren lassen. Dieser Zusammenhang besteht indessen nicht, wenn man die Emissionen oder die Emissionsintensität des Unternehmens analysiert. Daher glauben wir, dass das Carbon-Beta ein zusätzlicher Indikator für Klimarisiken ist, der die traditionellen CO2-Daten ergänzt.“

Abbildung 3 | Durchschnittliche annualisierte Renditen für US-Aktien mit niedrigem, neutralem und hohem Carbon-Beta in Monaten mit hoher klimapolitischer Unsicherheit

Quelle: Die Monate, in denen di

Welche Vorteile hat Carbon-Beta gegenüber herkömmlichen CO₂-Emissionsdaten?

J.H.: „Wir sehen Carbon-Beta als Instrument für das Klimarisikomanagement. Was seine Vorteile gegenüber den Daten zu den CO2-Emissionen betrifft, so liefert Carbon-Beta aktuelle (und nicht um zwei Jahre verzögerte) marktbasierte Informationen und die Markterwartungen. Deshalb ist diese Messgröße nicht nur aktueller, sondern möglicherweise auch zukunftsweisend. Carbon-Beta deckt ein sehr breites Spektrum an Marktdaten ab, da diese für praktisch alle Börsenunternehmen verfügbar sind. Zudem ist Carbon-Beta hoch transparent, da der Indikator nicht von freiwilligen Angaben abhängt. Der vielleicht interessanteste Vorteil liegt allerdings darin, dass die Kennzahl nicht nur die Unternehmen identifiziert, die durch den Übergang auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft unter Druck geraten könnten („Nachzügler“), sondern auch diejenigen, die voraussichtlich davon profitieren werden („Vorreiter“) – was sich aus den allgemeinen Emissionsdaten nicht herleiten lässt.“

Was also kann man für die Praxis aus Ihrer Studie lernen?

D.L.: „Unsere Studien zu Carbon-Beta und grünen Innovationen haben einige relevante Erkenntnisse hervorgebracht. Wie bereits frühere Untersuchungen2 bestätigen wir in unserem Papier, dass grüne Innovationen vor allem in den Sektoren Energie und Werkstoffe vorangetrieben werden, wo die innovativeren Unternehmen ein relativ niedriges Carbon-Beta aufweisen – obwohl sie nicht zwangsläufig niedrigere CO2-Emissionen oder Emissionsintensitäten melden. Daher sollten Anleger ihre Beteiligungen an solchen emissionsintensiven Unternehmen nicht pauschal abstoßen, da wir solche „grünen Innovatoren“ für die Energiewende brauchen. Folglich dürfte ein Engagement in solchen Unternehmen das Klimarisiko eines Portfolios senken.“

„Wir stellen fest, dass einige Unternehmen, die aufgrund ihrer niedrigen Emissionsdaten ‚sauber‘ aussehen, in Wirklichkeit ein hohes Carbon-Beta aufweisen. So haben beispielsweise einige kleinere Dienstleister für den Öl- und Gassektor keinen hohen CO2-Emissionen. Wirtschaftlich aber sind sie anfällig für den Übergang auf eine CO2-arme Wirtschaft. Im Gegensatz dazu haben einige Unternehmen, die aufgrund ihrer hohen gemeldeten Emissionsdaten als „stark verschmutzend“ gelten, in Wirklichkeit ein niedriges Carbon-Beta, da sie besser auf den Übergang vorbereitet sind – beispielsweise, weil sie aktiv an grünen Technologien forschen. Ein gutes Beispiel ist ein multinationales US-Unternehmen im Bereich Stromerzeugung: Obwohl es zu den 5% der größten Treibhausgasemittenten in unserer Stichprobe gehört, zählt es zugleich zu den drei Spitzenreitern in Sachen grüne Patente, weshalb sein Carbon-Beta zu den niedrigsten im Industriesektor zählt.“

Wie wird Robeco diese Erkenntnisse umsetzen?

J.H.: „Zusammen mit unserem Klimastrategen Lucian Peppelenbos untersuchen wir gerade, ob Carbon-Beta als zusätzliches Maß für Klimarisiken innerhalb des Robeco-Klimaanalyse-Toolkits dienen kann. Wir glauben, dass Carbon-Beta das verfügbare Instrumentarium effektiv ergänzt, da es Erkenntnisse über das Kohlenstoffrisiko liefert, die über die Erkenntnisse hinausgehen, die sich aus den herkömmlichen Daten zu CO2-Emissionen ergeben. Carbon-Beta liefert zukunftsorientierte Informationen, während die Daten zu den CO2-Emissionen immer rückwärtsgerichtet sind. Wir glauben zudem, dass die Carbon-Beta-Metrik die Darstellung der Klimarisiken eines Portfolios verbessern kann. Während die Messung des klimabezogenen Value-at-Risk auf komplexen, undurchsichtigen Modellen beruht, ist Carbon-Beta ein intuitiveres, transparenteres und unkomplizierteres Maß. Daher werden wir auch untersuchen, ob es in die Anlagestrategien von Robeco zur Kontrolle des Klimarisikos integriert werden kann.“

Joop Huij, Head of Indices, Robeco 

1 Huij, J., Laurs, D., Stork, P. A., and Zwinkels, R. C. J., November 2021, “Carbon beta: a market-based measure of climate risk“, SSRN working paper.
2 Cohen, L., Gurun, U. G., and Nguyen, Q., January 2021, “The ESG-innovation disconnect: evidence from green patenting”, SSRN working paper.

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