Warum die europäische Industrie einen genaueren Blick verdient

Durch höhere Ausgaben für reale Vermögenswerte wird die europäische Industrie immer attraktiver, meint Value-Investor Chris Hart. Robeco | 05.05.2026 07:59 Uhr
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  • Europa profitiert von Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung
  • Industrie bietet attraktive Bewertungen mit ordentlichem Wachstumspotenzial
  • Sektors sorgt für Diversifizierung weg vom Konzentrationsrisiko der großen Technologieunternehmen

Diese Entwicklung folgt auf die Sorgen der Anleger angesichts der hohen Bewertungen von US-Aktien, die von den großen Technologieunternehmen dominiert werden, was viele dazu veranlasst, nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Chris Hart, Portfoliomanager von Robeco BP Global Premium Equities, erkennt in einer Reihe von Marktsegmenten außerhalb der USA – insbesondere in Europa – vielfältige Möglichkeiten. 

„Große US-Technologieunternehmen sind sowohl teuer als auch kapitalintensiv“, bemerkt Hart. „Die Investitionen – insbesondere im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz (KI) – sind bei großen Technologieunternehmen in relativ kurzer Zeit dramatisch gestiegen.“

„Die Rendite dieser erheblichen Investitionen bleibt abzuwarten, ebenso wie die Geduld der Anleger, die auf diese Rendite warten müssen. Jede Ertrags- oder Wachstumsschwäche kann sich in einer raschen Neubewertung des Segments niederschlagen, wie im April 2025 zu beobachten war.“

Ein größeres Netz auswerfen 

Als führender Value-Investor verfolgt Boston Partners einen bewährten Anlageansatz, der darauf abzielt, Unternehmen mit soliden Fundamentaldaten zu ermitteln, die zu attraktiven Bewertungen gehandelt werden und eine positive Geschäftsdynamik aufweisen. 

Obwohl die Bewertungen in vielen Segmenten des US-Aktienmarktes über den historischen Normen liegen, hat das Team von Boston Partners im Ausland keinen Mangel an Qualitätsunternehmen festgestellt, die seine Kriterien erfüllen – insbesondere in der europäischen Industrie.

„Wir glauben, dass der europäische Industriesektor heute an der Schnittstelle mehrerer starker globaler Trends steht, von neuen staatlichen Investitionsvorhaben bis hin zu strukturellen Verschiebungen in der Technologie und den Lieferketten“, kommentiert Hart. 

Schub durch Verteidigungsausgaben

„Das gilt insbesondere für die Segmente Luft- und Raumfahrt und Verteidigung wo höhere Verteidigungsausgaben und verstärkte Infrastrukturprogramme für einen erheblichen Schub sorgen dürften. Da europäische Länder und Kanada in der NATO zu höheren Ausgaben verpflichtet haben, die von 1,7 % des BIP im Jahr 2022 und 2,0 % im Jahr 2024 auf 3,5 % des BIP im Jahr 2035 ansteigen sollen, ist das Wachstumspotenzial erheblich.“

„Zudem dürfte eine stärkere Ausrichtung der Ausgaben auf in Europa hergestellte Ausrüstungen dazu beitragen, die regionalen Hersteller zu unterstützen und eine dauerhaftere langfristige Nachfrage auf dem gesamten Kontinent zu schaffen.

Die Ankündigung einer Ausgabeninitiative in Höhe von 1 Billion EUR in Deutschland stellt eine historische Abkehr von seinem traditionellen fiskalpolitischen Konservatismus dar und verdeutlicht, wie sich der politische Konsens verschiebt. Ähnliche Trends zeichnen sich im Vereinigten Königreich und in Frankreich ab, wo sich eine parteiübergreifende Unterstützung für Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung und umweltfreundliche Technologien andeutet.“

„Diese Wende in der öffentlichen Politik ist ein starker Rückenwind für die Industrie im Allgemeinen, da die neu gefundene finanzielle Unterstützung für mehrjährige Projekte, die Investitionsgüter, technische Dienstleistungen und baubezogene Aktivitäten erfordern, eine große Rolle spielt.“

Abbildung 1: Die Militärausgaben in den führenden europäischen Ländern steigen

Quelle: NATO, Goldman Sachs, November 2025

Von KI profitieren

Die KI-Einführung steigert sowohl das Angebot als auch die Nachfrage bei Industrieunternehmen. „Neben den Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben profitiert die Elektroausrüstungsindustrie in Europa auch von der sich verändernden Nachfrage“, so Hart. 

„Der weltweite Ausbau von KI-Rechenzentren beschleunigt den Bedarf an fortgeschrittenen elektrischen Systemen, während der Übergang zu neuen Energielösungen – von der Integration erneuerbarer Energien bis zur Netzmodernisierung – eine zusätzliche Ebene dauerhaftes Wachstum bietet.“

„Diese Trends schaffen Möglichkeiten für Unternehmen, die hocheffiziente Energielösungen, fortgeschrittene Komponenten und modernere Technologien anbieten können. Gleichzeitig verändern Automatisierung und KI-Tools die Art und Weise, wie Industrieunternehmen agieren.“

„Unternehmen, die fortgeschrittene Automatisierungstools, KI-gestützte Prozessoptimierung und digitale Lösungen für das Lieferkettenmanagement einsetzen, erreichen messbare Effizienzvorteile. Diese Innovationen rationalisieren die Arbeitsabläufe, verringern den Verwaltungsaufwand und verbessern sowohl die operativen Margen als auch die globale Wettbewerbsfähigkeit.“

 Abbildung 2: Der Anteil der Luft- und Raumfahrt und der Verteidigung am europäischen Marktwert steigt

Quelle: Goldman Sachs Research, „Defense spending to boost German and European GDP growth“, 19. März 2025.

Zusätzlicher Rückenwind

Ein robuster Welthandel, verstärkte Investitionen und eine gute Kapitaldisziplin geben dem Sektor zusätzlichen Rückenwind. „Das Wachstum im Industriesektor findet nicht in einem Vakuum statt“, erinnert Hart die Anleger. „Der Sektor ist nach wie vor eng mit dem Welthandel, den Kapitalinvestitionen und der Infrastrukturtätigkeit verknüpft – also Bereichen, die in Zeiten makroökonomischer Stärke tendenziell anziehen.“

„Wir glauben, dass diese zyklische Sensibilität, gepaart mit langfristigem, anhaltendem Rückenwind, den Sektor sowohl für kurz- als auch für mittelfristiges Wachstum gut positioniert. Initiativen zur Rückverlagerung von Lieferketten, die laufende Energiewende und eine stetige Verbesserung der Effizienz steigern die grundlegende Stärke des Sektors.“

„Der Handel und die Zollpolitik in den USA sollten daher weiterhin eng überwacht werden. Die Daten deuten jedoch darauf hin, dass der Welthandel die gestiegenen Kosten für Geschäfte mit den USA gut verkraftet hat.“ 

Auf der Suche nach echtem Mehrwert

Letztendlich kommt es immer noch darauf an, die richtigen Aktien für ein Anlageportfolio auszuwählen. „Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal im Industriesektor ist die Kapitaleffizienz“, so Hart. 

„Wir suchen nach Unternehmen, die konstant hohe Gesamtkapitalrenditen erzielen, was in Verbindung mit gesunden Bilanzen und einer robusten Cashflow-Generierung nicht nur finanzielle Stabilität in Abschwungphasen verleiht, sondern auch organische Investitionen, attraktive Aktionärsrenditen und wertsteigernde Übernahmen fördert.“

Für Anleger, die über das zunehmende Konzentrationsrisiko bei US-Aktien besorgt sind, zeichnet diese Dynamik nach Ansicht von Hart ein konstruktives Bild für den europäischen Industriesektor. 

„Angesichts der strukturellen Wachstumschancen in den Bereichen Verteidigung und Energieinfrastruktur – gepaart mit einer disziplinierten Kapitalallokation und potenziellen Effizienzgewinnen durch Automatisierung – sind wir der Meinung, dass die europäische Industrie ein unterschätztes Aufwärtspotenzial zu attraktiven absoluten Bewertungen bietet.“

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