ESG in der Praxis: Die Zukunft nachhaltiger Fonds

„Die Unternehmen von morgen müssen den Mitarbeitenden, den Kunden, der Umwelt und der Gesellschaft Rechnung tragen – und wir brauchen die richtigen Tools, um sie zu analysieren“, sagt Eric Borremans, Leiter der ESG-Abteilung von Pictet Asset Management. Pictet Asset Management | 16.05.2022 09:43 Uhr
Eric Borremans, Head of Environmental Social & Governance, Pictet AM / © Pictet AM
Eric Borremans, Head of Environmental Social & Governance, Pictet AM / © Pictet AM

Herr Borremans, wie haben sich nachhaltige Wertpapiere bei der Aktienmarktkorrektur zu Beginn des Jahres entwickelt?

Durchwachsen. Bei uns bilden ESG-Fonds ein recht breites Spektrum von Anlageklassen (Aktien, Anleihen, Geldmarktinstrumente) und Anlagestrategien ab. Seit Anfang des Jahres entwickeln sich Aktien im Vergleich zu traditionellen Indizes nicht gerade berauschend. Nachhaltige Investments allerdings haben eine langfristige Ausrichtung und verzeichneten in den letzten fünf Jahren eine sehr günstige Entwicklung.

Welche Lehren können Sie aus dieser Volatilität ziehen?

Die Volatilität der letzten Monate hat die Fundamentaldaten nachhaltiger Investments nicht in Frage gestellt. Die Dekarbonisierung der Wirtschaft, die Energiewende oder der wachsende Trinkwasserbedarf hängen nicht von der Geldpolitik der Zentralbanken ab, sondern von langfristigen Trends. Die kurzfristige Volatilität schadet in keinster Weise ihrer Attraktivität. Ich würde sogar sagen, dass ESG-Fonds, die sich darauf konzentrieren, die Corporate Governance besser zu bewerten und zu verstehen und sich eine solide Unternehmensführung zunutze machen, von schwierigen Marktphasen profitieren dürften.

Wieso?

Wenn Geld fliesst, besteht kein Druck, die schwierige Entscheidung treffen zu müssen, ob der Cashflow für Investitionsprojekte oder für Aktienrückkäufe verwendet wird. Daher ist der Unterschied zwischen langfristig und kurzfristig ausgerichteten Unternehmen nicht immer offensichtlich. Unter verschärften Kreditbedingungen scheint es jedoch reale Performance-Unterschiede zugunsten von Unternehmen zu geben, die langfristige Investitionen einem kurzfristigen Sparkurs vorgezogen haben.

Sie haben einen Fonds aufgelegt, der in Familienunternehmen investiert. Ist deren Governance tendenziell anders als bei anderen?

Führende ESG-Ratingagenturen wenden starre Analysekriterien an, bei denen tendenziell das Corporate-Governance-Modell von Unternehmen mit verwässertem Kapital bevorzugt wird. Diese Präferenz führt zu einer Diskriminierung von Familienunternehmen, die wir als solche definieren, bei denen die Gründer mindestens ein Drittel des Kapitals oder der Stimmrechte halten. Dies wird deutlich, wenn es um die Unabhängigkeit des Verwaltungsrats geht – hier wäre es angebracht, die Mindestschwelle von 50% der unabhängigen Verwaltungsratsmitglieder zu hinterfragen. Wir schätzen, dass 10% des Marktes eine starke familiäre Verankerung besitzen, und haben eine Studie veröffentlicht, die die Unzulänglichkeit der Analysen der Agenturen aufzeigt. Nach unserem Dafürhalten sollten die Governance-Analysen auf die Eigentumsstruktur und die aktuelle Situation der Unternehmen abgestimmt werden, anstatt dass an starren Modellen festgehalten wird.

Unseren Analysen zufolge ist die Aktienmarktentwicklung von Familienunternehmen langfristig sehr günstig, da ihre Vision langfristiger ist als bei vielen anderen. Wir haben daher 2020 eine Anlagestrategie aufgelegt, die sich diesen Umstand zunutze macht. 

Welchen Interessen kommen die Top-Performer entgegen – denen der Aktionäre, der Mitarbeitenden oder der Kunden? Wird dieses Thema nicht gerade jetzt wieder relevant, wo wir uns von der Pandemie erholen und die sogenannte „Great Resignation“, die grosse Kündigungswelle, erleben?

Da stimme ich Ihnen zu. In dieser Post-Covid-Zeit kündigen Millionen von Arbeitnehmern in den USA aus einer Reihe von Gründen, wie z.B. der Lebensqualität, und es besteht ein ernsthaftes Risiko, dass qualifizierte Arbeitskräfte immer knapper und teurer werden. In den Gewinn- und Verlustrechnungen der Unternehmen sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Quelle für Kosten und Verbindlichkeiten in Form von Löhnen, Gehältern und Rentenbeiträgen. Paradoxerweise werden die Unternehmenskultur und die Motivation der Angestellten für ein gemeinsames Projekt nicht als Vermögenswerte in der Bilanz ausgewiesen. In diesem Punkt hilft uns die Buchhaltung nicht weiter.

Die Unternehmen von morgen müssen den Mitarbeitenden, den Kunden, der Umwelt und der Zivilgesellschaft Rechnung tragen.

Wir haben deshalb zusätzliche Kriterien in unsere ESG-Analyse von Unternehmen aufgenommen. Wir wissen zum Beispiel, dass die Mitarbeiterfluktuation je nach Konjunkturzyklus und Geschäftszweig variiert, und wir versuchen, uns von Unternehmen fernzuhalten, in denen sie ungewöhnlich hoch ist. Unternehmen mit einer Mitarbeiterfluktuation von über 15% erneuern ihr Humankapital alle sechs Jahre. Das führt zu versteckten, aber sehr hohen Kosten.

Das „Aktionärsmodell“, das sich auf die Interessen der Aktionärinnen und Aktionäre konzentriert, ist unzulänglich. Die Unternehmen von morgen müssen den Mitarbeitenden, den Kunden, der Umwelt und der Zivilgesellschaft Rechnung tragen. Mit der ESG-Analyse sollen diese zusätzlichen Aspekte berücksichtigt werden.

Was waren bei Ihnen die wichtigsten Meilensteine im ESG-Management?

Unsere Wurzeln im ESG-Management reichen mehr als 20 Jahre zurück – mit der Auflegung von Fonds, die in das Thema Wasser und in nachhaltige europäische Aktien investierten. Die Bandbreite ist mit der Zeit immer grösser geworden, mittlerweile werden in diesem Bereich auch andere Anlageklassen angeboten. Die Diversifikation des Angebots hat sich in den letzten Jahren mit der europäischen SFDR-Klassifizierung beschleunigt. Vor einem Jahr stellten wir 50% unserer Fonds auf die Anforderungen von Artikel 8 und Artikel 9 um. Wir liegen jetzt bei 75%.

Was sind Ihre Prioritäten für die kommenden Monate?

Wir engagieren uns für die Initiativen Net Zero Asset Management und Science Based Target, damit unsere eigenen Anlagen und Aktivitäten bis 2050 klimaneutral werden. Wir sind bereits strukturell auf die Green Economy ausgerichtet und möchten vor diesem Hintergrund bis Ende des Jahres einen Aktionsplan mit Zwischenzielen nach 5 und 10 Jahren veröffentlichen.

Wenn wir ganz konsequent im Sinne der Umwelt handeln wollen und nur Unternehmen einbeziehen, die dem Klima nicht schaden, kommen nur 5% der Unternehmen in Frage. Ist das nicht der Traum jedes Puristen?

Die Green Economy steckt immer noch weitgehend in den Kinderschuhen. Nur 5 bis 10% der Emittenten haben sich darauf einstellt. Das ist nicht gerade viel, aber so sieht es aktuell aus. Die Green Economy wächst jedoch viel schneller als die globale Wirtschaft, was eine gute Nachricht für Investoren und die Umwelt ist.

Was machen wir dann mit den anderen 90%? Sich weigern zu investieren?

Die Nachfrage der Investorinnen und Investoren ist sehr breit und heterogen, sowohl in der Schweiz als auch anderswo. Um dieser Nachfrage gerecht zu werden, haben wir Anlagestrategien entwickelt, bei denen Wertpapiere bevorzugt werden, die zwar kein Top-Rating haben, aber ein erhebliches Potenzial für ESG-Verbesserungen aufweisen. Wir arbeiten aktiv mit ihnen zusammen, um sie zu grundlegenden Veränderungen zu ermutigen. Ein gutes Beispiel ist das deutsche Unternehmen RWE. Vor fünf Jahren war der Energieversorger der Albtraum jedes ESG-Investors, weil er Europas grösster CO2-Emittent war.

Wenn wir warten, bis ein Unternehmen 100% nachhaltig ist, vertun wir möglicherweise die Chance, an einer positiven Veränderungsdynamik zu partizipieren.

Das Unternehmen vollzog eine 180-Grad-Wende und verpflichtete sich, alle seine Kohlekraftwerke in den nächsten 10 bis 15 Jahren abzuschalten und die Entwicklung von Windenergie mit Investitionen von über 50 Mrd. Euro in grüne Energie in den nächsten zehn Jahren zu beschleunigen. Die Schwierigkeit ist, den richtigen Zeitpunkt für die verantwortungsvolle Investition in diese Art von Unternehmen zu finden. Sollte man warten, bis das Unternehmen 100% nachhaltig ist? Oder wenn der Vorstand einen strategischen Wandel ankündigt? Wenn wir warten, bis es 100% nachhaltig ist, haben wir möglicherweise die Chance vertan, an einer positiven Veränderungsdynamik zu partizipieren.

Was sind die Fallstricke der Green Taxonomy?

Zunächst gibt es Fallstricke bei der Umsetzung der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) und ab 2023 bei der Veröffentlichung des Anteils am Umsatz, der durch nachhaltige Aktivitäten erzielt wird. Als Investoren müssen wir uns derzeit auf unsere eigene Bewertungen verlassen. Wir waren die ersten, deren Clean Energy Strategie auf ihre Konformität mit der Green Taxonomy überprüft wurde.

Diese Arbeit ist sehr aufwändig, aber unverzichtbar, da wir an Transparenzverpflichtungen gebunden sind. Diese Angleichungsphase wird weitere 12 bis 24 Monate in Anspruch nehmen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass die CSRD nur für europäische Unternehmen gilt, die weniger als die Hälfte der globalen Aktienfonds ausmachen. Die andere Hälfte des Aktienmarktes wird also nicht in der Pflicht sein, Zahlen offenzulegen, es sei denn, ausländische Anlegerinnen und Anleger verlangen, dass sie Zahlen für ihre in Europa vertriebenen Fonds kommunizieren. 

Quelle: Entnommen aus Le Temps, veröffentlicht am: 28.02.2022

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