Malaysia wurde lange Zeit von Schwellenländerinvestoren ignoriert. Doch unsere Analysen – und die Erkenntnisse, die wir bei unseren regelmäßigen Länderbesuchen gewonnen haben – deuten darauf hin, dass sich das Blatt zu wenden beginnt.
Das Land ist aufgrund einer langen Phase politischer Instabilität mit vier Regierungswechseln in sechs Jahren und einem der größten Korruptionsskandale der Welt, dem Milliardenbetrug am Staatsfonds 1MDB, hinter dem Wachstum anderer Schwellenländeraktien zurückgeblieben. Hinzu kommen erhebliche Ineffizienzen in der Politikgestaltung und eine schwache wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung, sodass es nicht verwunderlich ist, dass Malaysia ständig Nettokapitalabflüsse von ausländischen Investoren zu verzeichnen hatte. Der Anteil des Landes am MSCI Emerging Markets Index ist von 34% bei der Einführung der Benchmark im Jahr 1988 auf gerade mal 1,4% Ende Januar 2025 drastisch gesunken (siehe Abb. 1).
Wir halten nach Anzeichen Ausschau, dass sich dies ändert. Seit der Ernennung des derzeitigen Premierministers Anwar Ibrahim ist es Malaysia gelungen, eine gewisse politische Stabilität wiederzuerlangen und die Grundlagen für wichtige wirtschaftliche und politische Reformen zu schaffen (z. B. die Abschaffung der hohen Kraftstoffsubventionen, die dafür gesorgt hatten, dass die Benzinpreise in Malaysia so niedrig waren wie sonst nirgendwo auf der Welt).
Unterstützt durch zahlungskräftige, staatlich gelenkte Investmentgesellschaften1, die Kapital aus dem Ausland zurück ins Inland holen, um wichtige Wirtschaftssektoren zu unterstützen, wird Malaysia ein weiteres verlorenes Jahrzehnt hinter sich lassen und sich für zwei der womöglich größten Themen des kommenden Jahrzehnts – Technologie und Geopolitik – positionieren.
Bei einem kürzlichen Besuch in Penang, das als Silicon Valley des Ostens bezeichnet wird und auf das über 5% des weltweiten Halbleiterumsatzes entfallen, fanden wir ein pulsierendes Technologiezentrum vor. In der Region sind drei der weltweit führenden Chiphersteller ansässig. In Penang hat sich die Investitionsnachfrage angesichts der sich verschärfenden Handelsspannungen zwischen den USA und China deutlich belebt, wobei 95% dieser Investitionen aus dem Ausland (hauptsächlich den USA) stammen (siehe Abb. 2).
Dank der unterstützenden Politik der Regierung sowie langjähriger Beziehungen zu westlichen Unternehmen und ihren seit langem etablierten Lieferketten in Penang nutzt Malaysia seine Chance, indem es bei Anfragen nach ausländischen Direktinvestitionen selektiver vorgeht und beabsichtigt, die Wertschöpfungskette in wichtigen Technologiesegmenten wie IC-Design, fortschrittliches Packaging oder Anlagenbau weiter voranzubringen. Die Nationale Halbleiterstrategie zielt darauf ab, Investitionen in Höhe von 500 Mrd. RM (110 Mrd. USD) ins Land zu holen und zehn lokale Unternehmen zu gründen, die sich auf Design und Packaging konzentrieren.
Weiter südlich, in Kuala Lumpur, erfuhren wir mehr darüber, wie Malaysia die jüngsten KI-Entwicklungen genutzt hat – indem es ein ineffizientes Energienetz in eine massive mehrjährige Investitionsmöglichkeit für einheimische Investoren verwandelt hat. Mit einer relativ hohen Energiereserve von rund 40% ist es Malaysia gelungen, große Anbieter von Clouddiensten, sogenannte Hyperscaler, anzuziehen, die ihre Rechenzentrumsstandorte diversifizieren wollen. Microsoft und Google zum Beispiel planen jeweils den Bau von über zehn Rechenzentren in dem Land.
Neben seiner stabilen und nachhaltigen Energieinfrastruktur bietet Malaysia auch einen strategischen Standort für Rechenzentren (der durch die verbesserten Beziehungen zu Singapur und die geplante Sonderwirtschaftszone Johor-Singapur weiter gestärkt wird), reichlich Ressourcen und eine starke Unterstützung durch die Regierung. Die Behörden haben für den Zeitraum 2021–2023 Investitionen in Rechenzentren in Höhe von 24 Mrd. US-Dollar genehmigt, weitere sind in Planung. Wir gehen daher davon aus, dass der von Rechenzentren ausgehende Bauboom in diesem Jahrzehnt anhalten wird.
Auf dem Weg dorthin könnte es einige Hürden geben, die Investitionen in Malaysia in nächster Zeit bremsen könnten. Seit Donald Trump seine zweite Amtszeit als US-Präsident angetreten hat, hat sich in den asiatischen Schwellenländern Vorsicht breitgemacht. Auch wenn alle Augen auf China gerichtet sind, könnten die US-Zölle auch die Exporte und die Währung Malaysias beeinträchtigen (Malaysia ist eine relativ offene Volkswirtschaft, deren BIP zu 80% aus Exporten besteht und deren größter Handelspartner China ist). Dies dürfte jedoch durch die anhaltende Verbesserung beim Inlandskonsum aufgrund von Reformen und größerer politischer Stabilität ausgeglichen werden.
Wir sind gespannt, wie Malaysia das Potenzial ausschöpft, das mit einem längeren Investitionsaufschwung durch technologische Fortschritte und den „China/Taiwan + 1“ Verlagerungsplänen vor dem Hintergrund der anhaltenden Entkopplung zwischen den USA und China einhergeht. Die Bereitstellung neutraler Standorte für hochwertige Lieferketten (z. B. für Intel oder BYD Electronics in Penang) oder für das Hosting von Daten (z. B. für Microsoft oder ByteDance in Johor) ist in einer geopolitisch instabilen Welt zu einem wertvollen Marktmerkmal geworden. Malaysia, ein Markt, der lange Zeit von den Investoren ignoriert wurde, ist für uns wieder in den Fokus gerückt.
Von Tan Altundag, Investment Analyst bei Pictet Asset Management
1 Malaysische staatlich gelenkte Investmentgesellschaften sind dominante inländische Akteure, die den lokalen Aktienmarkt und seine erstklassige Bewertung stützen. Dies geht auf Kosten der Marktliquidität (nur 13 Aktien werden mit mehr als 10 Mio. US-Dollar gehandelt). Das „Value-up“ Programm der Bursa Malaysia zur Steigerung des Unternehmenswerts könnte hier Abhilfe schaffen.