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Geldpolitik Europa: Kehrtwende nach verlorenem Jahrzehnt?

An einer Frage scheiden sich die Geister: Ist die anhaltende Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) Fluch oder Segen für Europa? Haben die Maßnahmen bisher zur wirtschaftlichen Stabilität beigetragen oder hat dieses Umfeld letztlich die langfristige wirtschaftliche Integrität der Region untergraben? Nach der weiteren Senkung im September bewegen sich die Zinsen derzeit mit -0,5 Prozent im negativen Bereich. Weitere quantitative Lockerungsmaßnahmen stehen erneut auf der Tagesordnung. AXA Investment Managers | 05.11.2019 11:00 Uhr
Alessandro Tentori, Chief Investment Officer bei AXA IM / © AXA IM
Alessandro Tentori, Chief Investment Officer bei AXA IM / © AXA IM

Für Europa ist das auf lange Sicht nicht gesund, befindet Alessandro Tentori, Chief Investment Officer bei AXA IM: „Die expansive Geldpolitik, gepaart mit einer niedrigen Inflation und einem schwachen Wachstum, stellt eine sogenannte Japanisierung Europas dar. Langfristig führt dies zu einem Verlust der Kaufkraft der Bürger, was den Konsum belastet. Und wenn die Anleiherenditen bei null oder unter null liegen, werden Anleger am Ende für ein Investment in langfristige Staatsanleihen bestraft.“

Tentori stimmt der Wechsel an der EZB-Spitze von Mario Draghi zu Christine Lagarde optimistisch: Eine neue Ära der integrierten Wirtschaftspolitik in Form einer Integration der Geld-, Steuer- und makroprudenziellen Politik, wie sie unter anderem Lagarde anstrebt, könne eine Kehrtwende von einem „verlorenen Jahrzehnt“ zu einer „neuen Hoffnung“ ermöglichen, zumindest in Bezug auf Wachstum und soziale Stabilität.

Das „Whatever it takes"-Risiko

Draghis berühmte „Whatever it takes“-Rede hatte im Juli 2012 die Epoche einer bis dato ungewöhnlichen Geldpolitik in der Eurozone eingeläutet. Aber war es die richtige Vorgehensweise? „Höchstwahrscheinlich akzeptierte Draghi die damit verbundenen Risiken im Gegenzug für die Zusagen der Politiker, die durch die EZB-Maßnahmen erkaufte Zeit zu nutzen, um die Konten der Eurozone auszugleichen“, mutmaßt Tentori. Das Problem: Dies sei nicht eingetreten. Von 2007 bis 2018 ist das Schuldendefizit in Spanien um mehr als 73 Prozent, im Vereinigten Königreich um 60 Prozent, in Frankreich um 48 Prozent und in Italien um 34 Prozent gestiegen[1]. „Das Modell des durch Schulden gehebelten Wachstums wird immer dominanter“, stellt der Experte fest.

Die langfristigen Folgen einer expansiven Geldpolitik

„In Europa leben wir von einem Wachstumsmodell, das auf Schulden basiert. An sich ist das in Ordnung. Schulden werden erst problematisch, wenn es nicht genügend Wachstum und damit Einkommen gibt, um sie zu bedienen“, sagt Tentori. Um die Verschuldung trotz des niedrigen Wachstums unter Kontrolle zu halten, können die Zentralbanken die Zinsen zwar niedrig halten. Das aber habe ein verlangsamtes Wachstum zur Folge. Früher oder später werden die Probleme offenbar, ist Tentori sicher: „Es könnte zur Vertrauenskrise kommen, die mit dem fehlenden Wachstum zusammenhängt, das wiederum mit dem niedrigen Investitionsniveau in Europa korreliert ist. Und da das gesamte Modell auf einem gehebelten Wachstum basiert, könnte das System zum Stillstand kommen.“ Die EZB habe nur wenig Handlungsspielraum, um über die Erhöhung ihrer Bilanzsumme hinauszugehen. „Schulden zu kaufen löst das Wachstumsproblem nicht“, sagt Tentori.

Für Christine Lagarde werde es nicht einfach sein, aus dieser Situation herauszukommen. „Aber eine Geldpolitik, die aus negativen Zinssätzen besteht, birgt ernsthafte Risiken für die Stabilität des Finanzsystems – zumindest auf lange Sicht. In Dänemark zahlen die Banken Hypothekenschuldner aus, die darüber sehr erfreut sein dürften, gleichzeitig kann das Phänomen in den großen europäischen Ballungszentren Immobilienblasen verursachen“, warnt Tentori. Eine mögliche Lösung könnte ein Blick nach Fernost aufzeigen: Die Bank of Japan und das japanische Finanzministerium konnten eine Zusammenarbeit etablieren, ohne ihre eigene Unabhängigkeit zu verlieren. 

[1] Quelle: Eurostat und Bloomberg Daten, Stand: 31. Dezember 2018

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