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COP26: Netto-Nullemissionen – Warum die Weltwirtschaft wächst, wenn es weniger Treibhausgase gibt

Der Klimawandel und seine Bekämpfung haben sich durch die Coronapandemie nicht in Luft aufgelöst. Im Gegenteil. Die Wirtschaft läuft wieder an. Und es gibt eine reale Chance auf ein saubereres, gesünderes und stabileres Wachstum. Die Pandemie scheint uns gelehrt zu haben, dass Dinge aus dem Ruder laufen können, wenn man nichts tut. Sie hat uns mutiger gemacht. Der Wille, den Klimawandel zu stoppen, ist gewachsen. Die Wirtschaft steht vor einer Jahrhundertchance. AXA Investment Managers | 20.10.2021 15:00 Uhr
© Photo by Taylor Brandon on Unsplash
© Photo by Taylor Brandon on Unsplash

Das Pariser Klimaabkommen, also das Ergebnis von COP21 im Jahr 2015, sieht vor, die Erderwärmung auf deutlich unter 2°C und dann weiter auf unter 1,5°C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Alle fünf Jahre sollen die Fortschritte der Länder geprüft werden. COP26 in diesem Jahr ist der erste Lackmustest.

Zurzeit bewegen wir uns auf eine Erwärmung von über 3°C zu. Ein solches Niveau wäre eine Katastrophe. Menschen und Wirtschaft würden Schaden nehmen. Studien zufolge würde ein 3°C-Szenario zu einem Rückgang der globalen Wirtschaftstätigkeit um 18–20% führen.1 Der Intergovernmental Panel on Climate Change Special Report on Global Warming of 1.5°C warnt, dass schon ein halbes Grad zusätzliche Erwärmung verheerende Folgen für Menschen, Wirtschaft und den Planeten hätte.

Um bis 2050 Netto-Null zu erreichen, müssen die globalen Treibhausgasemissionen bis 2030 halbiert werden. Davon sind wir weit entfernt. Aber es gibt auch gute Nachrichten. Auf Länderebene passiert viel. Kürzlich traten die USA wieder dem Pariser Klimaabkommen bei, und sowohl die Vereinigten Staaten als auch Länder wie China, Großbritannien und Japan wollen CO2-neutral werden. Außerdem gibt es Anzeichen für stärkere Bemühungen, Kommunen und natürliche Lebensräume auf der ganzen Welt weniger anfällig und anpassungsfähiger zu machen.

Aber damit COP26 ein Erfolg werden kann, müssen wir akzeptieren, dass noch immer viel zu tun ist. Wir machen Fortschritte, aber die Regierungen müssen sich noch mehr anstrengen, damit wir unter 1,5°C bleiben. 

Und als Gesellschaft müssen wir darüber nachdenken, wie wir eine Wende vollziehen können, ohne ganze Kommunen abzuhängen. Schwierig ist das beispielsweise bei Regionen, deren Wirtschaft seit Generationen vom Kohlebergbau abhängt.  Aber wir haben genug Zeit für vernünftige Pläne, sodass Arbeitgeber und Politik zusammen diese Herausforderung angehen können.

Beispielsweise hat sich die Green Jobs Taskforce in Großbritannien zur Unterstützung einer gerechten Energiewende verpflichtet und sich ehrgeizige Ziele gesetzt. In den letzten Wochen gab es entsprechende Selbstverpflichtungen auch von Automobilherstellern. Die Energiewende betrifft die gesamte Wertschöpfungskette, vom Automobilhersteller bis zur Reparaturwerkstatt. Alle müssen umdenken und Neues lernen.

Die Erholung „begrünen“

Aktuell sind die Wachstumsprogramme aus meiner Sicht noch nicht grün genug. Sie sind zu stark in der alten Wirtschaft verhaftet, statt die Chance zu nutzen, die Energiewende voranzubringen. Noch immer wird enorm viel Kapital in Branchen gepumpt, die die Umwelt stark verschmutzen. Stattdessen sollte die Politik die Gelegenheit nutzen, wirklich etwas zu verändern.

Zugleich werden Billionen von US-Dollar in reiche Länder investiert, während nur wenig in Emerging Markets und Frontiermärkte fließt.   Ich hoffe, dass in puncto Finanzierung und Sonderziehungsrechte (zusätzliche Fremdwährungsreserven des IWF) noch einiges passiert. Die meisten Infrastrukturinvestitionen der nächsten 20 Jahre werden in den Emerging Markets getätigt, und die müssen grün sein, nicht braun.

Wir brauchen noch mehr Kapital und Kapitalgeber. Von einigen reichen Ländern liegt bereits das Versprechen vor, zusammen jedes Jahr mindestens 100 Milliarden US-Dollar für Klimaprojekte zur Verfügung zu stellen,2 aber darüber hinaus brauchen wir noch viel mehr Investitionen von privater Seite.

Dazu haben wir eine globale Kampagne ins Leben gerufen. Race to Zero ruft die Realwirtschaft zu mehr Ehrgeiz im Kampf gegen den Klimawandel auf. Zurzeit sind 31 Länder/Regionen, 733 Städte, 3.067 Unternehmen, 624 Bildungseinrichtungen, 173 Investoren und über 3.000 Kliniken von 37 Gesundheitsorganisationen beteiligt. Wir haben Klimaaktionspläne aufgestellt, die sektorspezifische Anregungen geben, wie das Netto-Null-Ziel erreicht werden kann, die Wendepunkte nennen und Meilensteine definieren. 

Außerdem arbeiten wir eng mit Mark Carney, UN Special Envoy on Climate Change and Finance und früherer Gouverneur der Bank of England, zusammen, um die Glasgow Financial Alliance for Net Zero zu gründen. Bislang haben sich 250 Unternehmen, die zusammen über 88 Billionen US-Dollar vertreten, der Race-to-Zero-Finanzinitiative angeschlossen.

Die Energiewende im Finanzsektor

Natürlich muss die Energiewende finanziert werden. Deshalb erfordern alle diese Veränderungen auch eine Veränderung des Finanzsektors. Der Fokus verschiebt sich bereits – von Klimarisikoanalysen und einer besseren Berichterstattung, für die sich die Task Force on Climate-Related Financial Disclosures erfolgreich stark gemacht hat, zu einer Ausrichtung der Investmententscheidungen an einer Zukunft ohne Treibhausgasemissionen.

Über 70% der Weltwirtschaft hat sich bereits einem Netto-Nullemissionsziel verschrieben, aber in den wissenschaftlichen Studien, die im August erschienen sind, haben wir erfahren, dass wir noch mehr tun müssen. 

Im Vorfeld von COP26 kommt dem Finanzsektor eine entscheidende Rolle zu. Wenn es nach mir ginge, müsste man Unternehmen und Finanzdienstleister zwingen, der Initiative Race to Zero beizutreten. Möglich wäre dies über Mitgliedschaften in finanzsektorspezifischen Initiativen wie der Net Zero Asset Managers Initiative und der von den Vereinten Nationen ins Leben gerufenen Net-Zero Asset Owner Alliance – aber auch über jede andere Net-Zero-Leadership-Organisation, die für das jeweilige Unternehmen geeignet ist. Zur Dekarbonisierung einiger Sektoren ist viel Kapital nötig, und neben den großen Plänen wie dem Kohleausstieg und dem Ende der Entwaldung müssen wir uns realistische kurzfristige Ziele setzen. Wir stehen an einem Wendepunkt, und die Energiewende ist unvermeidlich. Man kann nicht darauf warten, dass andere den ersten Schritt tun. Um dieses Rennen zu gewinnen, müssen alle mitmachen.

Nigel Topping, United Nations High-Level Climate Champion, COP26

Nigel Topping wurde von der britischen Regierung vor dem UN-Klimagipfel COP26 zu ihrem High-Level Climate Action Champion ernannt. Zuvor war er CEO von ‚We Mean Business‘, einem Zusammenschluss von Unternehmen zur Beschleunigung des Wandels zu einer CO2-freien Wirtschaft. Er sprach bei einem AXA Investment Managers Kunden-Webinar zum Thema verantwortliches Investieren.

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