- Nach den Stimmungsindikatoren signalisieren nun auch die harten Fakten eine Stagflation in den USA.
- Die 25% Zölle auf Automobile geben einen Vorgeschmack auf den Dienstag, wenn „reziproke Zölle“ bekanntgegeben werden.
- In Deutschland passen die Reaktionen der Anleihenmärkte auf die neue Haushaltspolitik bislang zu dem größeren finanziellen Spielraum des Landes.
Diesen Dienstag wird die Bekanntgabe „reziproker Zölle“ in den USA die Ausweitung des Handelskriegs einläuten. Aber schon jetzt gibt es erste Anzeichen für eine bevorstehende Stagflation der US-Wirtschaft. Nach der Stimmung haben sich letzte Woche auch die „harten Daten“ verschlechtert. Der starke Anstieg der Inflationserwartungen sorgt dafür, dass die Verbraucher jetzt einen straffen Sparkurs einschlagen. Nach der Veröffentlichung der Zahlen zu den Privatausgaben im Februar liegt die Nowcast-Schätzung der Atlanta Fed für das BIP im 1. Quartal bei -0,5%. Schon allein aufgrund der 25% Zölle auf Autos und Autoteile könnte die US-Kerninflation um 0,6% oder 0,7% steigen. Für sich genommen könnte das zwar ein vorübergehender Schock sein, aber die Arbeitsmarktlage könnte ihn deutlich verlängern. Deshalb behalten wir den anderen Angebotsschock im Auge, der die USA bald treffen wird: Nach Angaben von United States Customs and Border Protection hat das harte Vorgehen gegen die Immigration bereits jetzt zu einem deutlichen Rückgang der Einwanderungszahlen geführt. Deshalb könnten die Löhne selbst dann weiter stark steigen, wenn weniger neue Stellen geschaffen werden.
Für die Europäer sind die Autozölle ein Vorgeschmack auf die zu erwartenden Nachrichten am Dienstag. Die besondere Abhängigkeit Deutschlands von Automobilexporten bestätigt die Richtigkeit der neuen Handelspolitik des Landes, mit der die Binnenwirtschaft belebt werden soll. Aber kurzfristig wird es sehr schmerzhaft werden. Dazu werden auch die zu erwartenden Gegenmaßnahmen der EU beitragen. Sie wird vermutlich zum Anti- Coercion Instrument (ACI) greifen, das 2023 eingeführt wurde. Da die Verhandlungen einige Zeit in Anspruch nehmen werden, werden sich die europäischen Unternehmen und Verbraucher mit der Ungewissheit über die endgültige Höhe der „reziproken Zölle“ der USA herumschlagen müssen. Außerdem steht angesichts der großen Bandbreite der geschätzten Preiselastizitäten noch gar nicht fest, wie sich diese Zölle auf die heimische Wirtschaft auswirken werden und welche Folgen etwaigen Gegenmaßnahmen der EU haben könnten. Das alles ist kein Kinderspiel.
Wir extrapolieren die bisherige Reaktion der Anleihenmärkte auf die neue Haushaltspolitik in Deutschland, um herauszufinden, wie sich die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen im Euroraum verändern könnte. Deutschland hätte mehr finanziellen Spielraum, und die neuen Staatsausgaben würden sich selbst finanzieren – da das nominale Trendwachstum erheblich stärker steigen dürfte als die langfristigen Renditen. Für Frankreich oder Italien gilt das nicht. Dies zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, gemeinsame Anleihen zu emittieren.
Von Gilles Moëc, Chief Economist und Head of Research, AXA IM