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Weshalb 2 Grad Erderwärmung gravierender sein könnten als 2 Prozent Inflation

Gary Smith vom Barings Investment Institute hat sich mit der Frage befasst, was die Zentralbanken weltweit stärker bewegen könnte – ein zweiprozentiger Anstieg der Inflation oder eine zweiprozentige Erderwärmung. Seinen Recherchen zufolge habe die Federal Reserve Bank von San Francisco den Klimawandel – neben Demografie und technologischer Innovation – als eine der drei wichtigsten makroökonomischen Kräfte herausgestellt, die die US-amerikanische Wirtschaft im 21. Jahrhundert prägen werden. Barings | 05.09.2019 13:59 Uhr
Gary Smith, Barings Investment Institute / © Barings
Gary Smith, Barings Investment Institute / © Barings

Anleger sollten die Augen aufhalten, wenn die Finanzaufsicht beginnt, ihr Mandat etwas großzügiger auszulegen, und verstärkt auch auf die steigende Temperatur des Planeten achtet.

Nach Ansicht des bekannten amerikanischen Ökonomen und Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz handelt es sich beim Klimawandel um eine Krise, die eine Art politische Reaktion rechtfertigt, die zuletzt während des Zweiten Weltkriegs zum Einsatz kam: Die Kosten der Politik sollten im Vergleich zu den Folgen der Untätigkeit als irrelevant betrachtet werden. Die Dominoeffekte eines extremen Klimas könnten zu Wasserknappheit führen und die Lebensmittelerzeugung bedrohen. Durch solche Ereignisse könnten Länder in besonders betroffenen Regionen potenziell zu Kriegsschauplätzen werden.

In solchen extremen Szenarien könnte die traditionelle Orientierung der Notenbanker am Zwei- Prozent-Ziel für den Anstieg des Verbraucherpreisindex bedeutungslos werden. Das Ziel von 2 Grad Celsius – die Schwelle, bei deren Überschreitung man davon ausgeht, dass ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur katastrophale Folgen hätte – könnte ein Ziel werden, das alle anderen in den Schatten stellt.

So mancher mag entgegensetzen, dass die langfristigen Folgen des Klimawandels jenseits des üblichen Prognosehorizonts der Zentralbanken eintreten können. Die Federal Reserve Bank von San Francisco wies jedoch darauf hin, dass Notenbanken langfristige Faktoren wie den demografischen Wandel bei der Formulierung ihrer Politik bereits berücksichtigen. Ihrer Auffassung nach stellt sich der Klimawandel für eine Reihe makroökonomischer Fragen als relevant heraus. Hierzu zählen das potenzielle Produktionswachstum, Vermögensbildung, Produktivität sowie das langfristige Realzinsniveau.

Derselbe Artikel stellt den Klimawandel (neben Demografie und technologischer Innovation) als eine der drei wichtigsten makroökonomischen Kräfte heraus, die die US-amerikanische Wirtschaft im 21. Jahrhundert prägen werden. Die Autoren beschreiben die direkten wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels aufgrund der Anpassung der Ausgaben an steigende Temperaturen – darunter mehr Klimaanlagen, besseren Hochwasserschutz und eine widerstandsfähigere Infrastruktur. Darüber hinaus unterstreichen sie die mit der Anpassung an eine kohlenstoffarme Wirtschaft verbundenen Übergangsrisiken als Risiken für Assets, die von fossilen Brennstoffen abhängen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, dass größere fossile Brennstoffanlagen aufgrund der sinkenden Nachfrage nach Öl und Gas zu verlorenen Investitionen werden.

Um zu verdeutlichen, dass der Klimawandel für die Formulierung der Geld- und Regulierungspolitik der Notenbank relevant ist, betont der Bericht der Federal Reserve von San Francisco das Zahlungsausfallrisiko für Banken aufgrund von Betriebsunterbrechungen und Insolvenzen, die auf extreme Wetterereignisse zurückzuführen sind. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass Finanzinstitute „Klimastresstests“ durchführen sollten, um ihre Solvabilität in einer Reihe von Zukunftsszenarien zu beurteilen, die sich auf umweltbedingte und ökologische Veränderungen gründen.

Die Bank of England ging sogar noch weiter mit ihrer Empfehlung, dass Stresstests einen Rahmen schaffen sollten, anhand dessen Banken und Versicherungen herausgefordert werden können, ihren Umgang mit Umweltrisiken zu erläutern. Auch Finanzunternehmen werden auf diese Stresstests reagieren und ihre Notfallplanung beschreiben müssen. Leitende Bankangestellte haben darauf hingewiesen, dass die Bank of England zweifellos an den Aufräumarbeiten infolge eines klimabedingten Notfalls beteiligt sein wird, selbst wenn das Vorgehen von der Regierung festgelegt werden sollte.

Ende vergangenen Jahres zeigte das Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, Benoît Cœuré, in einer Rede auf, wie klimabedingte Risiken die Wirtschaft durch erhöhte Kreditaufschläge, vermehrtes Vorsichtssparen und sogar eine zukünftige Finanzkrise beeinträchtigen könnten. Er hinterfragte, wer für die Folgen extremer Wetterverhältnisse wie landwirtschaftliche Verluste, die Auswirkungen von Preisschüben bei Rohstoffen, Hochwasserschäden usw. zur Verantwortung gezogen würde. Wenn der CO2-Emittent zahlen soll, wie berechnet man dann die Kosten, wo die Auswirkungen doch einen unendlichen Zeithorizont haben?

Außerdem ist zu berücksichtigen, dass die (bislang) größten Emittenten die entwickelten Volkswirtschaften waren. Viele Küstenstädte, die vom Anstieg des Meeresspiegels am stärksten gefährdet sind, befinden sich jedoch in der aufstrebenden Welt. Wie sollten Emittenten Betroffene in anderen Ländern entschädigen?

Es ist erst vier Jahre her, dass der Präsident der Bank of England, Mark Carney, seine richtungsweisende Rede zum Klimawandel gehalten hat und ihm daraufhin eine schleichende Ausweitung seiner Kompetenzen vorgeworfen wurde. Die Lage hat sich schnell geändert. In den zwölf Monaten bis März 2019 befassten sich 21 Reden von Vertretern der Zentralbanken mit dem Thema. Mit Ausnahme von zweien stammten sie alle von Mitgliedern des Network for Greening the Financial System (NGFS), eines Netzwerks der Zentralbanken, das Ende 2017 als „Koalition der Willigen“ gegründet wurde, nachdem eine G20-Gruppe für nachhaltige Finanzwirtschaft am Widerstand der US-Regierung scheiterte. Das NGFS begann mit acht Gründungsmitgliedern; mittlerweile besteht es aus 36 Mitgliedern und 6 Beobachtern.

Bleibt die Frage, ob bestehende Zentralbankmandate ein Klimaschutzziel beinhalten? Studien der Universität London haben die Verordnungen von über 100 Zentralbanken untersucht und herausgefunden, dass 16 davon ausdrücklich ein Nachhaltigkeitsziel erwähnen. Weitere 38 Zentralbanken verfügten allerdings über Mandate, die eine Anforderung zur Unterstützung nationaler Politik formulieren. Das Team der Universität London erklärt, dass, wenn Regierungen das Pariser Einkommen unterzeichnet haben (und 189 Länder haben dies getan), lokale Zentralbanken ein De- facto-Mandat zur Unterstützung von Politiken haben, die sich dem Klimawandel widmen.

Wie genau Zentralbanken die Sorge um den Klimawandel allerdings in ihre Mandate integrieren werden, ist abzuwarten. Anleger im Allgemeinen und die Finanzdienstleistungsbranche im Besonderen sollten jedoch die Augen aufhalten, wenn Finanzaufsichtsbehörden anfangen, ihr Mandat etwas großzügiger auszulegen und verstärkt auf die steigende Temperatur des Planeten zu achten.

Gary Smith, Barings Investment Institute

    
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