Nachhaltigkeit: Worauf sollten Anleger in der APAC-Region achten?

abrdn | 09.08.2022 09:11 Uhr
© Photo by Joel Vodell on Unsplash
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Die Region Asien-Pazifik (APAC) hat sich in den letzten 30 Jahren infolge der rasanten Wirtschaftsentwicklung und des immensen neu geschaffenen Wohlstands, durch den etwa 1 Milliarde Menschen aus der Armut befreit wurden, grundlegend verändert.

Die Region ist jedoch auch für den größten Teil des weltweiten Anstiegs der CO2-Emissionen und in einigen Fällen für den gravierendsten Verlust an Biodiversität verantwortlich.

Den Vereinten Nationen zufolge dürfte die APAC-Region die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) mit über 30 Jahren Verspätung erreichen, wenn die Reformen nicht schneller vorangetrieben werden.

Die Region wird die SDGs nach derzeitigem Stand erst 2065 erreichen, also 35 Jahre später als von den Vereinten Nationen im Rahmen ihrer Agenda 2030 angestrebt, was unter anderem auf den schleppenden Fortschritt bei den Klimamaßnahmen zurückzuführen ist.

Wir haben uns kürzlich mit drei Expert:innen in Singapur getroffen, um über die dringlichsten Fragen in Bezug auf Nachhaltigkeit, den Status der Nachhaltigkeit in Asien und andere damit verbundene Themen zu sprechen.

Im Folgenden fassen wir dieses Gespräch zusammen:

Was genau sind die SDGs und weshalb sind sie wichtig?

Die Ziele für nachhaltige Entwicklung wurden 2015 von allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beschlossen. Sie dienen als Blaupause für die Identifizierung und Bewältigung der ökologischen und sozialen Probleme, die ein nachhaltigeres und gerechteres langfristiges Wachstum hemmen.

Anleger müssen sich mit diesen Fragen beschäftigen, da bei vielen Vermögenswerten, in die sie investieren, drei wichtige Nachhaltigkeitsbedenken eine Rolle spielen: der Klimawandel, die mangelnde Nachhaltigkeit in Produktion und Konsum sowie die steigende Ungleichheit.

Unternehmen üben ihre Geschäftstätigkeit nicht in einem Vakuum aus und diese Probleme ziehen Risiken für die Anleger nach sich. Amanda Young, Chief Sustainability Officer

Warum liegt Asien bei der Umsetzung der SDGs zurück?

Zunächst sollte darauf hingewiesen werden, dass die langsamen Fortschritte beim Erreichen der Ziele für nachhaltige Entwicklung ein globales und kein auf Asien beschränktes Problem sind. Die Hürde für eine nachhaltige Entwicklung liegt sehr hoch, die Ziele sind nicht ohne Weiteres zu erreichen und die Fragen werden oft stark politisiert. Die meisten Länder und Regionen könnten wesentlich bessere Fortschritte erzielen.

Zum anderen weist Asien einige einzigartige Merkmale auf, die das Erreichen bestimmter Ziele erschweren. Mit Blick auf den Klimawandel und die Energiewende ließ das rasante Wachstum Asiens beispielsweise die Energienachfrage wesentlich stärker steigen als in anderen Regionen. Angesichts des Entwicklungsstands der vorhandenen Energietechnologien erhöhte sich dadurch die Nutzung fossiler Brennstoffe.

Betrachtet man also die unterschiedlichen Dimensionen nachhaltiger Entwicklung anhand der 17 wichtigsten Bereiche, so wurden die größten Fortschritte bei den Zielen erreicht, die eng mit dem Wachstum verbunden sind (zum Beispiel Bildung und Gesundheit), wohingegen die Ziele, welche die abträglichen Nebenwirkungen des Wachstums betreffen (zum Beispiel Umweltbelange), in den Hintergrund getreten sind.

Für Asien wäre es daher vonnöten, seine Nachhaltigkeitsprobleme mit der Kraft eines Kapitalismus anzugehen, bei dem die Regierungen mit dem Privatsektor zusammenarbeiten, sodass ein Marktversagen korrigiert und gleichzeitig Anreize für private Investitionen geschaffen werden, die soziale Erträge bieten. [JL]

Reichen die im Rahmen der Klimakonferenz COP26 erteilten Zusagen der Länder aus?

Die Länder rund um den Globus haben verschiedene Zielvorgaben für das Erreichen der Klimaneutralität angekündigt, die von 2050 bis 2070 reichen. Leider klafft eine große Lücke zwischen erklärten Ambitionen und glaubwürdigen realen Maßnahmen.

Die CO2-Bepreisung ist ein wichtiges Instrument zur Dekarbonisierung der Volkswirtschaften. Aber nur wenige Länder Asiens nutzen CO2-Steuern oder Emissionshandelssysteme. Lediglich China verfügt über ein Handelssystem, das allerdings noch in den Kinderschuhen steckt. Außerdem dürften die chinesischen Emissionen erst im Jahr 2030 ihren Höchststand erreichen.

Nötig sind auch vermehrte Partnerschaften in der Region, um die erforderlichen Veränderungen in den Bereichen Strom, Transport, Bau und Landwirtschaft zu erzielen. Die nächsten zehn Jahre werden von entscheidender Bedeutung sein. [JL]

Worüber möchten die Kunden bei Meetings zum Thema Nachhaltigkeit sprechen?

Das kommt auf den jeweiligen Kenntnisstand an, da sich einige APAC-Anleger zum ersten Mal mit dem Thema ESG befassen und andere bereits gut informiert sind. Doch das Klima ist meines Erachtens ein Hauptsorgenpunkt.

Es finden auch vermehrt Gespräche über den Verlust an Biodiversität statt. Andere Schwerpunkte sind unter anderem Diversität und Inklusion sowie moderne Sklaverei und Arbeitsbedingungen. Und ein Punkt, der stets thematisiert wird, ist die Unternehmensführung.

Einige Fragen beschränken sich auf die konkreten Gegebenheiten vor Ort. In Australien werden beispielsweise umfangreiche Gespräche über die Rechte der Urbevölkerung und die Verwaltung des kulturellen Erbes geführt.

Besonders stark interessiert sind die Kunden am aktiven Aktionärstum und Engagement – die Transparenz und Qualität von Daten, und ob eine Veräußerung erfolgen sollte. Außerdem möchten sie wissen, wie Teams zum Management von ESG-Belangen gebildet werden und regulatorische Änderungen verstehen (beispielsweise um ein Greenwashing zu vermeiden). [DWR]

Warum ist Nachhaltigkeit aus Bottom-up-Perspektive von Belang?

Nachhaltigkeitsbelange haben Anlageimplikationen, die bei der Beantwortung der Frage, wie wir unser Kapital investieren, und unter Umständen bei der Titelselektion zu beachten sind.

Einige Sektoren sind in dieser Hinsicht riskanter, so etwa der Energiesektor. Andere wie Versorger können von Initiativen profitieren, die eine Lösung der Probleme bei der Energiewende anstreben.

Im Gesundheitssektor können Risiken im Zusammenhang mit der Preisgestaltung für Medikamente und dem Zugang zu erschwinglichen Arzneimitteln bestehen. Gesundheitsunternehmen, die eine breite Versorgung mit Medikamenten oder Behandlungen für Krankheiten anbieten, die von den großen Pharmaunternehmen vernachlässigt wurden, eröffnen Chancen (und positive Ergebnisse für die Umwelt und die Gesellschaft). [AY]

Was sind die schwerwiegendsten Irrtümer bezüglich nachhaltiger Anlagen?

Ein Irrtum ist die Annahme, dass nachhaltige Anlagen lediglich ein Anlagestil sind. Tatsächlich lassen sich nachhaltige Anlagen auf vielfältige Weise tätigen – aktiv oder passiv, Investments bei börsennotierten oder nicht börsennotierten Unternehmen, globale oder auf einen Markt beschränkte Produkte. Diese stellen unterschiedliche Anlagestile und -philosophien dar.

Ein anderer Irrtum besteht darin, anzunehmen, dass die Fachbegriffe alle ein und dieselbe Bedeutung haben. Doch die ESG-Integration (Bottom-up-Risikoansatz) ist beispielsweise nicht dasselbe wie ethisches Investieren (Einbeziehung/Ausschluss von Anlagen aufgrund von Werten), was wiederum nicht mit Impact Investing (Beitrag zu einem bewussten positiven und messbaren Wandel) gleichzusetzen ist.

Der größte Irrtum ist wahrscheinlich die Annahme, dass sich ESG-Integration/nachhaltige Ergebnisse und Performance gegenseitig ausschließen.

Zwar sind noch weitere Analysen vonnöten, aber es gibt bereits Belege dafür, dass höhere ESG-Bewertungen mit niedrigeren Kapitalkosten und einer besseren langfristigen Performance einhergehen. [DWR]

Wie beurteilen die Regierungen die Kosten und Vorteile der Energiewende?

Im derzeitigen geopolitischen Umfeld erschwert die Zersplitterung des globalen Systems in unterschiedliche Blöcke und Bündnisse die Energiewende. Das bedeutet nicht, dass Fortschritte unmöglich sind – die Länder können viel tun – doch die schlechte Koordinierung hemmt den notwendigen Wandel.

Bei vielen der großen Probleme, denen wir uns bei den Nachhaltigkeitszielen gegenübersehen, handelt es sich um Schwierigkeiten der Weltgemeinschaft, an einem Strang zu ziehen. Dem Planeten ist es egal, wo die Emissionen herkommen. Doch wenn die mächtigsten Länder der Welt zerstritten sind, ist es viel unwahrscheinlicher, dass sie sich zusammenschließen, um diese größeren Probleme zu lösen.

Das COP26-Treffen im letzten Jahr hat verdeutlicht, dass sich die Welt nicht darauf verständigen konnte, Finanzmittel in ausreichender Höhe bereitzustellen, um die Energiewende in den Entwicklungsländern voranzutreiben. [JL]

Reichen die Engagement-Aktivitäten der Finanzbranche im Energiebereich aus, um die Netto-Null-Ziele zu erreichen?

Meiner Einschätzung nach tut die Finanzbranche nicht genug, wenngleich sich der Fortschritt beschleunigt hat. Das Engagement des Finanzsektors befindet sich noch im Anfangsstadium (zum Beispiel müssen noch viele Datenprobleme gelöst werden), die Welt ist nach wie vor stark von fossilen Brennstoffen abhängig und die Dekarbonisierung schreitet nur langsam voran.

Es dürfte auch einige Zeit dauern, bis wir entsprechende Kontrollwerte etabliert haben, an denen wir erkennen können, ob der von einem Unternehmen versprochene Richtungswechsel realistisch erreichbar ist.

Jenseits der Schlagzeilen zeigt sich, dass die Zusagen der Finanzinstitute zur Reduzierung des CO2-Fußabdrucks bei Weitem nicht ausreichen und oftmals stark davon abhängen, ob die Regierungen ihre eigenen Versprechen einhalten.

Dies sollte keine Überraschung darstellen, da die Kapitalflüsse nicht mit Netto-Null-Zielen in Einklang gebracht werden können, wenn die nationale Politik nicht darauf ausgerichtet ist. Der private und der öffentliche Sektor müssen zusammenarbeiten, ansonsten werden wir diese Ziele verfehlen. [JL]

Warum ist der Verlust von Biodiversität ein gravierendes Problem für die Anleger?

Am wichtigsten ist, dass der Mensch im Falle eines massiven Verlusts an Biodiversität als Spezies nicht überleben kann. Allerdings basiert jedes von uns getätigtes Investment auf natürlichen Ressourcen. Jedes Unternehmen hinterlässt einen Fußabdruck in der Natur.

Wir müssen daher darüber nachdenken, inwieweit diese Unternehmen weiterhin auf die natürlichen Ressourcen zugreifen können, wenn diese knapper werden.

Biodiversität ist wichtig, da der Gesundheitssektor seit eh und je die Natur nutzt, um Therapien für Krankheiten zu finden.

In puncto Gesundheit steht fest, dass wir alle ein gesundes Umfeld für unsere Aktivitäten brauchen. In China stellen die Auswirkungen der starken Luftverschmutzung auf die Gesundheit der städtischen Bevölkerung einen Hauptgrund für die Abkehr von fossilen Brennstoffen dar.

Allerdings ergeben sich auch Gelegenheiten, in Lösungen für den Biodiversitätsverlust zu investieren und die Schädigung des Ökosystems zu reduzieren oder sogar wiedergutzumachen. [AY]

Wird die Energiesicherheit die Energiewende vorantreiben?

Die meisten Volkswirtschaften sind nach wie vor von fossilen Brennstoffen abhängig. Die derzeitige Energiekrise verdeutlicht, dass eine Wende nicht von einem Tag auf den anderen erreicht werden kann, da erneuerbare Energien den Ausfall nicht ersetzen können, der durch eine plötzliche Einstellung der Öl- und Gasversorgung entsteht.

Die politischen Entscheidungsträger müssen weit über die Gegenwart hinausdenken. Der Balanceakt, den die Regierungen vollführen müssen, besteht darin, den kurzfristigen Schock zu bewältigen, indem sie Maßnahmen ergreifen, die den Haushalten und Unternehmen helfen, mit den höheren Preise zurechtzukommen, und gleichzeitig die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen (vor allem von Brennstoffimporten) im Laufe der Zeit zu verringern, damit die Eintrittswahrscheinlichkeit derartiger Krisen sinkt.

Manche Beobachter sprechen sich dafür aus, mehr in fossile Brennstoffe zu investieren, um Preisanstiege zu verhindern. Aber Energiepreisschocks waren schon immer an der Tagesordnung, sogar in Zeiten, als der Begriff Klimapolitik noch nicht existierte. [JL]

Auf was sollten Anleger achten, um gute ESG-Chancen von Greenwashing zu unterscheiden?

Sie sollten auf die Anhaltspunkte achten, die belegen, dass ESG-Kriterien in die Anlageprozesse integriert sind. Sie müssen mit den Anlageteams sprechen, um zu verstehen, wie diese mit ESG-Belangen umgehen.

Wenn Anleger Gespräche über aktives Aktionärstum und Engagement führen, sollten sie nach Belegen Ausschau halten, dass nicht nur Gespräche geführt werden, sondern dass tatsächlich eine Ausrichtung auf Ergebnisse besteht, und sie sollten verstehen, welcher Art diese Ergebnisse sind. [DWR]

Amanda Young, Chief Sustainability Officer, abrdn
Danielle Welsh-Rose, Head of Sustainability Specialist and APAC Sustainability, abrdn
Jeremy Lawson, Chief Economist and Head of Research Institute, abrdn

* Amanda Young [AY], Danielle Welsh-Rose [DWR] und Jeremy Lawson [JL] nahmen am 24. Mai an der Podiumsdiskussion Erster Nachhaltigkeitsgipfel von abrdn in Singapur teil. Die Antworten wurden der Kürze und Klarheit halber editiert.

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