Ein Kommentar von Euan Ker, Sustainable Investment Analyst bei Aegon Asset Management:
"Die meisten von uns besitzen noch einen Funken Ironie, sodass die Kritik an dem Event nicht überraschend kam. Der Vorwurf lautet, dass viel geredet, aber wenig getan wird. Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg wies in einer der Eröffnungsreden mehrmals darauf hin.
Welche Veränderung gibt es im diesjährigen Manifest, wenn überhaupt?
Die Neuauflage des Davoser Manifests plädiert für ein neues Modell des Stakeholder-Kapitalismus. Darin wird klargestellt, dass der aktuelle Shareholder-Kapitalismus nicht geeignet ist, um den aktuellen ökologischen und sozialen Herausforderungen gerecht zu werden. In dem Manifest heißt es, „Unternehmen müssen ihren gerechten Anteil an Steuern zahlen. Sie sollten Korruption keinesfalls tolerieren und die Menschenrechte in ihren globalen Lieferketten achten. Und sie sollten einheitliche Wettbewerbsbedingungen respektieren, insbesondere in der ‚Plattformökonomie‘.“
Sind das radikale Forderungen? Nicht wirklich. Aber wie realistisch sind sie wirklich?
Das Manifest unterstreicht in diesem Zusammenhang die folgenden beiden Treiber:
- Standardisierung von ESG-Kennzahlen.
- Anpassung der Vergütungen für Führungskräfte.
Der CEO der Bank of America Brian Moynihan brachte in einer Podiumsdiskussion in Davos ein Projekt ins Spiel, bei dem gemeinsam mit den „Big Four“, den vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, und dem International Business Council (IBC) allgemeingültige Standards für ESG-Kennzahlen definiert werden sollen (nicht die erste Initiative dieser Art, die mit großen Worten lanciert wurde).
Mit Blick auf die Vergütung von Führungskräften fordert das Manifest, „diese sollte sich eher an der langfristigen gemeinsamen Wertschöpfung orientieren.” ESG-Kennzahlen spielen bei Bonuszahlungen einer immer wichtigere Rolle. Eine Analyse von STOXX 600-Unternehmen belegt, dass zwischen 2015 und 2018 der Anteil von ESG-Indikatoren bei langfristigen Vergütungselementen (LTIP) von 7% auf 14% und bei kurzfristigen Vergütungselementen (STIP) von 21% auf 35% gestiegen ist (GS Sustain: Euro STOXX 600 Management Incentives Guide”).
An der gleichen Podiumsveranstaltung wie Brian Moynihan nahm auch Siemens-Aufsichtsratschef Jim Snabe teil, der vor Kurzem versehentlich deutlich machte, wie schwierig eine Abkehr vom aktuellen Kapitalismus-Modell ist. Auf den ersten Blick ist Siemens mit dem Stakeholder-Modell weitgehend konform und Snabe begeistert über die Nachhaltigkeitsinitiativen und die bereits eingegangenen Verpflichtungen des Unternehmen. Dabei bestätigte er, dass ESG-Kennzahlen bei kurz- und langfristigen Incentives bereits einfließen.
Erst neulich hatte Siemens jedoch einen Sturm der Entrüstung in den Medien ausgelöst, als bekannt wurde, dass der Konzern Signaltechnik für die Bahnstrecke zur umstrittenen Adani Carmichael-Kohlemine in Australien liefert. Der Firmenchef veröffentlichte daraufhin eine Erklärung, die fast wie eine Entschuldigung klingt. Besonders interessant fand ich darin die beiden folgenden Zeilen:
„Es gibt praktisch keinen rechtlich und wirtschaftlich verantwortungsvollen Weg, den Vertrag aufzulösen, ohne treuhänderische Pflichten zu vernachlässigen.“
und
„Wäre es mein eigenes Unternehmen gewesen, (...) hätte ich wohl gesagt, fein, lasse ich es darauf ankommen“.
Vorerst sieht es trotz der Plattitüden ganz danach aus, dass die treuhänderische Pflicht den Aktionären den Trumpf in die Hand spielt. Wir gehen davon aus, dass für die meisten Firmenchefs die Aktionäre weiter an erster Stelle stehen werden."
Euan Ker, Sustainable Investment Analyst, Aegon Asset Management