Was lange als futuristisches Randthema galt, rückt 2026 in den Fokus globaler Investoren. Intelligente Brillen, ausgestattet mit Künstlicher Intelligenz, Sprachsteuerung und Augmented Reality, stehen vor einem möglichen Wendepunkt – technologisch wie wirtschaftlich.
Ein Markt am Beginn der S-Kurve
Nach Jahren gescheiterter Anläufe – von Google Glass bis Magic Leap – hat sich das Umfeld für Smartbrillen grundlegend verändert. Multimodale KI-Modelle, leistungsfähige Edge-Chips und deutlich leichtere Hardware ermöglichen erstmals Produkte, die im Alltag tragfähig sind. Laut Marktforschern von Omdia sollen 2026 weltweit über 10 Millionen AI- und AR-Brillen ausgeliefert werden; das jährliche Wachstum liegt derzeit bei 50 bis 100 Prozent, ausgehend von einer niedrigen Basis. Zum Vergleich: Der globale Smartphone-Markt umfasst rund 1,2 Milliarden Geräte pro Jahr. Für Smartbrillen wäre bereits ein Anteil von zehn Prozent ein Markt von völlig neuer Dimension.
Meta setzt auf Mode, Google auf Plattform
Derzeit dominiert Meta Platforms den noch jungen Markt. Die Ray-Ban-Meta-Brillen, entwickelt gemeinsam mit EssilorLuxottica, haben sich laut Branchenangaben millionenfach verkauft. Meta kombiniert dabei modische Akzeptanz mit einer eigenen KI-Schicht (Meta AI) und kontrolliert Hardware, Software und Distribution. Der Marktanteil 2025 lag Schätzungen zufolge bei 60 bis 70 Prozent. Alphabet verfolgt einen anderen Ansatz. Mit Android XR, das 2026 starten soll, positioniert sich Google als offene Plattform – vergleichbar mit Android im Smartphone-Zeitalter. Partner wie Samsung, Warby Parker, Xreal und Gentle Monster sollen Geräte zu Preisen unter 500 US-Dollar ermöglichen. Angetrieben wird das Ökosystem durch Googles KI-Modell Gemini, das Echtzeit-Übersetzung, Navigation und kontextuelle Assistenz bietet. Für Investoren ist dieser Plattform-Ansatz entscheidend: Offene Ökosysteme skalieren schneller, während vertikale Integration höhere Margen, aber auch höhere Risiken bedeutet.
Apple sucht noch die richtige Form
Apple bleibt ein Sonderfall. Die 2024 eingeführte Vision Pro demonstrierte zwar technologische Führerschaft im Bereich Spatial Computing, blieb mit einem Preis von rund 3.500 US-Dollar und einem Gewicht von über 600 Gramm jedoch ein Nischenprodukt. Produktionskürzungen folgten. Branchenkreise erwarten leichtere AI-Brillen frühestens 2026 oder 2027 – ein Hinweis darauf, dass Apple das Timing noch sucht.
Die unterschätzten Profiteure: Chips, Displays, Optik
Neben den bekannten Plattformkonzernen entstehen attraktive Chancen im „Pick-and-Shovel“-Segment. Qualcomm hat sich mit der Snapdragon-AR-Serie als zentraler Chip-Lieferant für On-Device-KI etabliert; die neueste Generation ist laut Hersteller rund 25 Prozent energieeffizienter als Vorgänger. Auch Sony (Sensoren), Bosch (MEMS-Technologie) sowie Spezialisten für Micro-LED-Displays und Waveguides profitieren vom wachsenden Volumen.
Nicht zu unterschätzen ist EssilorLuxottica, das mit Ray-Ban und Oakley den Zugang zu Optik-Retail und Konsumentenvertrauen kontrolliert – ein strategischer Vorteil gegenüber reinen Tech-Anbietern.
Warum diesmal alles anders ist
Frühere Smartbrillen scheiterten an Gewicht, Batterielaufzeit und fehlendem Nutzen. Heute verlagert sich KI-Rechenleistung zunehmend auf das Gerät selbst („Edge AI“), was Latenz, Kosten und Datenschutzprobleme reduziert. Gleichzeitig ersetzt Sprache den Touchscreen als primäres Interface. Der Nutzen ist unmittelbar: Übersetzung in Echtzeit, Navigation ohne Blick aufs Smartphone, Assistenz im Beruf und barrierefreie Anwendungen für Seh- oder Hörgeschädigte.
Ausblick: Kampf um das nächste große Interface
Ab 2026 dürfte sich entscheiden, ob Smartbrillen das Smartphone ergänzen – oder langfristig ablösen. Die Marktdynamik erinnert an die frühen Jahre des Smartphones: wenige dominante Plattformen, viele spezialisierte Zulieferer und ein rasanter Innovationszyklus. Für Anleger bedeutet das hohe Volatilität, aber auch asymmetrische Chancen.
Sollten sich Smartbrillen als alltägliches Interface etablieren, entsteht ein Markt, der nicht nur Hardware verkauft, sondern den Zugang zu Information, Handel und digitalen Diensten neu definiert. Für Meta, Google und ihre Ökosysteme wäre das mehr als ein neues Produkt – es wäre der nächste große Plattformwechsel.
Von Audun Wickstrand-Iversen, Portfoliomanager beim DNB Fund Disruptive Opportunities bei DNB Asset Management
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