Wer heute über ein Rentenportfolio spricht, spricht nicht mehr über dieselbe Anlagewelt wie noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Lange galt: Staatsanleihen hoher Bonität bilden den sicheren Kern eines Portfolios, Unternehmensanleihen liefern Mehrertrag, die Zentralbanken verhindern größere Verwerfungen.
Diese Welt hat sich verändert. Geopolitische Spannungen, steigende Staatsverschuldung, eine fragmentiertere Weltwirtschaft und weniger vorhersehbare Notenbanken haben die Rahmenbedingungen verschoben. Bonität verlagert sich teilweise von Staaten zu Unternehmen, mittlere Laufzeiten gewinnen an Attraktivität, KI-Investitionen erhöhen die Konzentrationsrisiken im Kreditmarkt. Ein modernes Rentenportfolio muss deshalb vor allem resilient sein. Es muss Schocks aushalten, ohne seine Stabilitätsfunktion zu verlieren, und auch dann Erträge liefern, wenn sich die Kapitalmärkte anders entwickeln als erwartet.
„Unsere These: Ein resilientes Rentenportfolio lässt sich nicht statisch konstruieren.“ - Christian Kopf
Resilienz entsteht nicht durch eine einzelne Anlageentscheidung, sondern aus dem Zusammenspiel von Bonität, Duration, Diversifikation und aktivem Risikomanagement. Diese vier Faktoren sind heute entscheidend.
Staatsanleihen verlieren ihren Nimbus
Beginnen wir mit der Bonität. Jahrzehntelang waren Staatsanleihen vieler Industrieländer der natürliche sichere Hafen. Im Jahr 2000 verfügte die überwiegende Zahl der Emittenten von Staatsanleihen des Euroraums noch über ein Triple-A- oder AA-Rating. Seither ist deren Zahl trotz Erweiterung des Euroraums kontinuierlich gesunken. Heute tragen nur noch Deutschland, Luxemburg und die Niederlande ein Top-Rating. Die finanzpolitische Realität hat sich verändert: Schuldenstände, Haushaltsdefizite und Refinanzierungsbedarfe steigen, während die Zentralbanken als Großkäufer zunehmend in den Hintergrund treten. Wir teilen die These: Bonität wandert teilweise von der öffentlichen Hand zu den Unternehmen. Staaten sind nicht mehr automatisch der sichere Hafen; Unternehmen können es sein – vorausgesetzt, ihr Geschäftsmodell bleibt tragfähig.
Das heißt nicht, dass Staatsanleihen ihre Berechtigung verlieren. Sie bleiben ein unverzichtbarer Bestandteil vieler Portfolios. Doch Investoren sollten genauer differenzieren: Nicht allein Ratings zählen, sondern auch wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Inflation und Geldpolitik.

Hinzu kommt eine strukturelle Verschiebung: Hedgefonds erwerben zunehmend Staatsanleihen, geben sie in die Wertpapierleihe und sichern das Zinsrisiko ab. Bei Bundesanleihen ab zehn Jahren liegt die Rendite über dem Swap-Satz – das ermöglicht risikoarme Prämien im zweistelligen Basispunktebereich. Doch Hedgefonds sind „weak hands“, schwache Hände. Sie haben die Zentralbanken als Käufer teilweise abgelöst, können Bestände aber schnell abbauen. Kurzfristig erleichtert das die staatliche Refinanzierung, mittelfristig erhöht es die Volatilität – ein Risiko, das viele Marktteilnehmer unterschätzen.
Unternehmensanleihen hoher Qualität bleiben ein Stabilitätsanker
In diesem Umfeld nehmen Unternehmensanleihen mit Investment Grade eine besondere Rolle ein. Sie bilden gewissermaßen das Rückgrat eines resilienten Rentenportfolios. Das liegt daran, dass viele Emittenten über stabile Fundamentaldaten, solide Bilanzen und belastbare Cashflows verfügen. Zugleich bieten sie attraktive laufende Erträge und reagieren oft weniger unmittelbar auf fiskalische Risiken einzelner Staaten. Die Kreditwürdigkeit guter Unternehmen entwickelt sich vielfach stabiler als die mancher öffentlicher Haushalte.
Das macht jedoch nicht jede Unternehmensanleihe attraktiv. Entscheidend bleibt die Selektion. Ein resilientes Portfolio setzt auf Qualität und auf Geschäftsmodelle, die auch in unterschiedlichen Konjunktur- und Inflationsszenarien Bestand haben. Laufende Erträge lassen sich zudem mit flexibler Absicherung gegen abrupte Ausweitungen der Kreditrisikoprämien kombinieren.
Mit Blick auf den KI-Boom stellt sich für Anleiheinvestoren eine zentrale Frage: Sind die Investitionen von Amazon, Microsoft, Google, Meta oder Oracle profitabel genug, um den höheren Fremdkapitalbedarf zu rechtfertigen? Das Risiko tragen primär die Konzerne und ihre Aktionäre. Anleihezeichner sind besser geschützt, weil die Hyperscaler meist Cashflow-starke Geschäftsbereiche jenseits von KI betreiben, aus denen Schulden bedient werden können. Ein Risiko bleibt dennoch für den Gesamtmarkt: Die Konzentration nimmt zu, der Tech-Sektor gewinnt im Index an Gewicht. Diversifikation bleibt deshalb essenziell.
Laufzeitensteuerung bleibt ein wichtiges Thema
Ein weiterer zentraler Baustein ist die Duration, also die Zinssensitivität eines Portfolios. Während der Niedrigzinsphase spielte Laufzeitensteuerung oft nur eine Nebenrolle. Heute ist sie wieder ein zentrales Instrument. Die Zinslandschaft ist komplexer geworden, und die Renditestrukturkurven dürften nach unserer Einschätzung auf absehbare Zeit relativ steil bleiben. Nicht jede Laufzeit bietet daher dasselbe Chance-Risiko-Verhältnis.
Besonders interessant erscheinen derzeit mittlere Laufzeiten. Im Bereich zwischen fünf und neun Jahren sehen wir ein günstiges Verhältnis aus laufendem Ertrag und Kursrisiko. Anleger erhalten attraktive Renditen, ohne die Risiken sehr langer Laufzeiten vollständig einzugehen.
In einer Phase höherer Staatsverschuldung und größerer Zinsvolatilität spricht daher vieles gegen eine pauschale Übergewichtung sehr langlaufender Staatsanleihen. Wichtiger ist eine aktive Steuerung der Laufzeitenstruktur.
Robuster durch breitere Diversifikation
Resilienz bedeutet, Risiken auf mehrere Ertragsquellen zu verteilen. Anleger sollten daher nicht nur auf europäische Staats- und Unternehmensanleihen setzen. Zusätzliche Diversifikation kann durch ausgewählte Schwellenländeranleihen, globale Rentenstrategien oder spezialisierte Anleihesegmente entstehen.
Gerade Anleihen der Emerging Markets werden häufig unterschätzt. Das Segment ist heterogen und darf nicht als einheitlicher Markt betrachtet werden. Darin liegen Chancen: Weil die wirtschaftlichen Treiber teilweise andere sind als in Europa oder den USA, können diese Anleihen einen wertvollen Diversifikationsbeitrag leisten. Viele EM-Staatsanleihen sind fundamental gut aufgestellt und relativ attraktiv bewertet. Unterstützend wirken die moderate Positionierung vieler Investoren und das geringe Nettoangebot. Entscheidend bleibt eine strenge Länder- und Emittentenauswahl. Selektive Lokalwährungsanlagen können zudem von eigenständigen Zinssenkungszyklen und Währungsentwicklungen profitieren.
Weitere Bausteine können Covered Bonds – in Deutschland Pfandbriefe – sowie Wandelanleihen sein. Covered Bonds bieten oft einen Renditeaufschlag gegenüber dem Heimatstaat. Wandelanleihen ergänzen klassische Zins- und Kreditbausteine um eine asymmetrische Aktienkomponente: Der reine Anleihewert kann einen Puffer bilden, während die Wandlungsoption die Investoren an steigenden Aktienkursen beteiligt. Gerade in wechselhaften Marktphasen stärkt dieses Profil die Robustheit des Gesamtportfolios.
Resilienz entsteht erst durch aktives Management
Die wichtigste Erkenntnis lautet: Ein resilientes Rentenportfolio lässt sich nicht statisch konstruieren. Das komplexe Marktumfeld zwingt dazu, stärker in Szenarien zu denken, statt linear an Prognosen festzuhalten. Entscheidend ist weniger, den einen richtigen Marktausblick zu treffen, als ein Portfolio so aufzustellen, dass es verschiedene Entwicklungen verkraftet.

Resilienz bedeutet nicht, Risiken zu vermeiden, sondern sie bewusst zu steuern. Diversifikation, aktive Laufzeitensteuerung, differenziertes Zinsrisikomanagement entlang der Kurve und Währungsabsicherung sind zentrale Elemente. Ebenso wichtig sind relative Bewertungen und die Positionierung auf steilen Kurven, weil sich daraus Erträge erzielen lassen, ohne dass das gesamte Portfolio auf steigende Kurse angewiesen ist. Denn auch das gehört zur Realität: Deutlich steigende Anleihekurse auf kurze bis mittlere Sicht sind nach der starken Entwicklung vieler Segmente eher unwahrscheinlich. Umso wichtiger ist es, Ertragskomponenten abseits reiner Kursgewinne zu sichern.
Von Christian Kopf, Leiter Portfoliomanagement Renten, Union Investment