„Wenn Kapital zur Arbeit wird“: Wer profitiert vom neuen Kapitalismus?

Warum steigen Vermögen seit Jahrzehnten schneller als Löhne? Frédéric Leroux, Head des Cross Asset Teams und Fondsmanager bei Carmignac, analysiert, wie Inflation, Desinflation, Aktienbesitz und Künstliche Intelligenz die Verteilung von Wohlstand verändern. Carmignac | 23.06.2026 07:49 Uhr
Frédéric Leroux, Fondsmanager und Leiter des Cross-Asset-Teams bei Carmignac / © e-fundresearch.com / Carmignac
Frédéric Leroux, Fondsmanager und Leiter des Cross-Asset-Teams bei Carmignac / © e-fundresearch.com / Carmignac

Seit Ende der 1970er Jahre ist das Nettovermögen der privaten Haushalte deutlich schneller gestiegen als die Lohneinkommen.1 Die untenstehende Grafik verdeutlicht die Unterbrechungen dieses Trends während der Börsencrashs (Verringerung des Vermögens) und vor allem in Inflationsphasen (1965–1980 oder, in jüngerer Zeit, 2021–2022). Denn Inflation führt zu höheren Zinssätzen, was sich negativ auf die Bewertung von Vermögenswerten auswirkt. Dieser Logik folgend ist die Desinflation, die zum Teil durch niedrige Löhne begünstigt wird, die wirtschaftliche Dynamik, die die Inhaber von Anlagevehikeln oder Immobilienvermögen durch den damit einhergehenden Rückgang der Zinssätze am stärksten belohnt, auch wenn sie in der Regel mit einem Anstieg der Verschuldung einhergeht.

Die Verteilung der Früchte des Kapitalismus scheint sich allmählich von der Arbeit zu lösen und sich zunehmend am Kapital zu orientieren. Der Börsengang von SpaceX, durch den nach internen Schätzungen sofort mehr als 4.400 der Mitarbeiteraktionäre zu Millionären geworden sind, ist ein symbolträchtiges Beispiel für diese Idee2. Dieser Trend hat dazu geführt, dass der Anteil der Löhne am BIP in den USA im vergangenen Monat einen historischen Tiefstand erreicht hat. Der Kapitalismus im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI) wandelt sich zu einem System, in dem Kapital zur Arbeit wird – einem System, in dem es daher logisch ist, dass Aktien nach und nach die Löhne ersetzen, wodurch Arbeitnehmer ohne Aktien zu den Stiefkindern des Systems werden.

Die Demokratisierung der Kapitalbeteiligung ist eine wirtschaftlich sinnvolle Antwort auf die zunehmenden Ungleichheiten, die heute eher auf das Vermögen als auf die Löhne zurückzuführen sind. Eine weitere Antwort besteht darin, die sich abzeichnende Inflation der Deglobalisierung3 unter Aufsicht zu stellen, anstatt sie gewaltsam auf 2 % zu zügeln (warum eigentlich 2 %?). Sind die in unserer Grafik dargestellten Zusammenhänge tatsächlich stichhaltig, würde die Inflation die Verteilung des Wohlstands zugunsten der Löhne neu ausgleichen und zum Abbau der Staatsverschuldung beitragen.

Schade, dass diese beiden Optionen unvereinbar sind.

Von Frédéric Leroux, Head des Cross Asset Teams und Fondsmanager bei Carmignac

Weitere beliebte Meldungen:

1 Quelle: US-Notenbank (Federal Reserve), Financial Accounts of the United States (Flow of Funds, Z.1), aktuelle verfügbare Daten.

2 Quelle: Hill.com, zitiert von der New York Times (10. Juni 2026).

3 Zunehmende geopolitische Spannungen, Wiederaufleben des Protektionismus, Einschränkung der Einwanderung…

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