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Halbjahres-Marktausblick: Nachhaltigkeit wird belohnt, keine Zinserhöhung vor 2023

DWS | 04.06.2021 11:25 Uhr
Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der DWS / © DWS
Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der DWS / © DWS

Drei Trends für die Finanzmärkte machte Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der DWS, auf dem Halbjahres-Marktausblick des Vermögensverwalters am Montag aus. Erstens: Die Zentralbanken werden die Zinsen weiter niedrig halten. Kreuzkamp: „Vor 2023 rechnen wir weder in den USA noch in Europa  mit einer Änderung des Zinsniveaus.“ Zweitens: Die asiatischen Schwellenländer, die besonders gut durch die Covid-19-Pandemie gekommen sind, dürften zu den aussichtsreichsten Anlageregionen gehören. Drittens: Nachhaltiges Wirtschaften ist der große Gewinner unserer Zeit. Die Staaten drückten beim Zeitplan zur Erreichung von Netto-Null-Emissionen auf das Gaspedal. Auch die Auswirkungen für Kapitalanleger sind enorm. „Das Rendite-Risiko-Verhältnis fällt besser aus, wenn Nachhaltigkeitskriterien eingehalten werden“, so Kreuzkamp.

Zur Entwicklung der Covid-19-Pandemie gab sich Fondsmanagerin und Biotechnologie-Expertin Noushin Irani optimistisch. Die enorm schnelle Entwicklung der neuartigen mRNA-Impfstoffe gebe Hoffnung auf die erfolgreiche Anwendung in weiteren Gebieten, beispielsweise bei der Krebs-Therapie.

Wachstumsdifferenz USA-Europa weitet sich aus

Welche Spuren hat Corona bislang hinterlassen? Wie wird die Welt nach Corona aussehen? Die Wachstumsdifferenz zwischen den USA und Europa hat sich ausgeweitet. 6,7 Prozent Wirtschaftswachstum im Jahr 2021 erwartet Kreuzkamp für die USA, dank der enormen staatlichen Unterstützung und dem schnellen Fortschritt beim Impfen. Auch für 2022 sieht Kreuzkamp noch ein Wachstum von 5,2 Prozent. Die Eurozone könne da nicht ganz mithalten. Hier lauten die Wachstumsprognosen 4,2 Prozent für 2021 und 4,6 Prozent für 2022. Mit den USA etwa auf Augenhöhe beim erwarteten Wachstum dürften die Schwellenländer liegen, für die Kreuzkamp 2021 ein Wachstum von 6,2 Prozent und 2022 von 4,7 Prozent prognostizierte.

Beim Thema Inflation gab Kreuzkamp – zumindest teilweise – Entwarnung. „Der Inflationsdruck dürfte im laufenden Jahr seinen Höhepunkt erreichen“, sagte der Anlagestratege. Dann dürfte der Effekt der aufgestauten Nachfrage, der preistreibend wirke, nachlassen. Auch die Lieferengpässe sollten dann passé sein und zu keinem maßgeblichen Preisdruck führen. Auf längere Sicht könnte sich die Inflation allerdings durchaus auf einem etwas höheren Niveau einpendeln als bisher. Vieles deute darauf hin, dass die Zentralbanken moderat höhere Inflationszahlen tolerieren werden. Schon allein deshalb, weil sich dies positiv auf die enorm gestiegene Verschuldung auswirke. „Die expansive Politik der Zentralbanken dürfte sich erst einmal fortsetzen“, so Kreuzkamp.

Nachhaltigkeit: Unterschätzte Chancen bei Blue Economy und Bildung

Die DWS sieht große Chancen in der Blue Economy. Dazu zählen Unternehmen, die Meeresressourcen nachhaltig für wirtschaftliches Wachstum nutzen. Wie viel Potenzial in der blauen Wirtschaft (Blue Economy) steckt, führte Fondsmanager Paul Buchwitz aus. „Das globale Bruttoinlandsprodukt der Blue Economy wurde von der OECD im Jahr 2010 auf 1,5 Billionen Dollar geschätzt und soll bis 2030 auf 3 Billionen Dollar anwachsen, wobei Industrien mit Ozeanbezug ein schnelleres Wachstum als der etablierten Wirtschaft vorhergesagt werden“, sagte Buchwitz. „Wenn wir die Blue Economy jedoch mit den 17 Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) abgleichen, ist das Ziel Nummer 14 – Leben unter Wasser – aktuell eines der am wenigsten beachteten Ziele“, so der ESG-Experte. Doch das dürfte sich laut Buchwitz bald ändern, dank eines steigenden Investoreninteresses sowie Rückenwind von regulatorischer Seite und der Politik. Interessante Anlagemöglichkeiten sieht er vor allem in drei Bereichen. Erstens: Bei Lösungen, die die Aquakultur nachhaltiger machen. Zweitens: Bei der Dekarbonisierung des maritimen Transports. Drittens: Beim Thema Vermeidung von Verschmutzung, das besonders im Hinblick auf Plastikmüll eine besondere Dynamik entfalte.

Ein weiteres aussichtsreiches Thema: Digitales Lernen. Die Covid-19-Pandemie, 50 Millionen neue Studenten allein in Brasilien, China und Indien in den Jahren 2015 bis 2030 und der Fortbildungsbedarf aufgrund des fortschreitenden technologischen Umbruchs am Arbeitsplatz sorgten für eine hohe Wachstumsdynamik. „Schon 2025 könnte der digitale Anteil an den globalen Bildungsausgaben bei 15 Prozent liegen“, prognostiziert Buchwitz. Zum Vergleich: 2020 waren es noch weniger als fünf Prozent.

Asiatische Aktienmärkte mit den besten Renditeperspektiven

In den asiatischen Schwellenländern sieht die DWS sowohl auf Sicht der nächsten zwölf Monate mit einer erwarteten Gesamtrendite von neun Prozent als auch langfristig die aussichtsreichste Anlageregion. „Insbesondere die nordasiatischen Staaten (China, Taiwan und Südkorea) sind sehr gut durch die Covid-19-Krise gekommen“, so Sean Taylor, Chefanlagestratege Asien-Pazifik und globaler Aktienchef für Schwellenländer bei der DWS. „Deshalb mussten sie weniger Schulden aufnehmen. Das dürfte sich künftig positiv auswirken. Häufig würden asiatische Länder und insbesondere China unterschätzt beziehungsweise falsch eingeschätzt. Ein gern gebrachtes Argument von Skeptikern sei die hohe Unternehmensverschuldung. Die liege tatsächlich aber deutlich niedriger als in Europa oder in den USA. Dass die Wachstumserwartungen für China nicht mehr so hoch ausfielen wie früher, sei eher Vor- als Nachteil. China setze auf qualitativ höherwertiges Wachstum, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf steige. Zudem habe sich China vom großen Nachahmer zum weltweit innovativsten Land entwickelt. Dies belege die Entwicklung bei den Patentanmeldungen nachdrücklich: Inzwischen kämen 43 Prozent der globalen Patentanmeldungen aus China, die USA folgten mit gehörigem Abstand (19 Prozent) vor Japan (10 Prozent). Die Spannungen zwischen den USA und China, die so schnell nicht verschwinden dürften, würden diese Entwicklung noch beschleunigen, erwartet Taylor.

Alternative Anlagen ersetzen  Staatsanleihen im Multi-Asset-Portfolio

„Staatsanleihen sind derzeit das Risiko nicht wert, das mit ihnen verbunden ist.“ Mit dieser Aussage machte Björn Jesch, Chefanlagestratege für EMEA und globaler Leiter  Multi Asset und Solutions, auf die schwierige Situation aufmerksam, der  Kapitalanleger gegenüberstünden. Die Tendenz zu steigenden Zinsen setze die Kurse unter Druck. Zudem stiegen die Schwankungen  mit höheren Inflationserwartungen. War es vor zehn Jahren noch möglich, mit einer Mischung von 97 Prozent Zinsanlagen und drei Prozent Aktien eine Gesamtrendite (vor Inflation) von drei Prozent zu erzielen, und das bei Schwankungen von ebenfalls nur drei Prozent, brauche es heute dafür einen Aktienanteil von 78 Prozent und 22 Prozent Zinsanlagen, wobei die Schwankungen, also das Risiko, mit elf Prozent fast viermal so hoch seien. Eine Lösung böten alternative Anlagen als Bestandteil eines Portfolios, so Jesch, angefangen bei börsennotierten Immobilienaktiengesellschaften (REITs) und Infrastrukturunternehmen über private Beteiligungen an Immobilien bis hin zu Infrastrukturfremdkapital. Eine Beimischung  alternativer Anlagen könne dazu beitragen, Wertverluste in einem Portfolio abzumildern und eröffne zudem  Chancen auf Wertsteigerungen. Mit einem Portfolio von 54 Prozent Aktien, 26 Prozent Zinsanlagen und 20 Prozent alternativen Anlagen sei eine durchschnittliche Rendite von drei Prozent bei deutlich niedrigerem Risiko möglich (neun Prozent) als mit der alleinigen Mischung von Aktien und Anleihen. Im klassischen Anleihebereich sieht Jesch vor allem Unternehmensanleihen, sowohl Investment-Grade als auch Hochzinsanleihen, als sinnvollen Bestandteil eines Portfolios.

Immobilien: Logistik und Wohnen in Fokus

„Covid-19 hat nicht nur die Wirtschaft getroffen, sondern  auch die Art verändert, wie wir Immobilien nutzen“, erklärte Anke Weinreich, Fondsmanagerin für Immobilien. Die Pandemie habe vor allem den E-Commerce-Trend weiter beschleunigt: Die zunehmende Nachfrage nach einer schnelleren Lieferung hat so genannte Last-Mile-Logistik-Immobilien zum Gewinner des Trends gemacht. Auch der Wohnsektor stehe im Fokus: „Homeoffice treibt die Nachfrage nach größeren Wohnungen. Gesucht ist erschwinglicher Wohnraum in gut angebundenen Lagen außerhalb der Innenstadt“, so Weinreich. Davon profitierten Pendler-Immobilien. „Wir gehen davon aus, dass die Sektoren Logistik und Wohnen mit einer jährlichen Gesamtrendite von acht Prozent auf Sicht der nächsten fünf Jahre deutlich besser abschneiden werden als der breite Markt. Bei Büroimmobilien rechnen wir mit jährlichen Renditen von sechs Prozent. Schlusslicht sind Einzelhandelsimmobilien mit einer Renditeerwartung von vier Prozent.“

Mit Blick auf die Regionen sagte Weinreich: „Wir erwarten, dass Großbritannien mit acht Prozent und die USA mit sieben Prozent die globalen Immobilienmärkte auf Fünf-Jahressicht im Hinblick auf Total Returns anführen. Der deutsche Immobilienmarkt dürfte sich mit fünf Prozent etwas unter dem globalem Durchschnitt entwickeln, weist aber auch ein geringeres Risiko auf“, so Weinreich. 

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