Tiefgreifende politische Veränderungen in den USA erfordern Flexibilität innerhalb, aber auch über einzelne Anlageklassen hinaus. Die Trump-Regierung befindet sich noch in ihren ersten 100 Tagen, und es werden bereits wesentliche politische Veränderungen eingeleitet oder erwartet. Die US-Konjunktur bleibt dabei bisher solide, doch die neue Regierung sorgt weiterhin für Unsicherheit über die Ausmaße und den Zeitpunkt einzelner politischer Entscheidungen. So könnten Zölle und Maßnahmen zur Regulierung der Einwanderung zwar einerseits das Wachstum dämpfen und die Inflation anheizen; andererseits würden mögliche Steuersenkungen und Deregulierungen der amerikanischen Wirtschaft Rückenwind verleihen.
US-Wirtschaft bleibt Wachstumstreiber – Kann der Vorsprung halten?
Eine höhere Arbeitsproduktivität und ein höheres Reallohnwachstum haben dazu beigetragen, dass die US-Verbraucher weiterhin mehr Geld für Waren und Dienstleistungen ausgeben als Verbraucher in anderen Industrieländern. Dies hat dazu geführt, dass sich die US-Wirtschaft nach der Pandemie besser entwickelte als viele andere Volkswirtschaften (Abbildung). Vor dieser wirtschaftlichen Stärke hat der US-Aktienmarkt, gemessen am S&P 500, vom 1. Januar 2021 bis zum 24. Februar 2025 andere globale Aktienmärkte übertroffen und lag 40 Prozent über dem MSCI EAFE Index. Doch kann dieser Ausnahmezustand des US-Marktes anhalten? Ja – auch wenn sich die regionalen Wachstumsunterschiede verringern könnten, dürfte die US-Konjunktur weiterhin zu einem überdurchschnittlichen Gewinnwachstum der Unternehmen führen. Das zeigt auch der direkte Vergleich mit Europa: So wird für den S&P 500 bis Ende des Jahres ein Gewinnwachstum von rund 12,1 Prozent erwartet, beim Stoxx Europe 600 Index sind es gerade einmal 8,6 Prozent.
Europäische Aktien bieten sicherlich Chancen, insbesondere angesichts ihrer relativ niedrigen Bewertungen. Trotz ihres soliden Jahresstarts sehen wir jedoch weiterhin Risiken am Horizont, die ihre anhaltende Outperformance gefährden könnten. Die Region ist mit zunehmender geopolitischer Unsicherheit konfrontiert. Unterdessen zeigen auch ausgewählte Schwellenmärkte vielversprechende Aussichten, aber ein stärkerer US-Dollar, Unsicherheiten im Zusammenhang mit China und zunehmender US-Protektionismus trüben ihre Aussichten etwas.
US-Aktien mit Potenzial – Selektivität und Diversifikation gefragt
US-Aktien bieten das stärkste relative Wachstumspotenzial. Angesichts der hohen Bewertungen und der hohen Marktkonzentration müssen Anleger jedoch selektiv vorgehen. Es ist absehbar, dass diese Marktverbreiterung jenen Strategien zugutekommt, die die Möglichkeit haben, über verschiedene Teile des Aktienmarkts zu diversifizieren. Beispiele sind dividendenstarke Unternehmen, die ein höheres Engagement in Energie und Finanzen zeigen, und Aktien mit minimaler Volatilität, bei denen die Bewertungen akzeptabler sind. Es bestehen auch taktische Chancen bei US-amerikanischen Nebenwerten. Kleinere Unternehmen sind tendenziell stärker auf den Binnenmarkt ausgerichtet und könnten daher überproportional von der Agenda der neuen Regierung profitieren, insbesondere was die Senkung der Unternehmenssteuern betrifft.
Unternehmensanleihen als stabilisierender Ertragsbaustein
Es besteht weiterhin der Vorteil, das Wachstumsrisiko über verschiedene Anlageklassen hinweg auszugleichen. Obwohl die Spreads von Hochzinsanleihen ebenfalls teuer sind, glauben wir, dass Unternehmensanleihen angesichts der attraktiven aktuellen Gesamterträge das Aktienengagement ergänzen können. Die Spreads mögen eng sein, doch sie spiegeln starke Fundamentaldaten wider, da Zinsdeckung und Verschuldungsgrade weiterhin ein gutes Niveau zeigen. Der Yield-to-Worst war in der Vergangenheit ein guter Indikator für zukünftige Erträge. Und bei aktuellen Renditen von 7,5 Prozent dürften Hochzinsunternehmensanleihen eine attraktive Einnahmequelle darstellen – insbesondere, wenn sich Anleger auf Emittenten höherer Qualität konzentrieren können, deren Ausfallrisiko tendenziell geringer ist.
Eine Anlageklasse, die derzeit sehr vernünftige Bewertungen bietet, sind US-Staatsanleihen oder Duration (Abbildung). Klar ist, dass die Aussichten für die Duration in den USA im Vergleich zu anderen entwickelten Märkten angesichts des stärkeren Wachstums und des Potenzials für einen inflationären Aufwärtstrend weniger sicher sein können. Die Ausgangsrenditen deuten jedoch darauf hin, dass die Zinsbewegung weiterhin nach unten verzerrt ist. Noch wichtiger ist, dass dies der Fed Handlungsspielraum gibt, sollte die neue Regierung politische Änderungen vornehmen, die sich negativ auf das Wachstum auswirken.
Politische Unsicherheit erfordert Flexibilität und Diversifikation
Die neue US-Regierung bringt erhöhte Unsicherheit mit sich: Von Zöllen bis zu Steuersenkungen. Nicht nur das Ausmaß, sondern auch die Abfolge der Maßnahmen werden deren Auswirkungen auf Wachstum, Inflation und Zinsen bestimmen. Insofern dürfte sich das Investmentumfeld in den USA ändern, und zwar wahrscheinlich schnell. Umso naheliegender ist es, dass Multi-Asset-Anleger diversifiziert und flexibel bleiben müssen, um mit Rotationen durch mögliche politische Veränderungen umgehen zu können.
Von Karen Watkin, CFA, Portfolio Manager—Multi-Asset Solutions bei AllianceBernstein