In volatilen Märkten einen kühlen Kopf bewahren: Das Potenzial defensiver Aktienstrategien

AllianceBernstein | 01.12.2025 08:05 Uhr
Kent Hargis, Chief Investment Officer Strategic Core Equities bei AllianceBernstein / © AllianceBernstein
Kent Hargis, Chief Investment Officer Strategic Core Equities bei AllianceBernstein / © AllianceBernstein

Entgegen der landläufigen Meinung kann das Eingehen geringerer Risiken durchaus zu höheren Erträgen führen. Entscheidend ist hierbei die Auswahl attraktiv bewerteter Qualitätsaktien, mit deren Hilfe Anleger sowohl bei steigenden als auch bei volatilen Marktkursen investiert bleiben können.

 Was bedeutet eine defensive Positionierung?

Entwicklung einer Strategie für die sich verändernden Herausforderungen des Marktes

Bei abrupten Stimmungswechseln am Markt geraten selbst die erfahrensten Anleger unter Druck. Nach dem Crash im Jahr 2022 waren die US-amerikanischen Mega-Caps des Technologiesektors ausschlaggebend für die Erholung des Aktiensektors. Sie trugen jedoch auch zur Konzentration des Marktes bei.

Gerade als es schien, als könne nichts mehr die sogenannten „Glorreichen Sieben“ erschüttern, wandten sich die Marktteilnehmer Anfang 2025 vom Anlagethema „Künstliche Intelligenz“ (KI) ab, und die Mega-Caps wiesen plötzlich uneinheitliche Erträge auf. Allgemeiner betrachtet haben die Aktienkurse stark geschwankt, da die Anleger ständig wechselnde Zölle und unvorhersehbare politische Maßnahmen verarbeiten müssen.

Die Anleger sind nervös – verständlicherweise. Hat eine defensive Strategie in stark konzentrierten Märkten Erfolgschancen? Auch dann, wenn die Märkte akuter politischer Unsicherheit ausgesetzt sind? Unserer Ansicht nach lautet die Antwort in beiden Fällen: Ja. Entscheidend ist dabei, gleichmäßigere Ertragsströme zu erzielen und zugleich das Abwärtsrisiko zu mindern.

Die Vorteile defensiver Aktienstrategien

Ein fundamentaler Anlagegrundsatz lautet, dass Ertrag und Risiko Hand in Hand gehen. Wer also höhere Erträge will, muss ein höheres Risiko eingehen. Manch einem Anleger mag es daher nicht einleuchten, dass auch das Gegenteil zutrifft: Man kann weniger Risiken eingehen und dennoch langfristig den Markt schlagen.

Dies gilt im aktuellen Umfeld, in dem Zölle und eskalierende Handelskriege die Finanzmärkte erschüttern, mehr denn je. Zeiten wie diese sind ideal, um sich die Vorzüge defensiver Aktienstrategien vor Augen zu führen.

  1. Defensive Strategien verringern in der Regel die Versuchung, zu hohen Kursen zu kaufen und zu niedrigen Kursen zu verkaufen – beides Faktoren, die den Ertrag schmälern können.
  2. Ihre gleichmäßigeren Ertragsströme tragen zum Schutz vor den zerstörerischen Effekten des Abwärtsrisikos bei, das sich aus einer schwächeren Wertentwicklung bei hoher Volatilität ergibt.
  3. Eine Allokation in geringe Volatilität bietet Flexibilität bei der Festlegung des Portfoliorisikos und ermöglicht größere Allokationen in ertragsorientierten Strategien.

Geringere Volatilität, höheres Ertragspotenzial

Strategien, deren Schwerpunkt auf der Verringerung des Abwärtsrisikos liegt, können langfristig zu einer Steigerung der Wertentwicklung beitragen.

Mithilfe des Konzepts der Auf- und Abwärtspartizipation lässt sich erklären, wie der kurzfristige Kapitalerhalt langfristig zu einer überdurchschnittlichen Wertentwicklung führen kann. Stellen Sie sich ein hypothetisches weltweites Aktienportfolio vor, das bei jeder Hausse 90 % der Wertgewinne erzielt, bei jeder Verkaufswelle aber nur 70 % der marktweiten Verluste hinnehmen muss. Wie würden die langfristigen Erträge dieses Portfolios aussehen?

Die Annahme liegt nahe, dass es sich unterdurchschnittlich entwickelt – doch das ist nicht der Fall. Tatsächlich hätte man bei einer Investition von 100 USD in dieses hypothetische Portfolio im Jahr 1986 bis Juni 2025 ein Kapital von 7.368 USD erwirtschaftet und wäre den Ab- und Aufschwüngen des Marktes dabei weit weniger ausgesetzt gewesen (Abbildung).

Anlageerfolg neu definieren

Bei der Risiko- und Ertragssteuerung im Laufe des letzten Jahrzehnts haben wir viel gelernt. Wenn Anleger die folgenden vier Grundsätze beachten, kann ihnen das dabei helfen, in jedem Marktumfeld investiert zu bleiben.

1. Dynamische Absicherungsstrategie entwickeln: Kein Abschwung gleicht dem nächsten. Bei der Ausarbeitung einer defensiven Strategie sollten Sie das aktuelle Verhalten am Markt, die Sensibilitäten und treibende Kräfte des Wandels berücksichtigen, die das Verständnis von Sicherheit beeinflussen könnten. 

2. Über den Tellerrand schauen: Vorgefasste Meinungen, wie Stabilität zu erreichen ist, können einschränkend wirken. Sich im Hinblick auf Stabilitätsquellen breiter aufzustellen, kann zur Streuung des Risiko- und Ertragspotenzials beitragen. Solide Unternehmen lassen sich innerhalb zahlreicher Branchen vom Industrie- bis hin zum Technologiebereich ausmachen – auch da, wo Anleger normalerweise nicht nach Absicherungsmöglichkeiten suchen. 

3. Unvorhersehbare Einflussfaktoren vermeiden: Geopolitische Risiken und makroökonomische Entwicklungen lassen sich nicht mit Gewissheit vorhersagen. Beim Research zu einer Aktie gilt es auszuwerten, inwieweit das betreffende Unternehmen unvorhersehbaren Risiken ausgesetzt ist, und Titel zu meiden, die besonders anfällig für Faktoren zu sein scheinen, die sich jeder Kontrolle entziehen. 

3. Unvorhersehbare Einflussfaktoren vermeiden: Geopolitische Risiken und makroökonomische Entwicklungen lassen sich nicht mit Gewissheit vorhersagen. Beim Research zu einer Aktie gilt es auszuwerten, inwieweit das betreffende Unternehmen unvorhersehbaren Risiken ausgesetzt ist, und Titel zu meiden, die besonders anfällig für Faktoren zu sein scheinen, die sich jeder Kontrolle entziehen. 

4. Einen kühlen Kopf bewahren: In turbulenten Marktphasen verliert man leicht die Nerven. Selbst die durchdachteste Strategie wirkt womöglich wie ein labiles Kartenhaus, wenn sich die Verluste häufen. Wer jedoch bei fallenden Marktkursen Aktienpositionen verkauft, fährt ganz sicher Verluste ein und hat keine Chance, das Erholungspotenzial zu nutzen. Wendepunkte an den Märkten genau abzupassen, ist nahezu unmöglich. Daher riskieren Anleger, die ihre Positionen abstoßen, die lohnendsten Tage eines Aufschwungs zu verpassen – was die langfristigen Erträge erheblich schmälern kann. 

Die Wahl des kleineren Übels: Relatives oder absolutes Risiko

Viele Anleger messen die Wertentwicklung anhand der relativen Erträge, indem sie ihr Portfolio mit einer nach Marktkapitalisierung gewichteten Benchmark vergleichen. Wir denken, dass dies der falsche Ansatz zur Risikobewertung ist.

An den von Mega-Caps dominierten Aktienmärkten erhöht sich das relative Risiko drastisch, wenn man bei einer kleinen Gruppe von Aktien von den großen Benchmarkpositionen abweicht. Darüber hinaus sind Benchmarks vergangenheitsorientiert. Ein zu stark an einer Benchmark ausgerichtetes Portfolio richtet sich auch zu stark nach den Gewinnern von gestern.

Der größte Fehler bei der Konzentration auf das relative Risiko besteht unserer Ansicht nach jedoch darin, dass sie das eigentliche Problem nicht löst: Sie benötigen ausreichend finanzielle Mitteln zur Erreichung Ihrer langfristigen Ziele. Von der relativen Wertentwicklung kann man sich nichts kaufen.Von der relativen Wertentwicklung kann man sich nichts kaufen.

Von der relativen Wertentwicklung kann man sich nichts kaufen.

Qualität, Stabilität, Preis: ideale Voraussetzungen schaffen

Das Erfolgsgeheimnis hinter einer geringeren Volatilität und potenziell höheren Erträgen besteht unseres Erachtens in hochwertigen Aktien, die stabile Ertragsströme zu attraktiven Preisen bieten. Wir nennen das „QSP“.

Qualität

Erstklassige Unternehmen mit guter Kapitalsteuerung sowie einem hohen und beständigen Cashflow haben viele Möglichkeiten, ihre Margen auch dann zu sichern, wenn die Inputkosten steigen. Profitabilitätskennzahlen wie Kapitalerträge und Erträge auf das investierte Kapital sind wichtige Qualitätsindikatoren und aufschlussreich in Bezug auf das künftige Gewinnpotenzial. Gleichermaßen werden Unternehmen, die Kapitaldisziplin zeigen, in jedem Zinsumfeld bevorzugt.

Stabilität

Unserer Ansicht nach bieten Unternehmen mit vorhersehbaren Gewinnströmen tendenziell auch in Zeiten eingeschränkter Transparenz Stabilität. Aus unserem Research lässt sich schließen, dass stabile Unternehmen dazu neigen, den Markt langfristig zu übertreffen, und zudem bessere Risikomerkmale aufweisen. Das verleiht dem Portfolio Stabilität und verbessert die Sharpe Ratio, eine wichtige Kennzahl für risikobereinigte Erträge.

Preis

Bei Marktstress gewinnen als defensiv geltende Unternehmen womöglich an Beliebtheit, werden aber auch teuer. Infolgedessen zahlen Anleger für diese Art von Absicherung möglicherweise einen hohen Preis. Deshalb ist es wichtig, darauf zu achten, dass defensive Allokationen am Markt bereits geschätzt werden – oder zu attraktiven Bewertungen gehandelt werden. Zu einem angemessenen Preis zu kaufen, ist wichtig, um das Ertragspotenzial zu verbessern und teure, anfällige Marktsegmente zu meiden.

Nutzung von KI-Innovation ohne zu hohes Risiko

Die Unternehmen im Zentrum der KI-Revolution wirken nicht unbedingt defensiv, doch ausgewählte KI-Akteure können durchaus Bestandteil einer risikobewussten Aktienallokation sein.

Künstliche Intelligenz (KI) ist die Technologiewelle mit dem vielleicht größten Umwälzungspotenzial seit der Entstehung des Internets. Entscheidend für defensive Anleger ist die Suche nach Unternehmen, die ein hochwertiges Geschäftsmodell, eine gewisse Stabilität und relativ attraktive Bewertungen aufweisen.

Die nachstehenden Leitlinien dienen als Orientierung bei der Auswahl von KI-Titeln:

  • Ziehen Sie die richtigen Lehren aus vergangenen Technologiezyklen: Während des Dot-Com-Booms wurde die Innovation hauptsächlich von unprofitablen Unternehmen ohne bewährte Geschäftsmodelle vorangetrieben, die auf aggressives Wachstum setzten. Viele der Unternehmen, die aktuell KI-Infrastrukturen aufbauen, sind profitabel, und einige Innovationsführer zeichnen sich durch Qualität und Stabilität aus.

  • Werfen Sie nicht alle Tech-Segmente in einen Topf: Ein Großteil des KI-getriebenen Wachstums wurde bisher von Halbleiterherstellern und Cloud-Infrastrukturanbietern getragen. Wir gehen davon aus, dass Softwareunternehmen künftig eine größere Rolle bei der Erzielung von Effizienzsteigerungen für Unternehmen und Verbraucher spielen werden. Einige davon bieten recht attraktive Bewertungen und defensivere Geschäftsmodelle.

  • Gehen Sie selektiv vor: Mega-Caps aus dem Technologiesektor sind zwar im Allgemeinen teuer, doch einige dieser Unternehmen weisen erstklassige Geschäftsmodelle auf, die flexibel genug sind, um kurzfristige Marktspannungen ebenso zu meistern wie langfristigere Herausforderungen.

Durch eine sorgfältige Auswahl von Aktien hochwertiger KI-Unternehmen können Anleger unserer Meinung nach von einem einmaligen technologischen Wandel profitieren, ohne auf die geringeren Risiken einer breitgefächerten Aktienallokation verzichten zu müssen.

Selbst im Handelskrieg gilt: Fundamentaldaten im Auge behalten

Handelsstreitigkeiten können zermürbend sein, doch überstürzte Handlungen sind jetzt nicht ratsam.

Zölle und Handelskriege bringen neue Ungewissheit an den Märkten mit sich. Geduld ist jedoch entscheidend. Ein Abverkauf von Aktien im April aufgrund von handelspolitischen Bedenken hätte unumgänglich zur Realisierung von Verlusten geführt. Zugleich hätten Anleger damit die Gewinne verpasst, die sich mit den späteren Rekordhochs des S&P 500 erzielen ließen.

Auch wenn der Ausgang des aktuellen Handelskriegs ungewiss ist, sind wir davon überzeugt, dass ein fortgesetztes Engagement am Markt die besten Aussichten auf solide langfristige Aktienerträge bietet.

Auch wenn der Ausgang des aktuellen Handelskriegs ungewiss ist, sind wir davon überzeugt, dass ein fortgesetztes Engagement am Markt die besten Aussichten auf solide langfristige Aktienerträge bietet.

Die hohen Kosten entgangener Chancen

Der Versuch, an den Märkten den richtigen Moment abzupassen, ist stets ein riskantes Unterfangen.

In volatilen Phasen können Anleger versucht sein, schnell auszusteigen. Die Geschichte lehrt uns jedoch, dass diese Reaktion in der Regel sehr kostspielig ist.

Anfang 2025 bestätigte sich diese zeitlose Lektion erneut. Wer in der ersten Jahreshälfte die fünf Tage mit den höchsten Kursgewinnen des S&P 500 verpasst hatte, realisierte Verluste im Umfang von 12,1 %, bei einem Gewinn von 6,2 % für den gesamten Berichtszeitraum.

Bei Nicht-US-Aktien erzielte der MSCI EAFE Index ein Plus von 2,0% in US-Dollar, wenn man die fünf Tage mit der besten Kursentwicklung ausklammert. Für diejenigen, die investiert blieben, lag der Zuwachs hingegen bei 19,4 % (Abbildung). Diese Trends spiegeln die Muster wider, die im Laufe der letzten zwanzig Jahre an den Aktienmärkten zu beobachten waren: Verpasst man die fünf ertragreichsten Tage, schmälerte dies in jedem gleitenden Dreijahreszeitraum die Erträge deutlich.

Zusammenfassung

In einer Welt, die sich rasant verändert, kann eine researchgestützte, an neue Bedingungen anpassbare defensive Aktienstrategie Anlegern das nötige Vertrauen vermitteln, um in volatilen Zeiten an Aktien festzuhalten und ihre langfristigen Ergebnisse zu verbessern.

Von Kent Hargis, Chief Investment Officer Strategic Core Equities bei AllianceBernstein 

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