Immer mehr US-Aktien gehen einen eigenen Weg

Die führende Rolle der KI hat viele Aktien dazu gebracht, sich in einem anderen Rhythmus zu bewegen. Anleger sollten genau hinhören. AllianceBernstein | 31.07.2026 14:47 Uhr
Kurt Feuerman, Chief Investment Officer—Select US Equity Portfolios bei AllianceBernstein / © e-fundresearch.com / AllianceBernstein
Kurt Feuerman, Chief Investment Officer—Select US Equity Portfolios bei AllianceBernstein / © e-fundresearch.com / AllianceBernstein

Auf dem US-Aktienmarkt geschieht etwas Ungewöhnliches. Die Gewinner im Bereich KI-Infrastruktur treiben weiterhin die US-Marktgewinne an, doch immer mehr Aktien bewegen sich gegen den S&P 500. Das signalisiert nicht zwangsläufig eine weitreichende fundamentale Schwäche, obwohl es KI-bedingte Marktungleichgewichte widerspiegeln könnte, die Chancen abseits der aktuellen Marktführer eröffnen.

In jedem Jahr gibt es an den Märkten Spitzenreiter und Nachzügler. Aber die derzeitige Kluft zwischen KI-bezogenen Gewinnern und dem restlichen Markt ist besonders groß. Ein beispielloser Anteil von US-Aktien hat ein negatives Beta gegenüber dem S&P 500 aufgewiesen, was bedeutet, dass sie dazu tendierten, sich in die entgegengesetzte Richtung des Index zu bewegen (Abbildung). Das ist das jüngste Anzeichen für eine außergewöhnlich konzentrierte Marktführerschaft.

Ein durch KI gespaltener Markt 

An der Spitze ist die Aufteilung leicht zu verstehen. Halbleiterhersteller, Hardwareanbieter, Unternehmen aus dem Energiebereich und andere Unternehmen der KI-Infrastruktur profitieren von enormen Investitionsausgaben. In vielen Fällen ist die Nachfrage stark, das Gewinnwachstum überzeugend und die Bewertungen erscheinen im Verhältnis zum Wachstum weiterhin angemessen. Wir sind der Ansicht, dass Anleger weiterhin ein selektives Engagement bei diesen Profiteuren in Betracht ziehen sollten.

Aber ein enger Markt kann auch das Signal verzerren, das Anleger aus Indexerträgen erhalten. Wenn eine Handvoll Unternehmen die Performance dominiert, können viele finanziell solide Unternehmen zurückbleiben – oder sogar an Wert verlieren, nur weil sie nicht direkt mit der dominierenden Marktstory verknüpft sind.

Lehren aus der Dotcom-Ära 

Die KI-Kluft erinnert an die späten 1990er Jahre, als Internetunternehmen boomten und Blue-Chip-Aktien aus Sorge abgestraft wurden, dass die digitale Wirtschaft die alte Wirtschaft untergraben würde. Einige dieser Befürchtungen haben sich bewahrheitet: Amazon revolutionierte den Einzelhandel, Netflix revolutionierte die Unterhaltungsbranche und Alphabet (Google) und Meta (Facebook) gestalteten die Medien neu. Doch das Narrativ der Disruption ging zu weit. Letztendlich kamen viele angehende Disruptoren ins Straucheln, während etablierte Unternehmen das Internet nutzten, um zu expandieren und ihre Margen zu verbessern.

Spulen wir vor in die Gegenwart. Die KI-Stars erfreuen sich explosiver Wachstumsprognosen und einige Profiteure bieten attraktives langfristiges Ertragspotenzial. Dennoch lässt unserer Ansicht nach die KI-Begeisterung wenig Fehlertoleranz, und Anleger sollten bei anfälligen Geschäftsmodellen wachsam sein. 

Schwäche ist nicht immer ein Warnsignal 

Warum also brechen so viele Aktien gleichzeitig ein? In einigen Fällen preisen Anleger möglicherweise das Disruptionsrisiko ein. Zum Beispiel könnten traditionelle Softwareunternehmen und einige digitale Unternehmen unter echten Druck geraten, wenn KI die Preissetzungsmacht verändert oder den Wert bestehender Produkte verringert. Aber viele der heute abgewerteten Unternehmen scheinen keiner offensichtlichen KI-Disruption ausgesetzt zu sein. In einigen Fällen ist das Gewinnwachstum im Vergleich zu den KI-Gewinnern einfach zu langsam. Wenn die prominentesten Aktuere ein explosives Wachstum verzeichnen, können selbst stabile Unternehmen glanzlos wirken.

Das schafft Chancen für Fundamentalanleger. Unserer Ansicht nach übersieht der Markt möglicherweise Unternehmen mit robusten Geschäftsmodellen, soliden Bilanzen, sich verbessernden Gewinnentwicklungen und angemessenen Bewertungen. Diese Unternehmen finden sich in Sektoren wie Finanzen, Gesundheitswesen und Industrie, wo viele Unternehmen weniger anfällig für KI-getriebene Disruption zu sein scheinen, als es die allgemeine Wertentwicklung vermuten lässt.

Der Schlüssel liegt darin, eine echte Wertminderung von vorübergehender Vernachlässigung zu unterscheiden. Ein wachstumsschwaches Unternehmen mit schwacher Wettbewerbsposition verdient möglicherweise eine niedrigere Bewertung. Aber ein Qualitätsunternehmen, dessen Aktien hauptsächlich deshalb abgestraft werden, weil es nicht Teil des KI-Booms ist, könnte unserer Ansicht nach einen attraktiveren Einstiegspunkt bieten.

Vorteile von KI könnten sich breiter verteilen

Anleger sollten sich auch an eine weitere Lektion aus der Internet-Ära erinnern: Die Vorteile transformativer Technologien reichen oft weit über jene Unternehmen hinaus, die die Infrastruktur aufbauen. KI-Wegbereiter könnten wichtige Gewinner bleiben. Die entscheidende Frage ist jedoch: Werden die KI-Produktivitätsgewinne einer breiteren Palette von Branchen zugutekommen?

Im Laufe der Zeit erwarten wir, dass KI vielen Unternehmen helfen wird, die Effizienz zu steigern, die Entscheidungsfindung zu verbessern und die Gewinnmargen auszuweiten. Einige dieser Gewinne könnten in Sektoren mit geringer Preissetzungsmacht durch den Wettbewerb wieder verloren gehen, was KI in Teilen der Wirtschaft disinflationär wirken lässt. Unternehmen mit starken Wettbewerbsvorteilen, Preisdisziplin und fähigen Managementteams hingegen könnten besser positioniert sein, um einen bedeutenden Teil der Vorteile einzubehalten.

Könnte ein negatives Beta zu einem Puffer werden?

Es gibt einen weiteren Grund, sich Aktien genauer anzusehen, die sich gegenläufig zum Markt bewegt haben. Sollte der S&P 500 nach mehreren Jahren starker Gewinne korrigieren, glauben wir, dass sich die überhöhte Positionierung bei führenden KI-Werten schnell auflösen könnte. In diesem Umfeld könnte Minus mal Minus zu Plus werden. Mit anderen Worten: Einige Aktien mit negativem Beta könnten nicht nur weniger stark fallen; sie könnten potenziell steigen, wenn Anleger in vernachlässigte Unternehmen mit attraktiven Bewertungen umschichten.

Natürlich ist dieses Ergebnis nicht garantiert, und wir glauben nicht, dass die gezielte Ausrichtung auf Aktien mit negativem Beta eine umsichtige Anlagestrategie ist. Aber es unterstreicht einen wichtigen Punkt: Das Marktrisiko liegt nicht immer dort, wo die Performance auf Indexebene es vermuten lässt. 

Blicken Sie über die Marktführer hinaus

Der KI-Boom ist real und sollte nicht ignoriert werden. Wir sind jedoch der Ansicht, dass aktive Anleger über die Index-Giganten hinaus nach Unternehmen mit glaubwürdigem Gewinnwachstum, soliden Bilanzen, attraktiven Bewertungen und begrenztem Disruptionsrisiko suchen sollten.

Ein Markt, in dem sich mehr Aktien gegen den Index bewegen, kann unruhig wirken. Gleichzeitig kann er Anleger auch auf Unternehmen aufmerksam machen, die vom aktuellen Handel mit KI-Infrastruktur überschattet werden. Wenn sich die Vorteile der KI ausweiten und sich die Fundamentaldaten wieder durchsetzen, könnten die heute übersehenen Aktien zu einer wichtigen Quelle zukünftiger Erträge werden.

Von Kurt Feuerman, Chief Investment Officer—Select US Equity Portfolios bei AllianceBernstein

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