Nach einer langen Phase der Underperformance haben Schwellenländeraktien seit Anfang 2025 hohe Erträge erzielt. Diese Dynamik setzte sich bis Juli 2026 fort. Die Erträge wurden durch wenige große Unternehmen in Taiwan und Südkorea generiert, die im Zentrum der KI-Lieferkette stehen. Diese Unternehmen sind in den Bereichen Speicher, Halbleiterfertigung, Verpackung und Prüfung, Stromversorgungssysteme, Kühltechnologien, Netzwerke und KI-Serverinfrastruktur tätig. Die robuste Nachfrage seitens der Hyperskalierer – großer Anbieter von Cloud-Diensten und Infrastruktur – hat bei diesen asiatischen KI-Spitzenunternehmen zu einem außergewöhnlichen Gewinnwachstum und höheren Gewinnprognosen geführt.
Eine Marktkonzentration wie in den USA
Tatsächlich machen nur drei Titel – Taiwan Semiconductor Manufacturing, Samsung und SK Hynix – fast ein Drittel des MSCI Emerging Markets Index aus. Allein im zweiten Quartal 2026 trugen diese drei Titel mehr als 60 Prozent zum Indexertrag bei. Dieses Ausmaß an Konzentration dürfte Anlegern bekannt vorkommen, die sich in den vergangenen Jahren auf den US-Aktienmärkten zurechtfinden mussten. Genau wie ihre Pendants in den USA haben sich die asiatischen KI-Größen ihre Führungspositionen redlich verdient. Insbesondere die Chiphersteller in Korea und Taiwan verzeichneten weltweit einige der stärksten Gewinnsprünge, gestützt durch ein robustes Exportwachstum und eine anhaltende Nachfrage nach KI-bezogener Hardware.
Das Klumpenrisiko ist offensichtlich
Eine gesunde Geschäftsdynamik beseitigt jedoch nicht die Anfälligkeit, die durch eine hohe Marktkonzentration entsteht – besonders bei passiven Anlagen. Wenn sich die Marktführerschaft verengt, sind passive Portfolios an optimistische Annahmen gebunden, die einer kleinen Zahl von Unternehmen zugrunde liegen. Jede Verschiebung der Nachfrage, jeder Rückgang der KI-Investitionen und jede Störung der Lieferkette kann sich überproportional negativ auf die Erträge auswirken. Mit anderen Worten: Viele Anleger gehen möglicherweise mehr Risiken ein, als ihnen bewusst ist. Das gilt besonders in Schwellenländern, in denen viele passiv verwaltete Strategien, die sich eng an den Referenzindex halten, oft für eine gute Diversifizierung gehalten werden. Da die KI-Unternehmen aber eine übergroße Rolle spielen, bieten die heutigen Schwellenländer-Referenzindizes nur eine begrenzte Breite. Zwar haben KI-getriebene Aktien durchaus ihre Berechtigung in einem Depot. Allerdings sollten Anleger vermeiden, ihr Portfolio von den größten Namen dominieren zu lassen. Das Klumpenrisiko ist offensichtlich.
Stattdessen sollten sie nach weniger bekannten Wegbereitern und Nutznießern Ausschau halten – nach sogenannten „Backdoor“-KI-Trades. Asiens Technologiesektor bietet eine besonders vielfältige Palette solcher Chancen, die von Unternehmen aus den Bereichen Speicher und Halbleiter bis hin zu Leiterplatten, elektronischen Bauteilen und Kühlsystemen reichen. Jedes dieser Segmente hat seine eigene Angebots- und Nachfragedynamik, Wettbewerbsstruktur und seinen eigenen Branchenzyklus. Für aktive Anleger mit fundierten lokalen Research-Kapazitäten schafft diese Vielfalt die Möglichkeit, sich flexibel entlang der KI-Wertschöpfungskette zu bewegen – und das Engagement entsprechend der Entwicklung von Bewertungen, Fundamentaldaten und individuellen Produktzyklen anzupassen.
Die Schwellenländer haben mehr zu bieten als nur KI
Glücklicherweise aber reichen die Anlagechancen in den Schwellenländern weit über den Bereich der KI hinaus. Auch wenn KI-bezogene Unternehmen derzeit für Schlagzeilen sorgen, stellen sie nur einen Teil des EM-Anlageuniversums dar. Zusätzlich zum KI-Bereich gibt es Chancen bei Industriezulieferern, bei Unternehmen, die Verbesserungen in der Unternehmensführung umsetzen, sowie bei lokal ausgerichteten Unternehmen, die besser vor globalen Schwankungen geschützt sind.
In China beispielsweise sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen uneinheitlich. Jedoch haben sich in Bereichen, die mit der industriellen und technologischen Modernisierung sowie der fortschrittlichen Fertigung verbunden sind, attraktive Chancen ergeben. Investoren unterscheiden zunehmend zwischen chinesischen Exporteuren, die von einer robusten Nachfrage profitieren, und Unternehmen, die enger mit dem Inlandsverbrauch und Inlandsinvestitionen verknüpft sind. Unter dem Strich gilt für China, dass ein Programm zur Bekämpfung der Stagnation ein wichtiger Wachstumsmotor wäre. Das gilt besonders für übersehene Value-Aktien.
In anderen Teilen Asiens profitiert Vietnam von der Neuausrichtung globaler Lieferketten, da multinationale Unternehmen ihre Produktionsstandorte diversifizieren. Und in Südkorea wurden dringend notwendige Reformen der Unternehmensführung durchgeführt, die den Shareholder Value mehr in den Mittelpunkt gerückt und die Kapitaldisziplin verbessert haben. Auch Indien bietet Chancen, die nicht an das KI-Thema gebunden sind, sondern vielmehr von einer robusten Binnennachfrage, steigenden Einkommen und einer wachsenden Mittelschicht getragen werden.
Die Bedeutung der geografischen Diversifizierung
Über Asien hinaus gibt es für Anleger Chancen in Lateinamerika, Mittel- und Osteuropa, dem Nahen Osten und Afrika. Viele dieser Regionen sind reich an natürlichen Ressourcen und dürften von günstigen Fundamentaldaten bei Rohstoffen profitieren. Gleichzeitig nutzen einige Schwellenländer kostengünstige erneuerbare Energien, um ihre Energiesicherheit zu verbessern – wodurch sich die Schwellenländer als Wachstumsmotor der Energiewende positionieren.
Auch das Bestreben vieler Unternehmen, ihre zuvor nach Asien ausgelagerte Produktion wieder zurückzuverlegen, könnte den Schwellenländern zugutekommen. In Mitteleuropa profitieren Länder wie Polen, Tschechien, Ungarn und Rumänien von den wachsenden Trends des „Nearshoring“ und „Friendshoring“, mit denen westeuropäische Hersteller ihre Produktion in nahegelegene, geopolitisch verbündete Märkte verlagern.
Das Thema KI wird noch einige Zeit im Mittelpunkt stehen. Selbstverständlich können es Anleger sich nicht leisten, das zu ignorieren. Dennoch sollten Investitionen in Schwellenländer sich nicht ausschließlich auf dieses Thema konzentrieren. Vielmehr bieten Schwellenländer ein großes Ertragspotenzial durch Aktien aus Ländern in unterschiedlichen Entwicklungsstadien mit variierenden Rahmenbedingungen und Wachstumskurven. Genau diese Vielfalt kann dazu beitragen, die Volatilität des Gesamtportfolios zu verringern und die Wachstumsaussichten über längere Zeithorizonte hinweg zu verbessern – besonders, wenn der KI-Trend ins Stocken gerät. Die Chip- und Speicherriesen mögen heute die Erträge antreiben, doch eine umfassendere Betrachtung der Schwellenländer könnte dabei helfen, die Gewinner von morgen zu identifizieren.
Von Sammy Suzuki, Head of Emerging Markets bei AllianceBernstein
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