Columbia Threadneedle Chefvolkswirt: Steht Großbritannien vor der Finanzkrise?

Jede Woche kommentiert Steven Bell, Chefvolkswirt bei Columbia Threadneedle Investments für die EMEA-Region, das makroökonomische Umfeld und die Nachrichten, die die Märkte beherrschen. Mit der Zinserhöhung der Bank of England und dem Fiskalprogramm der neuen Regierung in dieser Woche bewegt sich Großbritanniens Wirtschaft auf einem schmalen Grat zwischen Rezession und steigender Inflation mit höheren Zinssätzen. Ob Großbritannien womöglich vor einer Finanzkrise steht, erörtert Steven Bell in seinem aktuellen Marktkommentar. Columbia Threadneedle Investments | 21.09.2022 15:07 Uhr
Steven Bell, Chefvolkswirt, Columbia Threadneedle Investments / © e-fundresearch / Columbia Threadneedle Investments
Steven Bell, Chefvolkswirt, Columbia Threadneedle Investments / © e-fundresearch / Columbia Threadneedle Investments

„Diese Woche wird die Bank of England (BoE) mit einer weiteren Leitzinserhöhung auf die geldpolitische Bremse treten. Zwei Tage später wird der neue Schatzkanzler von Liz Truss, Kwasi Kwarteng, mit einer Steuersenkung und einer massiven, unbefristeten Energiesubvention für alle Haushalte im Vereinigten Königreich aufs Gaspedal treten. Wir könnten in den Graben einer Rezession abrutschen oder auf die beängstigende Überholspur mit steigender Inflation und sehr hohen Zinssätzen wechseln. Oder wir könnten einen Finanzcrash mit allen drei Effekten erleben.

Eine zu vermeidende Winterrezession

Die gute Nachricht ist, dass der Plan der Regierung wahrscheinlich die Rezession abwenden wird, die in diesem Winter aufgrund der steigenden Energierechnungen unvermeidlich schien. Noch im August sah sich der durchschnittliche britische Haushalt mit einer Erhöhung seiner jährlichen Energierechnung um 3.000 Pfund konfrontiert. Dieser Anstieg wird nun um die Hälfte reduziert, wobei der Rest durch Maßnahmen ausgeglichen wird. Das wird das Vertrauen stärken und die offizielle Inflationsmessung um ein Vielfaches senken - etwas, was die von Rishi Sunak vorgeschlagenen Hilfspakete nicht geschafft haben.

Ein sich verschlechterndes Defizit

Die schlechte Nachricht ist, dass die Maßnahmen zur Bekämpfung der Energiekrise durch staatliche Kreditaufnahme finanziert werden, und das zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Aussichten für das Haushaltsdefizit verschlechtern. Ein Drittel der britischen Staatsverschuldung ist an den Einzelhandelspreisindex gekoppelt - ein veraltetes Maß für die Inflation, das schnell ansteigt. Und während die BoE im Rahmen ihres Quantitative Easing-Programms große Mengen an Staatsschulden aufgesaugt hat, hat sie keine indexgebundenen Schuldtitel aufgekauft. Diese Zinskosten sind in die Höhe geschnellt.

Zwillingsdefizite belasten das Pfund Sterling

Um eine Rezession zu vermeiden, muss die Gesamtnachfrage gestützt werden, was jedoch die Inflation anheizen und die Leistungsbilanz verschlechtern wird. Das Problem der Zwillingsdefizite ist wieder da, und das hat dem Pfund Sterling zugesetzt. Die BoE plante bereits, die Zinssätze zu erhöhen, und wird sie nun wahrscheinlich schneller und weiter anheben müssen. Unter normalen Umständen würde das Pfund Sterling daraufhin anziehen, aber es war schwach. Das liegt zum Teil daran, dass auch andere Zentralbanken die Zinsen anheben und der US-Dollar gegenüber fast allen Währungen stark ist. Als jedoch im letzten Monat die Inflation im Vereinigten Königreich viel höher ausfiel als erwartet, stiegen die Zinserwartungen, aber das Pfund Sterling schwächte sich ab - viele Kommentatoren bemerkten, dass dieses Verhalten dem einer Schwellenländerwährung ähnelte.

Dies lässt sich an den Credit Default Swaps ablesen, die die Kosten für die Absicherung gegen Zahlungsausfälle messen. Sie stiegen in ganz Europa, insbesondere in Deutschland, nach der Invasion in der Ukraine. Aber im Vereinigten Königreich sind sie noch weiter gestiegen und liegen nun fast doppelt so hoch wie in Deutschland.

Drei Gründe, warum Großbritannien eine Finanzkrise abwenden wird

Sind wir also auf dem Weg zu einer ausgewachsenen Finanzkrise im Vereinigten Königreich? Meine Vermutung ist, dass wir sie aus mehreren Gründen gerade noch vermeiden können.

Erstens sind die Renditen herkömmlicher Staatsanleihen zwar gestiegen, liegen aber immer noch deutlich unter der Inflation. Und die durchschnittliche Laufzeit der britischen Schulden ist sehr lang, so dass das Risiko einer "Schuldenspirale" gering ist.

Zweitens: Obwohl das fiskalische Ereignis dieser Woche die Staatsverschuldung in die Höhe treiben wird, ist das Defizit auf dem Weg der Besserung. Das Pfund Sterling erscheint vielen Anlegern - und Touristen - billig, und der neue Schatzkanzler, Kwasi Kwarteng, wird wahrscheinlich sagen können, dass die Haushaltsregeln bis 2025 eingehalten werden.

Drittens sinken die voraussichtlichen Kosten für das Programm zur Unterstützung der Energiekosten. Tatsächlich hat die Regierung eine erhebliche Short-Position in Gas-Futures, die mit den Preisen für diesen Winter im Vereinigten Königreich und in Europa gefallen sind. Sie haben sich seit ihrem Höchststand Ende August fast halbiert. Die hohen Preise haben das Angebot erhöht und die Nachfrage stärker als erwartet reduziert. Und es sieht so aus, als würde ein wichtiges Gasterminal in Texas im November mit nahezu voller Kapazität wiedereröffnet, so dass Großbritannien in der Lage sein wird, Flüssigerdgas (LNG) aus den USA zu beziehen.

Vieles wird vom Wetter in diesem Winter abhängen. Ein ruhiger, kalter Winter würde die Nachfrage ankurbeln und das Angebot aus Windkraftanlagen verringern. Drücken wir also die Daumen, dass es warm und windig wird. Dann könnten wir den Wagen auf dem langsamen Weg zu niedrigerer Inflation und nachhaltigem Wachstum halten.“

Steven Bell, Chefvolkswirt bei Columbia Threadneedle Investments für die EMEA-Region

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