Rezessionsrisiko im Fokus: Europa vs. USA

Jede Woche kommentiert Steven Bell, Chefvolkswirt bei Columbia Threadneedle Investments für die EMEA-Region, das makroökonomische Umfeld und die Nachrichten, die die Märkte beherrschen. Diese Woche beschäftigt er sich mit dem gesunkenen Risiko einer Rezession. Die Arbeitslosigkeit ist in den meisten Ländern sehr niedrig geblieben, und auch die Aktienmärkte haben sich vor allem in Europa erholt. Ist die Entwicklung von Dauer? Columbia Threadneedle Investments | 22.11.2022 10:30 Uhr
Steven Bell, Chefvolkswirt bei Columbia Threadneedle Investments für die EMEA-Region / © e-fundresearch / Columbia Threadneedle Investments
Steven Bell, Chefvolkswirt bei Columbia Threadneedle Investments für die EMEA-Region / © e-fundresearch / Columbia Threadneedle Investments

„Die Weltwirtschaft hat sich zuletzt deutlich besser entwickelt. Die US-Konsumenten geben weiterhin viel Geld aus. Dabei handelt es sich zumeist um die Ersparnisse, die während des Winters aufgebaut wurden. Während die europäischen Verbraucher unter hohen Benzinpreisen litten, fiel der Benzinpreis in den USA: Von über 5 US-Dollar pro Gallone im Juni auf unter 4 US-Dollar. Für ihre Verhältnisse immer noch hoch, aber mit einer beruhigenden Tendenz. Aus diesem Grund und wegen des Arbeitskräftemangels sind die Verbraucher weiterhin recht zuversichtlich. Wären die Verbraucherausgaben zusammen mit dem Realeinkommen gesunken, hätten wir in den USA bereits eine schwere Rezession.

In Europa ging das Vertrauen durch den Ukraine-Krieg und den damit verbundenen steigenden Energiepreisen zurück. Die deutsche Industrieproduktion sank seit Februar um 15 %. Doch zuletzt hellte sich die Stimmung auf. Die entspanntere Versorgungslage führte im dritten Quartal zu höheren Investitionsausgaben (CAPEX) in den drei großen Industrieländern, nach Schätzungen von J.P. Morgan um annualisierte 18 %. Auch die Autoverkäufe in Europa und in den USA zogen wieder an. In der Tat konnten die Verbraucher in Europa etwas aufatmen. Die Wirtschaftsdaten sind zwar saisonal bereinigt, aber in der realen Welt sieht das anders aus. Die hohen Energiepreise belasteten die Haushalte in der nördlichen Hemisphäre im Sommer weniger als befürchtet. Während die Inflation in die Höhe schoss, blieb die Arbeitslosigkeit bemerkenswert niedrig. In der Zwischenzeit füllten sich die deutschen Gasspeicher, und die Befürchtungen von Stromausfällen und Rationierungen über den Winter nahmen ab.

In den letzten Wochen wurden die Wachstumsprognosen bis zum Jahresende sowohl für die USA als auch für die Wirtschaft der Eurozone nach oben korrigiert. Obwohl die Prognosen nicht hoch ausfallen, stehen sie in deutlichem Gegensatz zu den bisherigen kräftigen Abwärtskorrekturen.

Ist die Rezession also abgewendet? Leider nicht. Obwohl die Gesamtinflation in den USA sinkt, ist der binnenwirtschaftliche Druck weiterhin stark. Löhne und Mieten steigen rapide an. Zwar drücken die verzögerte Wirkung des starken Dollars, die Lockerung der Angebotsbeschränkungen (vor allem bei Autos), die sinkenden Rohstoffpreise und Basiseffekte die Inflation. Doch solange es keine spürbare Entspannung auf dem Arbeitsmarkt gibt, wird die Fed die Geldpolitik weiter straffen. Wohin das die Zinssätze führen wird, weiß niemand mit Sicherheit – auch die Fed nicht. Meiner Meinung nach brauchen die USA jedoch eine Rezession, um die Inflation nachhaltig auf das Ziel zu bringen. Ich schätze, dass ein Zinssatz von 5 %, wie er aktuell eingepreist wird, ausreichen könnte. Das Risiko ist, dass die Zinsen möglicherweise noch stärker steigen müssen.

Sollte ich mich irren und der Leitzins unter 5 % bleiben, wird dies daran liegen, dass in der ersten Jahreshälfte 2023 eine Rezession eintritt. In der Tat gibt es Anzeichen dafür, dass der Investitionsanstieg bereits vorbei ist. Nach einem starken dritten Quartal gehen die Schätzungen bestenfalls von einem Nullwachstum im vierten Quartal aus. Und auf die europäischen Verbraucher kommen hohe Energierechnungen zu. Zwar haben die Regierungen eingegriffen – Deutschland hat beachtliche 200 Mrd. Euro, d. h. 5,2 % des BIP, zur Seite gelegt, um Verbraucher und Unternehmen gleichermaßen zu unterstützen – aber die Rechnungen werden immer noch viel höher ausfallen.

Eine Rezession ist also sowohl in den USA als auch in der Eurozone immer noch in Sicht.

Und was ist mit Großbritannien? Es wurde viel über die Herbstprognose von Jeremy Hunt berichtet. Sie verschiebt einen Großteil der Haushaltskürzungen auf die Zeit nach den nächsten Wahlen (die bis Januar 2025 stattfinden müssen). Aber die reale Einkommensverknappung bleibt. Nach Angaben des Office for Budget Responsibility werden die Realeinkommen in diesem und im nächsten Jahr um erstaunliche 7 % sinken.

Die Verbraucher in Großbritannien haben eigene Rücklagen, aus denen sie in den letzten Monaten wahrscheinlich geschöpft haben. Und der Herbst war bemerkenswert mild, sodass die Energierechnungen niedrig blieben. Doch der Winter steht vor der Tür, und trotz des staatlichen Förderprogramms haben sich die Energiepreise seit letztem Jahr verdoppelt und werden im April um weitere 20 % steigen.

Trotz der von Hunt verordneten Sparmaßnahmen steigen die verdeckten Steuern, und das ist in Zeiten hoher Inflation besonders spürbar. Im Gegensatz zu Europa und den USA wurden die Wachstumsprognosen für Großbritannien nicht angehoben. Sie haben sich weiter nach unten bewegt. Wahrscheinlich sind wir hier bereits in eine Rezession gerutscht. Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor niedrig, aber das kann nicht von Dauer sein.

Die gute Nachricht ist, dass die Inflation hier und anderswo schnell zurückgehen dürfte, sobald die Rezession einsetzt. Die Märkte sind heute viel flexibler als früher. Die Ungleichgewichte, die typischerweise für tiefe und langwierige Rezessionen sorgten, sind weitgehend verschwunden. Ich denke, dass die Nachrichten über die Weltwirtschaft, einschließlich Großbritanniens, Ende nächsten Jahres viel positiver sein werden als zu Beginn des Jahres.“

Steven Bell, Chefvolkswirt bei Columbia Threadneedle Investments für die EMEA-Region

Den vollständigen Videokommentar von Steven Bell finden Sie hier.

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