- Die Märkte geben leicht nach und die Risikobereitschaft der Anleger sinkt aufgrund potenziell anhaltend höherer Ölpreise und steigender Zinsen.
- Dilemma bei den Zentralbanken: Durch die Unsicherheit um den weiteren Verlauf des Konfliktes im Mittleren Osten sind die Zinssätze schwierig einzuschätzen und die Stimmung ist restriktiv.
- Der Markt erwartet drei Zinserhöhungen von der EZB und der BoE. Diese sollen dem Inflationsdruck entgegenwirken, der auf den ursprünglichen Energiepreisschock folgt.
- Das Heilmittel für hohe Ölpreise sind hohe Ölpreise. Sie werden die Wirtschaft bremsen und die Nachfrage drücken – das gibt den Zentralbanken dann die Möglichkeit, die Zinsen zu senken.
Der Konflikt im Mittleren Osten prägt nun auch die geldpolitische Debatte. Die Europäische Zentralbank (EZB), die Federal Reserve (Fed), die Bank of England (BoE) und die Bank of Japan (BoJ) traten letzte Woche zusammen – doch was eine reguläre Sitzungswoche sein sollte, wurde von den Auswirkungen des Iran-Konflikts überschattet. Eine Lösung ist bisher nicht in Sicht. Entsprechend hat sich die Stimmung an den Zinsmärkten völlig gedreht, die Risikobereitschaft der Anleger gerät zunehmend unter Druck und die Märkte geben leicht nach.
Währungshüter in der Zwickmühle
Die Zentralbanken stehen vor einem Dilemma. Zwar blieb die Zinspolitik vorerst unverändert, doch der Ton ist deutlich restriktiver geworden: Steigende Energiepreise erhöhen den Inflationsdruck und verschärfen die Unsicherheit über den weiteren geldpolitischen Kurs. Aus Sicht der Währungshüter können Zinserhöhungen bei einem Energiepreisschock nur begrenzt abfedern. 2022 reagierten die Zentralbanken deshalb zunächst zu zögerlich auf die damalige Energiekrise und mussten dann umso mehr nachsteuern, als sich der Inflationsdruck verfestigte. Nun sind sie darauf bedacht, diesen Fehler nicht zu wiederholen. Daher haben die Banken kommuniziert, dass sie die Zinsen wohl bald anheben müssen, um den Sekundäreffekten des Inflationsdrucks entgegenzuwirken.
Der Markt geht davon aus, dass sowohl die BoJ als auch die EZB die Zinsen in diesem Jahr dreimal anheben werden – eine enorme Kehrtwende. In den USA wird es dieses Jahr wohl keine Zinssenkungen geben, potenziell jedoch im kommenden Jahr. Derzeit ist dies jedoch reine Spekulation.
Lagerbestände mildern Ölpreisanstieg – doch Risiken bleiben bestehen
Brent-Rohöl notierte zu Wochenbeginn bei rund 114 US-Dollar pro Barrel und lag auch die gesamte Vorwoche schon über der Marke von 100 Dollar. Der Preis ist nun seit fünf Wochen in Folge gestiegen und liegt im Jahresvergleich bereits um 56 Prozent höher. Von der „guten Lage“, auf die Christine Lagarde seit vielen Monaten verweist, kann für die Zentralbanken kaum noch die Rede sein. Ein Blick auf die Terminkurve für den Ölpreis unterstreicht das: Bis Juli notiert Brent bei über 100 US-Dollar pro Barrel, und selbst für Dezember werden noch 85 bis 90 US-Dollar erwartet. Zu Jahresbeginn lag die allgemeine Einschätzung für den Ölpreis im Jahr 2026 angesichts des großen Angebots noch bei etwa 60 US-Dollar.
Die Geschichte zeigt allerdings auch: Das wirksamste Gegenmittel gegen hohe Ölpreise sind oft hohe Ölpreise selbst. Mittel- bis langfristig bremsen sie die Konjunktur und dämpfen die Nachfrage. Für die Zentralbanken bedeutet das: Selbst, wenn sie zunächst mit Zinserhöhungen auf den Inflationsdruck reagieren müssen, kann im weiteren Verlauf wieder Spielraum für eine Lockerung entstehen. Kurzfristig tragen die Freigaben aus den Lagerbeständen zwar dazu bei, den Ölpreis in Grenzen zu halten – doch das ist keine dauerhafte Lösung. Sollte der Konflikt weiter eskalieren, könnten 150 Dollar pro Barrel Öl wieder Schlagzeilen machen.
Tatsächlich sind die Gefahren einer Eskalation derzeit groß: Präsident Trump hat eine Frist für die Wiederöffnung der Straße von Hormus gesetzt, zugleich drohen beide Seiten mit weiteren Angriffen auf die Energieinfrastruktur. Der Iran hat die Wiederöffnung der Meerenge zudem an die Aufhebung umfassenderer Wirtschaftssanktionen geknüpft – ein schnelles Ende des Konflikts erscheint damit eher unwahrscheinlich.
Von Anthony Willis, Senior Economist bei Columbia Threadneedle Investments