Berichtssaison stützt Aktienperformance, erste Engpässe bei der Ölversorgung

„Während den Ölraffinerien weltweit das Rohöl ausgeht, bleiben die Aktienmärkte optimistisch“, sagt Anthony Willis, Senior Economist bei Columbia Threadneedle Investments. Was hinter der Aktienrallye steckt, was er für Ölpreise erwartet und worauf Anleger achten sollten, erklärt er im Marktkommentar. Columbia Threadneedle Investments | 22.04.2026 11:28 Uhr
Anthony Willis, Senior Economist bei Columbia Threadneedle Investments / © e-fundresearch.com / Columbia Threadneedle Investments
Anthony Willis, Senior Economist bei Columbia Threadneedle Investments / © e-fundresearch.com / Columbia Threadneedle Investments

Die Aussicht auf die Öffnung der Straße von Hormus während der Waffenstillstandsverhandlungen zwischen dem Iran und den USA drückte den Ölpreis zunächst deutlich. Inzwischen ist die Meerenge allerdings erneut gesperrt – wodurch der zwischenzeitliche Preisrückgang von zehn Prozent zu einem fünfprozentigen Anstieg wurde. Und selbst während der kurzen Phase der Öffnung blieb die Lage prekär: Die wenigen Schiffe, die die Straße passieren wollten, wurden beschossen, und ein iranischer Öltanker wurde von den USA gekapert.

Positive Berichtssaison trägt Aktienperformance

Aktien haben in den letzten Wochen kräftig zugelegt, und die Kursniveaus spiegeln bereits relativ positive Erwartungen wider. Die Rallye wird von einer sehr starken Berichtssaison gestützt. Die Prognosen der Unternehmen deuten darauf hin, dass sich diese von dem Konflikt nicht sonderlich beirren lassen – ein Grund, warum die Märkte sich von kurzfristigen Schlagzeilen nicht allzu sehr beeindrucken lassen.

Ölraffinerien endgültig vom Nachschub abgeschnitten

Bei den Rohstoffpreisen ist die Lage deutlich komplexer. Dated Brent, also Öl zur sofortigen Lieferung, zeigte in den vergangenen Wochen erste Anzeichen von Versorgungsengpässen. Der Preis lag Anfang vergangener Woche zeitweise bei 140 US-Dollar pro Barrel oder darüber, zum Wochenende notierte er knapp unter 100 US-Dollar. Damit handelt es sich nicht nur um Preisbewegungen, sondern zunehmend um reale Risiken bei der Versorgung.

Der Grund dafür ist einfach: Schiffe, die den Golf vor Ausbruch des Konflikts verlassen haben, liefern aktuell ihre letzten Ladungen an Raffinerien weltweit aus. Danach können die Lagerbestände nicht wieder wie gewohnt aufgefüllt werden. Das dürfte die Versorgungsprobleme weiter verschärfen. In Europa gibt es bereits Warnungen mit Blick auf Flugbenzin, und in vier bis sechs Wochen wird sich die Lage wahrscheinlich noch weiter zuspitzen.

Volatilität nimmt weiter zu

Die Rohstoffmärkte sind also weiterhin von Unsicherheit geprägt, wohingegen die Stimmung an den Aktienmärkten optimistisch bleibt. Da die Frist für einen Waffenstillstand am Mittwoch abläuft und der Verlauf der bevorstehenden Verhandlungen ungewiss ist, rechnen wir mit einer erhöhten Volatilität. Und das Eskalationsrisiko ist groß: Die USA drohen mit Angriffen auf die iranische Infrastruktur, während der Iran weiterhin keine Zugeständnisse bei seinem Atomprogramm erkennen lässt. Anleger sollten die Lage weiterhin genau beobachten und insbesondere die Risiken bei der Energieversorgung im Auge behalten. Für die Aktienmärkte dürften allerdings die Unternehmensgewinne vorerst der wichtigste Treiber bleiben.

Von Anthony Willis, Senior Economist bei Columbia Threadneedle Investments

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