EM-Anleihen sind ein gereifter Anlagebereich
Was einst als volatiler taktischer Trade galt, hat sich zu einer strukturell soliden und institutionell verankerten Anlageklasse entwickelt. Die Basis an handelbaren Assets ist gewachsen, die geldpolitische Disziplin hat zugenommen und Reformen haben die Fundamentaldaten sowohl staatlicher als auch unternehmerischer Emittenten gestärkt. Dennoch leidet der Markt unter veralteten Wahrnehmungen, die der aktuellen Realität nicht mehr gerecht werden. Trotz attraktiver Fundamentaldaten und starker risikoadjustierter Renditepotenziale sind EM-Anleihen in globalen Portfolios weiterhin unterrepräsentiert. Was hat sich geändert?
Ein wachsender Markt mit Substanz
Das Volumen handelbarer Schuldtitel in Schwellenländern ist seit dem Jahr 2000 jährlich um 13 % gewachsen – von 2 Billionen auf rund 44 Billionen US-Dollar Ende 2024.[1] Die Anlageklasse ist längst nicht mehr durch einige wenige notleidende Staaten definiert, sondern umfasst ein breites Spektrum an Investment-Grade- und High-Yield-Anleihen, Quasi-Staatsanleihen und Unternehmenspapieren von über 900 Emittenten in mehr als 80 Ländern.
Fundamentaldaten und Widerstandsfähigkeit verbessern sich
Der Wandel begann bei den Zentralbanken. Als die Inflation 2021–2022 weltweit anzog, reagierten viele Schwellenländer frühzeitig – und effektiv. Länder wie Brasilien, Tschechien und Indonesien strafften ihre Geldpolitik aggressiv, stabilisierten so ihre Währungen und verankerten Inflationserwartungen deutlich vor den Industrieländern.
Diese Länder verfügen nun über Spielraum und Glaubwürdigkeit für geldpolitische Lockerungen, was sowohl laufende Erträge als auch Kursgewinne ermöglicht. Das verändert die Risikobetrachtung für Investoren grundlegend – weg von der Annahme, EM-Anleihen seien bloß ein gehebelter Dollar-Trade.
Reformen schaffen Chancen in Frontier Markets
Auch die sogenannten Frontier Markets entwickeln sich weiter. Unterstützt durch IWF-Maßnahmen und ausgelöst durch schwierige globale Rahmenbedingungen, haben viele Länder in den vergangenen vier Jahren starre Währungsregime aufgegeben. In Märkten wie Nigeria oder Ägypten führte dies zu fairer bewerteten Währungen. Gleichzeitig macht die straffe Geldpolitik diese Märkte für Anleger attraktiver.
Frontier Markets bieten starke Diversifikationsvorteile: Sie sind nicht nur wenig mit anderen Risikoanlagen korreliert, sondern auch untereinander. Selbst innerhalb eines Landes verhalten sich Anleihen in Hart- und Lokalwährung oft unterschiedlich. Aufgrund geringer Abdeckung und Untergewichtung in globalen Indizes können aktive Manager Ineffizienzen nutzen und attraktive risikoadjustierte Renditen erzielen.
Lokale Märkte im Fokus
Anleihen in Lokalwährung sind ein zunehmend wichtiger Bestandteil des EM-Universums. Sinkende globale Renditen und verbesserte Leistungsbilanzen treiben die Erträge, während aktives Währungsmanagement zusätzliches Alpha generieren kann. Manager, die auf Märkte mit hohen Realzinsen wie Mexiko oder die Philippinen setzten, profitierten von Währungsaufwertungen und Anleiherallys.
Diese Erträge resultieren nicht aus blindem Risikoappetit, sondern aus fundierten Länderanalysen. Das spricht für eine strukturelle Weiterentwicklung des EM-Anleihenmarkts: Chancen ergeben sich zunehmend aus Reformprozessen und relativen Bewertungen – nicht bloß aus Risikobereitschaft.
Die nächste Phase für EM-Anleihen
Mit dem bevorstehenden Kurswechsel der US-Notenbank und einer Normalisierung der globalen Liquidität könnten Schwellenländeranleihen zu einem festen Bestandteil globaler Fixed-Income-Portfolios werden. Die Allokationen dürften steigen – gestützt durch hohe reale Renditen und attraktive Währungsbewertungen, die als Puffer gegen Volatilität dienen.
Entscheidend ist: Es handelt sich nicht um ein Beta-Investment. Vielmehr erfordert der differenzierte Markt aktives Management, das auf glaubwürdige Reformen und solide Politik setzt – und nicht nur auf Renditejagd geht.
Aus Sicht von Marcelo Assalin, CFA, Partner und Head of Emerging Markets Debt bei William Blair, ist klar: EM Debt ist erwachsen geworden – zu einer diversifizierten, resilienten Anlageklasse mit attraktiven Fundamentaldaten, starken Erträgen und breiter internationaler Unterstützung. Anleger, die die Diskrepanz zwischen wahrgenommenem und tatsächlichem Risiko nutzen, könnten so stabile Erträge bei vergleichbarer Volatilität erzielen – und das Portfolio langfristig stärken.
Marcelo Assalin, CFA, Partner, ist Leiter des Emerging Markets Debt (EMD) Teams von William Blair Investment Management, in dem er auch als Portfoliomanager tätig ist.
[1] Quelle: Bank of America EMD Primer, Ausgabe 2025. Die Inlandsschulden der EM-Länder sind auf 39 Billionen US-Dollar gestiegen, während sich die Auslandsschulden auf 5 Billionen US-Dollar belaufen.