Die europäische Abhängigkeit von russischem Gas & der 10-Punkte-Plan der IEA

Die Finanzmärkte, die europäischen Politiker und die Bürger in der EU werden wegen der Gasabhängigkeit der Versorger und der damit verbundenen Bedrohung durch die anhaltende Russland-Ukraine-Krise zunehmend nervös. DPAM | 21.03.2022 14:41 Uhr
Michael Oblin, Head of Fixed Income Buy-Side Research, DPAM / © DPAM
Michael Oblin, Head of Fixed Income Buy-Side Research, DPAM / © DPAM

Die Abhängigkeit Europas von Gasimporten aus Russland wurde durch den Einmarsch Russlands in die Ukraine noch deutlicher. Dies ist das perfekte Beispiel für ein "Tail Risk".Die Abhängigkeit Europas von Gasimporten aus einem politisch sensiblen Land wie Russland ist in der Tat nichts Neues. Fortschritte auf dem Weg zu Europas Netto-Null-Ambitionen werden den europäischen Gasverbrauch und die Importe mit der Zeit verringern. Die heutige Krise wirft jedoch die konkrete Frage nach den derzeitigen Einfuhren aus Russland auf und danach, was noch getan werden kann, um unsere Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern.

Kurzfristig zeigt die Nutzung der russischen Erdgasressourcen als wirtschaftliche und politische Waffe, dass Europa schnell handeln muss. Der Kontinent muss sich auf einen Winter 2023 vorbereiten, in dem die Gasversorgung mit großer Unsicherheit behaftet ist. Die EU arbeitet an einem Plan, um den russischen Gasverbrauch im Jahr 2022 um etwa zwei Drittel (rund 100 Mrd. m³) zu senken.[1]

Der 10-Punkte-Plan der IEA

Kurz- bis mittelfristig und auf lange Sicht und angesichts der Liefermengen, um die es geht, geht die Verringerung der Abhängigkeit der EU von russischem Gas über die Suche nach alternativen Gaslieferquellen hinaus. Sie erstreckt sich vielmehr auch auf den Einsatz von Alternativen zur Verwendung von Gas in einer Reihe von Sektoren (darunter auch die Stromerzeugung). 

Im März 2022 stellte die Internationale Energieagentur (IEA) einen diesbezüglichen 10-Punkte-Plan vor:

Wichtig ist, dass diese vorgeschlagenen Maßnahmen vollständig mit dem "Green Deal" und den Fit-for-55-Paketen der EU übereinstimmen und den Weg für weitere Emissionssenkungen in den kommenden Jahren ebnen.

Die kombinierte Wirkung dieser Maßnahmen reduziert die europäische Gasnachfrage um etwa 50 Mrd. m3 (d. h. ein Drittel des Verbrauchs im Jahr 2021).

In ihrer Analyse weist die IEA darauf hin, dass die EU noch andere Möglichkeiten hat, falls die Abhängigkeit von russischem Gas noch schneller verringert werden soll oder muss… aber diese Möglichkeiten sind mit erheblichen ökonomischen und ökologischen Kompromissen verbunden. Die kurzfristig wichtigste Option würde bedeuten, dass man bei der Stromerzeugung kein Gas mehr einsetzt und dafür verstärkt auf die noch verbliebenen europäischen Kohlekraftwerke zurückgreift oder bestehende Gaskraftwerke mit Öl betreibt (allerdings könnten auch die Öllieferungen bei internationalen Sanktionen gegen russisches Öl unter Druck geraten).

Quelle: Internationale Energieagentur, März 2022

Kann Kohle russisches Gas ersetzen?

Die Beschaffung der Kohle wäre sowohl teuer als auch schwierig, dafür müsste erstens die derzeit sinkende inländische europäische Produktion wieder hochgefahren werden, zudem müsste auch das Wachstum in anderen wichtigen Regionen deutlich zulegen. Wenn Europa Gas durch Kohle ersetzen will, dann würden weitere 250 Millionen Tonnen (Mt) an zusätzlicher nicht-russischer Kohle benötigt. Im Jahr 2020 wurden 970 Mt Kraftwerkskohle gehandelt, davon gingen 21 % nach China. Ein Nachfrageanstieg von 250 Mt ist ganz eindeutig erheblich. 

Auf dem Weltmarkt herrscht nach wie vor Knappheit aufgrund mangelnder Investitionen in den letzten zehn Jahren.  Europa sähe sich auch in scharfem Wettbewerb mit Japan und Südkorea. Beide Länder könnten unter ähnlichem Druck stehen, durch eine Diversifizierung ihre Abhängigkeit von Russland zu verringern. Mögliche Kohleexporteure sind beispielsweise Australien, Südafrika, Kolumbien und die USA. Doch alle diese Länder können ihre Lieferungen kurzfristig nur beschränkt erhöhen, die Lieferungen aus Australien werden beispielsweise durch Überschwemmungen und Engpässe im Schienenverkehr erschwert. Da die Preise steigen und da sich die Politik scheinbar hypothetisch wieder vom Kohleausstieg verabschiedet, könnte es zu einer angebotsseitigen Reaktion der inländischen Produzenten in Europa kommen. Es könnte allerdings einige Jahren dauern, bis sich dies bemerkbar macht, da zuletzt nicht in neue Lieferkapazitäten investiert wurde. 

Und schließlich müssten die CO2-Märkte möglicherweise vorübergehend ausgesetzt werden denn der erhöhte Verbrauch von Kohle würde Hand in Hand gehen mit einer höheren CO2-Nachfrage und damit auch mit steigenden CO2-Preisen. Dies würde somit dazu führen, dass wegen des Gasmangels die Strompreise steigen und gleichzeitig auch die CO2-Preise nach oben tendieren, um den Verbrauch von Kohle zu begrenzen.

Da diese Kohle-/Ölalternativen zu Gas nicht mit dem europäischen Grünen Deal im Einklang stehen, sind sie im vorstehend beschriebenen 10-Punkte-Plan nicht enthalten. Sowohl aus ökonomischer als auch aus ökologischer Sicht wären die Kosten zweifellos hoch.

Kann Flüssiggas russisches Gas ersetzen?

Europa verfügt über eine hohe Zahl von Regasifizierungsanlagen, in denen Flüssiggas (LNG) wieder in seinen ursprünglichen gasförmigen Zustand überführt wird. Die größten Regasifizierungsanlagen befinden sich in Spanien, Großbritannien, Italien, Frankreich und der Türkei. Diese Anlagen liefen 2021 mit etwa 45 % ihrer Kapazität, in diesem Jahr importierte Europa 107 bcm Flüssiggas, davon 18 bcm aus Russland. Insgesamt beläuft sich die Kapazität in Europa auf 238 bcm. Theoretisch hätte der Kontinent somit fast 150 bcm an überschüssiger LNG-Kapazität, ohne Russland. Damit könnten potenzielle massive Fehlmengen bei Pipelinegas kompensiert werden[2]. Doch auf den gesamten Jahresverlauf gesehen könnten LNG-Importe dadurch erschwert werden, dass zu wenig Lagerkapazitäten für den Sommer vorhanden sein könnten. Im Januar 2022 sind die Auslastungsquoten auf 80 % gestiegen, dabei haben die hohen Gaspreise in Europa dazu geführt, dass eigentlich für Asien bestimmte Lieferungen umgeleitet wurden. Somit ist die überschüssige Kapazität nun auf 47 bcm gesunken (darunter 18 bcm an russischem LNG, also 65 bcm ohne russisches LNG). Die einzige Region mit wirklich erheblicher überschüssiger Kapazität ist Spanien, hier liegt die überschüssige Kapazität bei 70 % der Gesamtmenge. Die Gasmärkte sind nach wie vor angespannt, und die weltweiten LNG-Verflüssigungs- und -Frachtkapazitäten sind begrenzt. Die weltweite LNG-Verflüssigungskapazität beträgt rund 520 bcm. Die Bereitstellung von weiteren mindestens 100 bcm für die Versorgung von Europa wird äußerst schwierig werden. LNG-Schiffe werden erst dann größer werden, wenn 2025 neue Kapazitäten zur Verfügung stehen, dann könnte das Angebot um 50-75 bcm steigen. Das hängt vom zeitnahen Start von Projekten in Kanada, Katar und Mozambik ab – und von einem russischen LNG-Projekt in der Arktis.

Mittelfristig werden mehrere zusätzliche Regasifizierungs-Infrastrukturanlagen in Europa gebaut (beispielsweise in Deutschland und möglicherweise in Sizilien), um größere LNG-Importmengen aufnehmen zu können. Außerdem sind zusätzliche grenzüberschreitende Pipelines nötig, damit LNG-Schiffe ihr Gas an spanische Häfen liefern können, von wo aus es dann quer durch Europa transportiert werden kann.

Kann Kernenergie russisches Gas ersetzen?

Die Stromerzeugung aus Kernenergie macht rund 25 % am europäischen Strommix aus und deckt 15 % des gesamten Energiebedarfs des Kontinents, doch zwischen den einzelnen Ländern gibt es erhebliche Unterschiede. Beispielsweise deckt Frankreich rund 70 % seines Strombedarfs aus Kernenergie. Dies steht im Gegensatz zu Ländern wie Italien, das 1990 alle seine Atomkraftwerke stillgelegt hat, und Deutschland, das seinen letzten Kernreaktor 2022 vom Netz nehmen will.

Im Kontext der Abhängigkeit von russischem Gas sehen wir, dass die Debatten über die Stromerzeugung aus Kernkraft in Europa wieder aufgenommen werden, einerseits zur Diversifizierung der Energiequellen und andererseits im Hinblick auf die Vorteile für die Energiewende (minimale Treibhausgasemissionen). Länder wie Italien2 und die Niederlande[3]prüfen nun erneut die Möglichkeiten von Atomstrom. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Märkte zu den wichtigsten Exportmärkten von Gazprom gehören. In Osteuropa ist und bleibt Kernenergie eine zentrale Technologie. Dadurch haben sich in diesen Ländern, die in der Vergangenheit erhebliche CO2-Mengen produzierten, bereits erhebliche Verbesserungen ergeben. Die Slowakei erwägt bereits den Bau neuer Reaktoren, und Bulgarien, die Tschechische Republik, Ungarn, Polen und Rumänien haben bereits angedeutet, dass sie diesem Beispiel folgen werden. Doch angesichts der sehr langen Vorlaufzeiten neuer großer Reaktoren (mindestens zehn Jahre) und des für die nächsten zehn Jahre prognostizierten Anstiegs der Stromnachfrage wäre ein markanter und schneller Wandel in der Energiepolitik vonnöten, damit Kernenergie den Übergang weg von russischem Gas unterstützen kann. In diesem Zusammenhang ist auch die wahrscheinliche Einbeziehung von Kernenergie in die EU-Taxonomie zu sehen.

Können erneuerbare Energien russisches Gas ersetzen?

Die wichtigste energiepolitische Auswirkung für die EU und andere europäische Länder ist die noch stärkere Fokussierung auf den Ausbau der Infrastruktur für erneuerbare Energien. Dies liegt nicht nur darin begründet, dass die meisten erneuerbaren Energien inzwischen günstiger sind als fossile Brennstoffe oder Kernenergie, sondern auch darin, dass Europa hier über immense Ressourcen verfügt. Europa kann im Wesentlichen ausreichend zusätzliche Infrastruktur für erneuerbare Energien installieren und die Abhängigkeit von russischen Energieimporten vollständig eliminieren. Doch diese Bestrebungen sind mit verschiedenen Hürden konfrontiert:

  • langwierige Planungs- und Genehmigungsprozesse. 
  • Engpässe bei Rohstofflieferungen, insbesondere bei Solarenergie.
  • Die gestiegenen Rohstoffkosten (Stahl, Solarzellen, usw.).

Schlussfolgernd lässt sich sagen, dass mit dem russischen Krieg in der Ukraine das „Extremrisiko“ der europäischen Abhängigkeit von russischem Gas ganz deutlich zutage getreten ist. Die Anpassung an diese Situation wird nicht leichtfallen und wird immense (und dringend benötigte) Anstrengungen der europäischen Staaten, Unternehmen und Bürger erfordern.

Michael Oblin, Head of Fixed Income Buy-Side Research, DPAM

Fußnoten:
1 Quelle: Bloomberg, 8. März, 2022 [link]
2 Quelle: Politico, 5. Januar 2022 [Link]
3 Quelle: Politico, 15. Dezember 2021 [Link]

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