Demokratie und ESG: Auswirkungen und Werte in Einklang bringen

Krieg in der Ukraine erinnert uns täglich daran, wie kostbar Freiheit und Demokratie sind und wie wichtig Sicherheit ist. Paradoxerweise erfahren gerade in diesem Kontext die sogenannten nachhaltigen ESG-Investitionen eine gewisse Identitätskrise. Denn fast einhellig schließen diese Investitionen den Verteidigungssektor aus, weil sie keine Waffen finanzieren. Auch wenn die sektoralen Verzerrungen nicht systematisch vergleichbar sind, ist die Untergewichtung des Energiesektors im Kontext steigender Preise (und damit eine relative Outperformance) eine Konstante bei diesen Anlagen. DPAM | 06.05.2022 08:40 Uhr
Ophélie Mortier, Chief Sustainable Investment Officer bei DPAM / © e-fundresearch.com / DPAM
Ophélie Mortier, Chief Sustainable Investment Officer bei DPAM / © e-fundresearch.com / DPAM

Ukraine-Krieg und Rüstung 

Nachhaltige Anlagen sind aus ethischen Gründen in der Regel nicht im Verteidigungssektor engagiert. Die meisten europäischen Gütesiegel auf dem Markt verlangen neben dem allgemeinen gesetzlichen Ausschluss von umstrittenen Rüstungsgütern, den vollständigen Ausschluss von Waffen und Rüstungsgütern.[1]     

Der aktuelle Konflikt rückt die gesamte Debatte über Divestment versus Engagement wieder in den Mittelpunkt. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass solche Investitionen zum Thema Ausschluss von Waffen zurückkehren werden. Neben der finanziellen Performance sind nachhaltige Kompetenzen und die Verteidigung von Werten für diese Art von Investitionen ebenso wichtig. 

Relokalisierung und DeDer mokratie 

Europa hat strategische Industrien wie Halbleiter oder Telekommunikation in asiatische Drittländer verlagert und ist nun von Staaten mit fragwürdigen demokratischen Standards abhängig. Während das Klima weiterhin die ESG-Forschung dominiert, hatte die Pandemie bereits soziale Fragen und insbesondere die Sicherheit der Arbeitnehmer in den Vordergrund gerückt. Heute geht es um die Achtung der politischen Rechte und bürgerlichen Freiheiten.  

Die Komponente "G" (in ESG) bezieht sich auf die Unternehmensführung und die Geschäftsethik von Unternehmen. Bei Ländern und Investitionen in Staatsanleihen bezieht sich diese Dimension auf Institutionen und demokratische Anforderungen. 

Nachhaltige Anlagen tendieren dazu, bestimmte Länder, die keine demokratischen Mindeststandards einhalten oder gegen die ein Embargo verhängt wurde, nicht zu finanzieren. Die meisten Investitionen in nachhaltige Staatsanleihen sind jedoch nach wie vor in Ländern wie Russland oder China engagiert, wie es auch die traditionellen Marktindizes tun, was die Glaubwürdigkeit des verantwortungsvollen und nachhaltigen Ansatzes in Frage stellt. 

Land versus Unternehmen 

Bei nachhaltigen Anlagen wird im Allgemeinen zwischen dem Land (und der Investition in Staatsanleihen) und den dort ansässigen Unternehmen unterschieden. So sollte eine Investition in russische Staatsanleihen und eine Investition in ein Unternehmen mit Sitz in Russland separat betrachtet werden. Auch wenn die beiden voneinander getrennt sind, so ist die Grenze doch nicht so eindeutig. Die nahezu untrennbare Verbindung zwischen staatlichen Unternehmen wie Gazprom und der herrschenden Diktatur stört die meisten verantwortungsbewussten Anleger. 

Die Situation ist jedoch selten schwarz-weiß. Mehrere Beispiele von Investitionen in chinesische Unternehmen haben gezeigt, dass sie trotz der Privatisierung der Unternehmen in Menschenrechtskontroversen im Zusammenhang mit der Regierungspolitik verwickelt waren. Das Beispiel des amerikanischen Mikroprozessorherstellers Intel, der sich nach den negativen Reaktionen auf sein Schreiben entschuldigte, in dem er seine Lieferanten aufforderte, keine Produkte oder Arbeitskräfte aus der chinesischen Region Xinjiang zu beziehen, ist in dieser Hinsicht sehr bezeichnend. Die Situation ist also komplex, und die Verlagerung von Schlüsselunternehmen steht im Mittelpunkt der Debatte. Neben der Sorge um nachhaltige Strategien sollten wir auch die Verlagerung europäischer Schlüsselindustrien in den Westen in Betracht ziehen. 

Steigende Energiepreise 

Der Anstieg der Energiepreise wirkt sich nachteilig auf die relative Performance nachhaltiger Anlagen aus und könnte zu einer Umschichtung dieser Anlagen in so genannte Mainstream-Investments führen, die stärker im Energiesektor engagiert sind. 

Diese Befürchtung einer Trendwende ist jedoch begrenzt. Im Gegenteil, die Energiekrise und die geopolitische Lage könnten zu einer Beschleunigung der Energiewende führen, die im Mittelpunkt der Ziele nachhaltiger Anlagen steht. 

Einerseits ist der jüngste IPCC-Bericht eindeutig: Der Klimawandel ist eine wissenschaftlich erwiesene Bedrohung für das menschliche Wohlergehen und die globale Gesundheit. Andererseits haben mehrere Länder wie das Vereinigte Königreich und Deutschland ihre Maßnahmen und Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien weiter verstärkt. 

Der 6. Sachstandsbericht zum Klimawandel (IPCC) zeigt einen Anstieg der Treibhausgasemissionen um 14 % seit der Unterzeichnung des Pariser Abkommens im Jahr 2015. Obwohl sich die Unterzeichner zu einer Reduzierung um 45 % bis 2030 verpflichtet haben, war das vergangene Jahr ein Rekordjahr in Bezug auf die Kohlenstoffemissionen. Um eine Chance zu haben, die Erderwärmung bis 2100 auf 1,5 C zu begrenzen, müssen die Treibhausgasemissionen bis 2025 ihren Höhepunkt erreichen. 

Ohne die Frage einer glaubwürdigen universellen Kohlenstoffbepreisung und möglicher Steuern zu erörtern, setzt dies eine aggressive Dekarbonisierung und eine echte Finanzierung der Energiewende voraus, d. h. eine Neuausrichtung der Finanzströme auf letztere. 

Heute ist die europäische Taxonomie (und andere kleinere Taxonomien, die sich außerhalb des europäischen Kontinents entwickeln) das einzige relativ wirksame Instrument zur Erreichung dieses Ziels, auch wenn sie in Bezug auf die Investitionsmöglichkeiten einige Schwächen aufweist. Die Ausweitung auf die anderen 4 Umweltziele dürfte diese Situation jedoch bereits teilweise korrigieren. 

Das Paradox der nachhaltigen Geldanlagen 

Nachhaltige Geldanlagen befinden sich heute in einer widersprüchlichen Situation. Einerseits erinnert uns der Krieg in der Ukraine daran, wie wichtig zentrale Werte wie Demokratie, Sicherheit und Freiheit sind. Werte, die im Mittelpunkt eines nachhaltigen Ansatzes für SRI-qualifizierte Anlagen stehen sollten. 

Andererseits könnten der fast einheitliche Ausschluss des Verteidigungs- und Rüstungssektors und die starke und allgemeine Untergewichtung des Energiesektors gegen diese Art von Anlagen sprechen. Es könnte zu einer relativen und vorübergehenden Underperformance kommen. Wir dürfen daher nicht vergessen, dass die finanzielle Performance ebenso wichtig ist wie die Glaubwürdigkeit des Nachhaltigkeitswertes dieser Anlagen: Nachhaltige Investitionen zielen vor allem darauf ab, Regierungen und Unternehmen zu inklusivem Wachstum und nachhaltiger Leistung auf mittlere bis lange Sicht zu führen. 

Europäischen Vorschriften, insbesondere die SFDR (die Verordnung über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzdienstleistungssektor), sind in diesem Zusammenhang eindeutig: Die sogenannten Artikel 9 (dunkelgrüne) Produkte der SFDR-Klassifizierung stellen das nachhaltige Ziel über jedes andere Ziel, ob finanziell oder anderweitig. Der Bezugsrahmen bleibt der Aktionsplan der Europäischen Kommission für nachhaltige Finanzen, d. h. die Finanzierung einer nachhaltigen und integrativen Energiewende. Wissenschaftliche Erkenntnisse erinnern uns auch daran, dass kurzfristige Profitgier nicht von Vorteil ist und dass es wichtig ist, die Grundwerte, die Unternehmen und Staaten fördern oder vernachlässigen, ständig zu hinterfragen. Letztendlich geht es um die Auswirkungen und die Anpassung der Werte. 

Ophélie Mortier, Chief Sustainable Investment Officer bei DPAM 

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