In einem Umfeld höherer Zinsen und einer restriktiveren Bankkreditvergabe sind private Kredite in den vergangenen Jahren zu einer der wichtigsten alternativen Anlageklassen geworden.
Private Credit weist eine geringe Korrelation mit traditionellen Anlageklassen auf und bietet durch seine Komplexitäts- und Illiquiditätsprämie im Schnitt tendenziell höhere Renditen als liquide börsennotierte Assetklassen. Privat vergebene Kredite sind überwiegend weniger von täglichen Marktschwankungen beeinflusst und weniger anfällig für Marktschocks. Dadurch haben sie das Pozenzial, zur Stabilisierung breiter aufgestellter Portfolios beizutragen – insbesondere in Stressphasen der Aktien- oder Anleihemärkte.
Resilienz und Ertragsstärke
Im Vergleich zum reiferen US-Markt bietet der europäische Private-Credit-Markt noch erhebliches Wachstumspotenzial. Interessant ist hier insbesondere der sogenannte Upper Middle Market, in dem Fremdkapital für größere mittelständische Unternehmen mit einem EBITDA (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) von mindestens 50 Millionen Euro bereitgestellt wird. Diese Unternehmen zeichnen sich in der Regel durch robuste Bilanzen, stabile Cashflows und attraktive Risiko-Rendite-Profile aus. Dadurch besticht dieses Segment mit einer hohen Resilienz und potenziell überdurchschnittlich hohen Erträgen.
Strategien mit Fokus auf den Upper Middle Market bieten einen konsistenten Kapitaleinsatz und Zugang zu hochwertigen Kreditnehmern aus einem breiten Spektrum von Branchen. Eine Streuung der Investments über verschiedene Sektoren und Regionen verringert das Konzentrationsrisiko und kann zu einer besseren Diversifikation globaler Portfolios beitragen. Variabel verzinsliche Strukturen mindern das Zinsrisiko, die vorrangige Stellung der Kredite innerhalb der Kapitalstruktur erhöht prinzipiell die Ausfallsicherheit.
Veränderte Marktdynamik
Voraussetzung für den Anlageerfolg ist ein gutes Verständnis der Marktstruktur und -dynamik. Risiken müssen erkant und analysiert werden. Historisch gesehen bestand der Markt für privat vergebene Unternehmenskredite aus zwei Segmenten: dem Markt für syndizierte Kredite an größere Unternehmen und dem Direct-Lending-Markt für kleinere Unternehmen, also dem Markt für Unternehmensfinanzierungen ohne Banken über direkte Kredite von Investoren.
Abgesehen von ihren unterschiedlichen Zugangspunkten konzentrieren sich beide Märkte auf vorrangig besicherte, variabel verzinsliche Schuldtitel. Der wesentliche Unterschied ist technischer Art: Der Markt für syndizierte Kredite umfasst Kredite, die von Banken vergeben und dann an institutionelle Investoren weitergereicht werden, und zeichnet sich durch einen liquiden Sekundärmarkt aus. Der Direct-Lending-Markt umfasst Kredite, die von bankunabhängigen Kreditgebern direkt an Kreditnehmer vergeben werden. Diese Direktkredite bieten einen Spread-Aufschlag gegenüber syndizierten Krediten, aber nur einen sehr begrenzten Sekundärmarkt oder eine sehr geringe Liquidität, sodass Kreditgeber den Kredit in der Regel bis zur Rückzahlung oder Fälligkeit halten.
Durch den starken Zufluss von Kapital in den Direct-Lending-Markt und die zunehmende Finanzierung größerer Unternehmen durch Direktkredite verwischen die Trennlinien zwischen beiden Märkten zunehmend. Mittlerweile wechseln Kreditnehmer aus dem oberen Mittelstand je nach Marktumfeld und Preisdynamik zwischen beiden Finanzierungsoptionen. Aus Anlegersicht ist daher ein kombinierter Ansatz wichtig, um einen kontinuierlichen Kapitaleinsatz sicherzustellen und Renditepotenziale optimal zu nutzen. Ziel einer flexiblen, ganzheitlichen Private-Credit-Strategie für den Upper Middle Market ist es, Investoren von den Vorteilen beider Teilklassen profitieren zu lassen.
Flexiblere Zugangsmöglichkeiten
Institutionelle Investoren erhöhen ihre Private-Credit-Allokationen seit Jahren, um höhere Renditen zu erwirtschaften und die Performance ihres Gesamtportfolios potenziell zu verbessern. Mittlerweile öffnet sich dieser Markt zunehmend auch für vermögende Privatanleger, die eine Kapitalbindung in langfristigen Strukturen traditionell eher scheuen. Fonds mit Evergreen- oder ELTIF-Konzepten begegnen dieser Sorge mit flexiblen, semiliquiden Strukturen. Bei Einhaltung strenger Vorgaben zu Diversifikation, Liquidität und Anlegerschutz ermöglichen diese eine laufende Investition mit regelmäßigen Ausschüttungen.
Von Andreas Mittler, Leiter Private Markets Deutschland, Invesco