- Für 71% der Zentralbanken und 54% der Staatsfonds ist die Resilienz beim Portfolioaufbau genauso wichtig wie die Rendite
- In den Staatsfonds-Portfolios war Infrastruktur in den letzten fünf Jahren die wachstumsstärkste alternative Anlageklasse
- ETFs haben inzwischen einen festen Platz in vielen staatlichen Anlageportfolios: 39% der staatlichen Investoren nutzen sie, wobei Zentralbanken und Staatsfonds unterschiedliche Zielsetzungen verfolgen
- Staatliche Investoren sehen künstliche Intelligenz als Auslöser eines strukturellen Transformationsprozesses; gleichzeitig betrachten 52% die hohe Marktkonzentration als bedeutendstes Portfoliorisiko im Zusammenhang mit KI-Investitionen
Staatliche Investoren mit einem verwalteten Vermögen von zusammen rund 29 Billionen US-Dollar gehen neue Wege in der Portfoliokonstruktion, wie die 14. jährliche Global Sovereign Asset Management Studie von Invesco zeigt. Die Ergebnisse deuten auf neue Herangehensweisen an eine optimale Balance von Resilienz, Rendite und Diversifikation in einem komplexeren Investmentumfeld hin.
Die Studie, für die 144 Institutionen – 90 Staatsfonds und 54 Zentralbanken – befragt wurden, gibt Einblicke in das sich verändernde Anlageverhalten staatlicher Investoren und die beispiellose Dynamik, mit der diese ihre Anlagestrategien im aktuellen geopolitischen Umfeld neu ausrichten. Von den Spannungen zwischen den USA und Europa um Grönland über den anhaltenden Konflikt in der Ukraine bis hin zu den erneuten Unruhen im Nahen Osten sehen sich staatliche Investoren mit einer Vielzahl geopolitischer Risiken konfrontiert, die direkte Auswirkungen auf Energiesicherheit, Handelsströme und globale Lieferketten haben. Diese Faktoren führen zu einem grundlegenden Umdenken bei der Portfoliokonstruktion mit stärkerem Fokus auf Resilienz und Diversifikation.
Resilienz rückt in den Mittelpunkt des Portfolioaufbaus
Resilienz hat sich von einem Nebenprodukt der Diversifikation zu einem expliziten Ziel des Portfolioaufbaus entwickelt. Für 71% der Zentralbanken und 54% der Staatsfonds ist die Resilienz beim Portfolioaufbau eine genauso wichtige Erwägung wie die Rendite.
Dies zeigt sich zunehmend darin, wie Portfolios überwacht werden, wobei Konzentrationsanalysen und Szenariotests zu zentralen Tools für die Risikobewertung geworden sind: 82% der Zentralbanken überwachen Risikokonzentrationen und 76% nutzen Szenarioanalysen; bei den Staatsfonds tun dies 65% bzw. 62%.
Kapital fließt zunehmend in Anlagen, die Resilienz- und Renditemerkmale vereinen. Für 80% der staatlichen Investoren sind Energiesicherheit und die Infrastruktur für die Energiewende das überzeugendste Resilienzthema. Für eine besondere Dynamik sorgt hier der Ausbau der KI-Infrastruktur, der zu einem massiven Anstieg der Nachfrage nach Strom- und Dateninfrastruktur führt.
Resilienz ist nicht nur beim Portfolioaufbau ein Thema. Mehrere Institutionen gaben an, ihre Abhängigkeit von Verwahrstellen, Gegenparteien und Clearing-Infrastruktur in den USA zu prüfen; einige richten bereits alternative Lösungen ein. Vor fünf Jahren spielte die Frage, wo Vermögenswerte verwahrt werden, als strategischer Aspekt kaum eine Rolle. Im Jahr 2026 ist dies ein Punkt, den staatliche Investoren fest auf dem Schirm haben.
Benjamin Jones, Global Head of Research bei Invesco, kommentierte: „Die große Veränderung, die wir bei staatlichen Investoren beobachten, betrifft die Bedeutung der Resilienz, die von einem ‚Nice-to-Have‘ zum ‚Must-Have‘ wird“ In einer Welt, die von Inflationsschocks, geopolitischer Fragmentierung und einer stärkeren Marktkonzentration geprägt ist, überdenken Investoren ihre traditionelle Herangehensweise an die Diversifikation und richten ihre Portfolios neu aus, um sie für eine größere Bandbreite möglicher Entwicklungen zu rüsten. Liquidität, Governance, Szenariotests und operativer Zugang zu Vermögenswerten stehen jetzt im Vordergrund. Die befragten Investoren versuchen nicht, den nächsten Schock vorherzusagen, und rücken auch nicht von ihren langfristigen Anlagehorizonten ab. Stattdessen bemühen sie sich um eine Stärkung der Resilienz ihrer langfristigen Anlagestrategien, indem sie ihre Portfolios so ausrichten, dass diese unterschiedlichen Szenarien standhalten und auch in einem von schwindendem Vertrauen und zunehmender Unsicherheit geprägten Umfeld bestehen können.“
Langfristiges Investieren in einem schwierigeren globalen Umfeld
In unsichereren Zeiten werden langfristige Anlagen noch wichtiger, langfristige Strategien jedoch schwieriger umzusetzen. 39% der Staatsfonds geben an, dass ihr tatsächlicher Anlagehorizont kürzer ist als ihr angestrebter Zielhorizont. Besonders groß ist die Diskrepanz bei Investment- und Liability-Staatsfonds. Die Nutzung von Illiquiditätsprämien und langfristigen Renditequellen erfordert einen geduldigen Kapitaleinsatz, den sich diese Institutionen auch auf die Fahnen schreiben. Doch in der Praxis gelingt dies nicht allen.
In diesem Umfeld ziehen staatliche Investoren zunehmend Anlagegelder von konzentrierten Aktienpositionen ab. Für 65% der Staatsfonds sind Private-Market-Anlagen ein wichtiger Renditetreiber. Wie die geplanten Nettoallokationen zeigen, profitieren Infrastruktur und Private Credit davon am stärksten.
Der Anteil von Infrastrukturanlagen am Gesamtvermögen der Staatsfonds ist in den fünf Jahren von 2022 bis 2026 von 4,9% auf 9,0% gestiegen – ein Wachstum, mit dem keine andere alternative Anlageklasse mithalten kann. Die Schwerpunkte der Infrastrukturprogramme sind über alle Regionen hinweg gleich: Dekarbonisierung und Ausbau der erneuerbaren Energien, digitalen Infrastruktur und Rechenzentren, die als zentrale Faktoren für Produktivität und langfristige wirtschaftliche Entwicklung gelten.
Zunehmende Bedeutung von ETFs
Ende 2025 belief sich das weltweit in ETFs verwaltete Vermögen auf rund 19,5 Billionen US-Dollar. Damit ist es in den letzten zwei Jahrzehnten um durchschnittlich rund 15% pro Jahr gestiegen [Quelle: ETFGI]. Der Markt ist inzwischen klar über passive Aktienstrategien hinausgewachsen und umfasst auch Anleihen-ETFs, aktiv gemanagte Produkte und thematische Strategien.
Treiber dieses Wachstums ist die institutionelle Nachfrage nach Flexibilität, Liquidität und Effizienz in der Umsetzung. Zentralbanken und Staatsfonds waren in der Vergangenheit keine wesentlichen Treiber des ETF-Wachstums, sondern bevorzugten direkte und maßgeschneiderte Strukturen. Doch die Akzeptanz der Anlageform wächst – 39% der Befragten investieren inzwischen in ETFs.
Die verschiedenen Institutionen nutzen diese Instrumente jedoch in deutlich unterschiedlichem Ausmaß. 58% der Investment-Staatsfonds und 53% der Liability-Staatsfonds halten ETFs in ihren Portfolios, verglichen mit 31% der Zentralbanken. Am selektivsten werden börsengehandelte Fonds von Staatsfonds mit Entwicklungsziel genutzt (24%). Grund dafür sind Mandate, die Direktbeteiligungen, strategischen Beteiligungen und aktiver Eigentümerschaft den Vorzug gegenüber börsennotierten Instrumenten geben.
Zentralbanken erhalten durch ETFs Zugang zu Opportunitäten, die ansonsten mit einer höheren internen Ressourcenbindung, einer umfangreicheren Verwaltungsinfrastruktur oder größerer operativer Komplexität verbunden wären. 67% der Zentralbanken nutzen ETFs vorwiegend für strategische Positionen, während Staatsfonds sie vor allem im Rahmen der taktischen Asset Allokation (64%) und des Liquiditätsmanagements (52%) einsetzen. Für Zentralbanken ist Benutzerfreundlichkeit der wichtigste Faktor, der von 82% der Befragten genannt wird, während für Staatsfonds Transparenz und Liquidität im Vordergrund stehen.
Passiv gemanagte Aktien- und Anleiheprodukte sind in beiden Gruppen die mit Abstand am häufigsten genutzten ETFs. Themen-ETFs verzeichnen ebenfalls Zulauf, insbesondere unter Staatsfonds. Den Zentralbanken ermöglichen Rohstoff-ETFs ein effizientes Engagement in Gold, ohne den mit physischen Goldanlagen verbundenen Verwaltungsaufwand. Die Durchsetzung aktiv gemanagter ETFs steht noch ganz am Anfang: Die meisten Befragten nutzen diese Anlageinstrumente bislang noch nicht. Von den Staatsfonds investieren derzeit 7% in aktive ETFs; weitere 26% ziehen dies in Erwägung.
Josette Rizk, Head of Middle East & Africa bei Invesco: „Wir beobachten, dass ETFs in den Portfolios staatlicher Investoren eine breiter und zugleich klarer definierte Rolle einnehmen. Zentralbanken legen den Schwerpunkt auf einen effizienten Zugang zu neuen Anlageklassen, während Staatsfonds diese für taktische Flexibilität und gezielte Engagements nutzen. Die Umsetzung erfolgt weiterhin selektiv, insbesondere bei aktiven Strategien und ESG-Strategien, doch die Richtung ist eindeutig: ETFs entwickeln sich zunehmend von reinen Umsetzungsinstrumenten zu festen Portfoliobestandteilen.
KI – Anlagechance und operatives Tool
Künstliche Intelligenz steht im Mittelpunkt eines Spannungsfelds, das für staatliche Investoren zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die Überzeugung von der strukturellen Bedeutung von KI ist groß: 77% der Befragten betrachten KI als transformative Technologie, die auf Sicht mehrerer Jahrzehnte für erhebliche Wachstumsimpulse sorgen wird. Nur 2% zweifeln ihre wirtschaftliche Bedeutung an. Diese Überzeugung mit einer entsprechenden Portfoliopositionierung zum Ausdruck zu bringen, erweist sich jedoch als komplexes Unterfangen.
Im Zuge der Ausweitung der Investitionsmöglichkeiten über den Softwarebereich hinaus auf physische Infrastruktur, Energiesysteme und nationale Industriekapazitäten nennen 52% der Staatsfonds die Marktkonzentration als größtes Portfoliorisiko durch Investitionen mit KI-Bezug.
Im Fokus stehen Infrastruktur und Produktivitätssteigerung, die von 69% der Staatsfonds als überzeugendste langfristige Anlagethemen genannt werden. Die Energieversorgung wird zunehmend als entscheidende Variable für den Erfolg der nächsten Phase des Ausbaus der KI-Infrastruktur genannt. Damit hängen die regionalen Schwerpunkte und das Tempo des Ausbaus genauso von der Energie- wie von der Technologieverfügbarkeit ab.
Der Einsatz von KI-Technologien für interne Prozesse nimmt stark zu: 69% der staatlichen Investoren nutzen KI in ihrem Investmentprozess, verglichen mit 33% im Jahr 2024. Am häufigsten wird KI für Analyseverfahren und zur Zusammenfassung von Informationen eingesetzt, zunehmend jedoch auch zur Steigerung der operativen Effizienz sowie für die Ideengenerierung und Entscheidungsunterstützung.
Zentralbanken und die Suche nach Diversifikation
Angesichts von Inflation, geopolitischer Fragmentierung und veränderten Marktbedingungen richten die Zentralbanken ihr Reservemanagement strukturell neu aus. Anstelle ihrer traditionellen Konzentration auf Staatsanleihen berücksichtigen sie bei der Portfolioallokation vermehrt auch Aktien, Unternehmensanleihen und inflationsgebundene Wertpapiere, auch wenn dies für viele aufgrund ihrer individuellen Anlagerichtlinien und gesetzlichen Mandate nicht ganz einfach ist.
Sorgen über die Stellung des US-Dollars nehmen zu: 61% der Zentralbanken sind der Ansicht, dass sich die Verschuldung der USA negativ auf den langfristigen Status des Dollars als Reservewährung auswirkt – ein Anstieg gegenüber 20% im Jahr 2024. Eine Diversifizierung weg vom Dollar findet statt, erfolgt in Abwesenheit einer gleichwertigen Alternative jedoch nur allmählich.
Gold ist einer der Nutznießer dieser Entwicklung und bleibt ein Eckpfeiler der Reservestrategie der Zentralbanken. Mehr als ein Drittel der Zentralbanken gehen davon aus, dass sie ihre Goldbestände in den nächsten drei Jahren weiter ausbauen werden. Ein zentrales Motiv ist der Schutz vor Inflationsrisiken, der in der diesjährigen Studie von 72% der Befragten genannt wird – gegenüber 35% im Jahr 2025. Daneben bleibt Gold zur Absicherung gegen geopolitische Risiken gefragt.