Abwarten als beste Option – vorerst
Wie von den Finanzmärkten mehrheitlich erwartet, hat die EZB im Rahmen der heutigen Sitzung eine Zinspause eingelegt und den Einlagensatz unverändert bei 2,25% belassen. Nach dem Zinsschritt vom Juni – der ersten Anhebung seit 2023 – sah sich die Mehrheit im EZB-Rat trotz der aktuell überhöhten Inflation in einer guten Position, um abzuwarten. Ausschlaggebend war, dass bislang noch keine Zweitrundeneffekte des Ölpreisschocks sichtbar sind. Bemerkenswert ist allerdings, dass einige Ratsmitglieder laut Christine Lagarde die Frage aufgeworfen hatten, ob die Leitzinsen nicht bereits jetzt anzuheben seien. Der Rat kam zum Schluss, Abwarten sei vorerst die beste Option.
Anders als im Juni lagen dieser Sitzung keine neuen Stabsprojektionen vor, sodass die Kommunikation umso stärker auf die kurze Grundsatzerklärung und die Pressekonferenz zurückfiel. Dort betonte die EZB, dass der Energiepreisausblick derzeit nahe am Basisszenario der Juni-Projektionen liegt und damit weiterhin deutlich über dem Niveau vor dem Nahost-Konflikt.
Makrobild: Ein Wechselbad der Gefühle
Laut Lagarde sah sich die EZB seit der Juni-Sitzung mit einem regelrechten Wechselbad der Gefühle konfrontiert. Zunächst hellte sich die makroökonomische Lage auf: Die Inflationsrate sank unter 3,0% – und fiel damit günstiger aus als im Basisszenario unterstellt –, während sich das BIP (ohne Irland) im 1. Quartal stabil zeigte. Mit dem Memorandum of Understanding zwischen dem Iran und den USA keimten zudem Friedenshoffnungen auf. Anschließend drehte die Situation jedoch abrupt: Die Feindseligkeiten flammten wieder auf, und der Ölpreis sprang erneut nach oben. Damit kehrte die EZB zum Basisszenario und der damit verbundenen Risikoeinschätzung zurück. Insbesondere seit Anfang Juli sind die Inflationsgefahren wieder gestiegen. Folgerichtig kündigte Lagarde an, die Daten der kommenden Wochen sehr genau zu beobachten und die Lage im September neu zu bewerten. Die Risiken bleiben klar verteilt: aufwärts bei der Inflation, abwärts beim Wachstum.
Geldpolitik-Ausblick: Straffungsneigung schimmert durch
Bereits seit Monaten verzichtet Lagarde – aufgrund der außergewöhnlichen Unsicherheit – bewusst auf eine konkrete Forward Guidance zum Zinspfad. Zwischen den Zeilen ließ sie jedoch mehr als deutlich durchblicken, dass eine Neigung zu Leitzinsanhebungen besteht. Allein die Tatsache, dass einzelne Ratsmitglieder bereits im Rahmen der laufenden Sitzung über einen solchen Schritt nachgedacht haben, spiegelt dies wider. In dieselbe Richtung deutet der Verweis auf die Rückkehr zum Basisszenario. Dieses steht für einen zwar nicht ausufernden, jedoch deutlich sichtbaren Angebotsschock, auf den die Mehrheit im Rat mit einer maßvollen geldpolitischen Straffung reagieren will – so die Kommunikation der vergangenen Monate. Das Basisszenario umfasst auch eine Prognose für die Geldmarktzinsen, die letztlich darauf hindeutet, dass die EZB selbst von insgesamt drei Leitzinsanhebungen um je 25 Basispunkte – auf 2,75% – ausgeht.
Ausblick: Boden für weitere Straffung bereitet
Alles in allem ist der Boden für weitere geldpolitische Straffungen bereitet. Dies gilt vor allem dann, wenn der Ölpreis in den nächsten Wochen auf hohem Niveau (> 80 USD) verharrt. In diesem Fall dürfte die Teuerungsrate in der Eurozone wieder über 3,0% klettern und sogar das Jahreshoch vom Mai (3,2%) in Angriff nehmen (siehe unser heutiges Statement zum Inflationsausblick in der Eurozone). Gleichzeitig spricht viel dafür, dass sich die Konjunktur weiter resilient zeigt. Ein erstes Signal in diese Richtung dürfte die Einkaufsmanagerumfrage vom Juli liefern, deren erste Schätzergebnisse morgen veröffentlicht werden; wir erwarten, dass der Composite-Einkaufsmanagerindex wieder deutlich über die 50,0-Punkte-Marke ansteigt.
All dies liefert der EZB gute Argumente, um den Leitzins im September ein zweites Mal in diesem Jahr um 25 Basispunkte anzuheben. Das dann erreichte Niveau von 2,50% läge indes immer noch in der neutralen Zone, wenn auch im oberen Bereich. Ob dies ausreicht, wird die weitere Entwicklung zeigen. Behalten wir recht, wird sich am Ende doch die Vernunft im Nahen Osten durchsetzen und der Ölpreisschock abschwächen, was zugleich den entscheidenden Impuls für eine namhafte Konjunkturbelebung liefert (vgl. unseren Financial Market Outlook vom 20. Juli 2026). Das bedeutet einerseits, dass der angebotsseitige Inflationsdruck nachlässt, während parallel perspektivisch der nachfrageseitige Teuerungsdruck zunimmt. In einer Konstellation aus robustem Wachstum und anhaltenden Inflationsgefahren wird die EZB nicht umhinkommen, die Geldpolitik weiter zu straffen; im ersten Halbjahr 2027 dürften zwei weitere Leitzinsanhebungen folgen.
Dieser Ausblick ist allerdings mit großer Unsicherheit behaftet. Kurzfristig besteht insbesondere die Gefahr, dass die Lage im Nahen Osten eskaliert. In diesem negativen Szenario wäre eine weitere Straffung sehr gefährlich, da die EZB die Wirtschaft zu stark belasten würde. Fazit: Eine Leitzinsanhebung im September auf 2,50% ist sehr wahrscheinlich geworden. Der weitergehende Pfad hängt maßgeblich von den politischen Entwicklungen am Persischen Golf ab und ist entsprechend unsicher.
Von Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG
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