Die erste offizielle Schätzung zum BIP der Eurozone im 2. Quartal fiel in jeglicher Hinsicht erfreulich aus. Mit +0,4% (genauer sogar +0,44%) lag der BIP-Zuwachs doppelt so hoch wie vom Konsensus erwartet (+0,2%; Bantleon: +0,3%). Damit nicht genug, der Wert für das 1. Quartal wurde gleichzeitig von -0,2% auf ±0,0% angehoben. Im Ergebnis ist für das Gesamtjahr wieder ein BIP-Wachstum von 1,0% in der Eurozone möglich (aktueller Konsensus: +0,6%, vgl. nachfolgende Tabelle).

Nicht nur Irland überrascht positiv
Natürlich hatte dabei wieder Irland seine Hand im Spiel. Der Einbruch im 1. Quartal wurde dort von -12,0% auf -7,0% abgemildert. Gleichzeitig kam es im 2. Vierteljahr zu einer deutlichen Gegenbewegung (+3,9%). Aber auch unter Ausklammerung von Irland überwogen die Überraschungen nach oben. So expandierten die großen drei Euroländer im 2. Quartal immerhin mit jeweils +0,2%, während der Konsensus im Falle Deutschlands und Italiens lediglich von +0,1% ausgegangen war. Der Überflieger bleibt Spanien mit +0,7% (Konsensus: +0,6%), wozu sich aber noch Portugal (+0,8%) und Finnland (+0,9%) gesellen, während die Niederlande (+0,4%) dazwischenliegen (vgl. vorangehende Tabelle). Es gibt also einige Euroländer, die zum wiederholten Male robuste BIP-Zahlen aufwiesen. Entsprechend ist die Eurozone unter Ausklammerung von Irland in den vergangenen vier Quartalen um jeweils rund +0,3% expandiert (vgl. nachfolgende Abbildung). Annualisiert entspricht dies einer Wachstumsrate von 1,2%, was angesichts der mannigfaltigen Störimpulse (allen voran der Irankrieg und die Trump’sche Zollpolitik) beachtlich ist.

Lebenszeichen in Deutschland
Erfreuliche Botschaften kommen auch aus Deutschland. Das Statistische Bundesamt hat eine umfassende Revision der BIP-Zahlen durchgeführt. In diesem Zuge wurde das Wachstum der vergangenen zwei Quartale um jeweils 0,1%-Punkte angehoben (Q4/25: 0,3% statt 0,2%; Q1/26: 0,4% statt 0,3%). Gleichzeitig ist nach den neuen Zahlen das BIP im Jahr 2024 nicht um 0,5% geschrumpft, sondern hat stagniert (±0,0%). Insgesamt zeichnen die aktualisierten Daten ein nicht mehr ganz so düsteres Bild der vergangenen Jahre. Die Folge der Aufwärtsrevision wird an der nachfolgenden Abbildung sichtbar. Zum einen liegt das BIP gegenwärtig immerhin knapp 2% über der Vor-Pandemie-Zeit (Ende 2019). Zum anderen zeigt sich am aktuellen Rand mehr und mehr eine Belebung.

Außenhandel stimuliert
Kehren wir zum 2. Quartal in der Eurozone zurück, so sind noch vergleichsweise wenige Informationen zur Wachstumsstruktur vorhanden. Es scheint jedoch so, dass vor allem der Außenhandel stimuliert hat. Dies war jedenfalls unter anderem in Deutschland und Frankreich der Fall. In Südeuropa setzte sich daneben das robuste Konsumwachstum fort.
Insgesamt hat die Eurozone den Ölpreisschock besser verdaut als anfangs gedacht. Bis vor Kurzem rechnete der Konsensus noch mit einer Stagnation oder bestenfalls einem Mini-Wachstum im 2. Quartal. Ein genereller Grund für die gewachsene Resilienz ist in der abnehmenden Abhängigkeit vom Import fossiler Brennstoffe zu sehen. Beispielhaft sei darauf verwiesen, dass der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung seit Beginn der 2000er Jahre kontinuierlich von rund 10% auf mittlerweile über 40% zugenommen hat. Umgekehrt sank die Bedeutung der fossilen Brennstoffe (vor allem Kohle und Öl) von knapp 50% auf unter 30% (vgl. nachfolgende Abbildung links). Daneben ist aktuell trotz aller Zollturbulenzen, wie oben erwähnt, der Export eine Konjunkturstütze. Vom KI-Hype, der sich besonders im Halbleiter-Boom zeigt (vgl. nachfolgende Abbildung rechts), profitieren auch die Europäer. Schließlich bleiben die finanziellen Rahmenbedingungen günstig, auch wenn sie sich zuletzt nicht weiter verbessert haben.

Europa dürfte weiter positiv überraschen
Blicken wir nach vorne, bleibt der Nahostkonflikt ein Schlüsselfaktor. Sollte sich die Lage dort beruhigen, wovon wir in unserem Basisszenario ausgehen, dürfte dies neue konjunkturpositive Kräfte wecken. Der Konsum würde in diesem Fall von den rückläufigen Energiepreisen und die Investitionen von der abnehmenden Unsicherheit profitieren. Darüber hinaus würden die übrigen stützenden Faktoren fortbestehen. So ist kurzfristig kein Ende des KI-Booms in Sicht, was unter anderem die Berichtssaison zum 2. Quartal gezeigt hat. Demnach planen die Unternehmen ihre KI-Investitionen eher noch auszuweiten, als bereits wieder zurückzufahren. Gleichzeitig kommt in Deutschland in wachsendem Maße die expansive Fiskalpolitik zum Tragen. Die öffentlichen Investitionen in Rüstung und Infrastruktur diffundieren immer stärker in die verschiedenen Sektoren (Elektrotechnik, Informations- und Kommunikationsindustrie, Maschinenbau, Metallerzeugung etc.), was in der deutschen Auftragsstatistik mittlerweile unübersehbar ist. Dass die Unternehmen zunehmend Mut fassen, haben im Juli schließlich auch die Geschäftsklimaumfragen gezeigt, die allesamt deutlich nach oben gesprungen sind.
Unter der Annahme, dass eine Lösung am Persischen Golf gefunden wird, gehen wir daher im 2. Halbjahr 2026 von einer spürbaren Wachstumsbelebung in der Eurozone aus. Die BIP-Zuwächse dürften dann erstmals nach vier Jahren wieder auf annualisiert 2,0% (+0,5% im Vergleich zum Vorquartal) zusteuern. Der damit verbundene Überraschungseffekt sollte auch an den Kapitalmärkten Früchte tragen. Bereits in den vergangenen Wochen hat die Mehrzahl der Daten die Erwartungen übertroffen, was zu einer spektakulären Wende in den Economic Surprise Indices führte, die vom tief negativen in den klar positiven Bereich gedreht haben (vgl. nachfolgende Abbildung). Diese Tendenz wird sich unserer Meinung nach in den kommenden Monaten fortsetzen und für anhaltenden Rückenwind an den europäischen Aktienmärkten sorgen.

Von Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG
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