US-Arbeitsmarkt sendet widersprüchliche und erratische Signale

Der US-Arbeitsmarkt hat im Juli deutlich an Dynamik verloren: 23.000 Stellen wurden abgebaut, frühere Monate kräftig nach unten revidiert. Bantleon-Chefvolkswirt Dr. Daniel Hartmann sieht dennoch keine akute Schwäche und erwartet eine Erholung beim Stellenaufbau. BANTLEON | 10.08.2026 09:10 Uhr
Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG / © e-fundresearch.com / BANTLEON
Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG / © e-fundresearch.com / BANTLEON

Stellensaldo bricht ein

Die Schwankungen und Revisionen am US-Arbeitsmarkt fallen immer gravierender aus. Nachdem es im Frühjahr noch nach einem Beschäftigungsboom aussah – mit monatlichen Stellenschaffungen von über 100.000 –, herrscht nunmehr offensichtlich wieder Katerstimmung. Laut der neuesten Erhebung des Bureau of Labor Statistics wurden im Juli 23.000 Stellen abgebaut (Konsens: +80.000, Bantleon: +95.000). Doch damit nicht genug: Zusätzlich wurden die vergangenen beiden Monate um 103.000 Stellen nach unten korrigiert. Der 3-Monats-Durchschnitt sank damit auf einen Schlag von 122.000 auf 20.000 (vgl. nachfolgende Abbildung). Die Lage am Arbeitsmarkt hat sich demnach im Sommer spürbar eingetrübt.

Dies ist allerdings nur die halbe Wahrheit. In einer getrennten Erhebung (Haushaltsumfrage) wird die Arbeitslosenquote ermittelt und diese ging von 4,2% auf 4,1% und damit zum wiederholten Mal in diesem Jahr zurück. Mit exakt 4,09% liegt die Quote inzwischen auf dem tiefsten Stand seit 1½ Jahren. Laut Umfrage lag der Rückgang der Arbeitslosenzahl in den vergangenen Monaten bei satten 400.000.

Die jüngsten Zahlen unterstreichen damit eindrucksvoll den aktuellen Charakter des Arbeitsmarktumfelds. Die Unternehmen stellen einerseits wenig Personal ein, entlassen andererseits aber auch kaum jemanden. Dazu passt, dass andere Zahlen ebenfalls auf einen geringen Entlassungsdruck hindeuten. Zu nennen sind hierbei unter anderem das niedrige Niveau der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung und die rückläufige Tendenz bei den Ankündigungen von Massenentlassungen (vgl. nachfolgende Abbildung links). Gleichzeitig haben alternative Daten zum BLS-Stellensaldo (ADP) zuletzt auf eine Abschwächung im Beschäftigungsaufbau hingedeutet (vgl. nachfolgende Abbildung rechts).

In die gleiche Richtung deutet der kontinuierliche Rückgang der Partizipationsrate (Erwerbsbevölkerung/Zivilbevölkerung ab 16 Jahren), die im Juli mit 61,4% einen neuen Tiefstand (außerhalb der Pandemiezeit) erreicht hat. Darin spiegelt sich zum einen der demografische Wandel wider (der Anteil der Rentner nimmt zu). Zum anderen aber auch die restriktive Einwanderungspolitik. Viele Stellen können mangels Angebot einfach nicht besetzt werden – auch dies drückt weiter den Stellensaldo.

Probleme in der Saisonbereinigung?

Es stellt sich die Frage, warum der Stellensaldo im Juli so massiv eingebrochen ist. Vor allem vier Sektoren zeichnen dafür verantwortlich.

  • Erstens haben die Kommunalverwaltungen 50.000 Stellen im Bildungswesen abgebaut. Dies könnte an Einsparmaßnahmen liegen. Noch wahrscheinlicher ist jedoch, dass nicht alle Stellen gemeldet wurden. Die Erstmeldequoten sind gerade in den Sommermonaten in den kommunalen Schulbezirken oftmals zu niedrig. Es dürfte hier also in den nächsten Monaten zu Aufwärtsrevisionen kommen.
  • Zweitens ist es im Freizeit- und Gastgewerbe den zweiten Monat in Folge zu einem massiven Stellenabbau gekommen (-40.000 nach -43.000). Damit ist nicht nur ein positiver WM-Effekt ausgeblieben, sondern das genaue Gegenteil eingetreten. Ohne dies kleinzureden, deutet aber auch dies auf ein Problem in der Saisonbereinigung hin, die in diesem Sektor über die Sommermonate besonders ausgeprägt ausfällt.
  • Drittens sind im Einzelhandel 19.000 Stellen abgebaut worden, und zwar speziell bei Großmärkten und Diskountern. Auch das stellt einen Ausreißer dar. Hierzu könnte der zunehmende Margendruck beigetragen haben.
  • Viertens wurde der Gesundheits- und Bildungsbereich seiner Rolle als Jobmotor dieses Mal nur bedingt gerecht. So wurden hier im Juli »nur« 25.000 Stellen geschaffen – der 12-Monats-Durchschnitt liegt bei 51.000.

Stellensaldo sollte sich wieder erholen

Alles in allem lässt sich der enttäuschende Stellensaldo zumindest teilweise mit einmaligen Ausreißern und Problemen in der Saisonbereinigung erklären. Hier dürfte es in den nächsten Monaten zu einer Gegenbewegung kommen. Gleichzeitig sind die Zahlen aber auch ein Beleg für die aktuell niedrige Einstellungsbereitschaft der Unternehmen, die sich im Juli parallel beim ADP-Stellensaldo gezeigt hat. Stellt dies einen Beinbruch dar? Wohl eher nicht! Wie oben bereits erwähnt, zeigt gleichzeitig die rückläufige Arbeitslosenquote, dass die aktuelle Arbeitsmarktlage differenziert zu betrachten ist. Die Unternehmen halten sich nicht nur mit Einstellungen, sondern auch bei den Entlassungen zurück. Aus den meisten Arbeitsmarktindikatoren, die aus Umfragen ermittelt werden, lässt sich ebenfalls keine Arbeitsmarktschwäche ableiten. Im Gegenteil: Die Beschäftigungskomponente des Industrie-ISM ist im Juli erstmals seit Jahren namhaft über die Beschäftigungsschwelle gesprungen (vgl. nachfolgende Abbildung).

Mit Blick nach vorne gehen wir daher davon aus, dass sich der monatliche Stellenzuwachs wieder erholt. Dafür spricht nicht zuletzt die anhaltende Investitionsbelebung in den USA. Da aktuell nur ein kleiner Beschäftigungszuwachs (ca. 50.000 pro Monat) notwendig ist, um die Arbeitslosenquote zu stabilisieren, rechnen wir auch mit einer anhaltend niedrigen Quote, die sich bis zum Jahresende zwischen 4,0% und 4,2% bewegen sollte. Und das ist letztlich auch die entscheidende Botschaft für die Federal Reserve. Die Arbeitslosenquote bewegt sich auf historisch tiefem Niveau. Im Vordergrund dürften daher weiterhin die Inflationszahlen stehen. Solange sich diese deutlich über der Zielmarke bewegen, wird der Druck zu Leitzinsanhebungen anhalten. 

Von Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG

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