Einkaufsmanagerindizes: Eurozone-Industrie auf Vierjahreshoch

Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt bei Bantleon, sieht den Aufschwung in der Eurozone bestätigt: Der Industrie-EMI steigt auf ein Vierjahreshoch, Deutschland führt die Erholung an. Zugleich wächst der Druck auf die EZB, die Leitzinsen weiter anzuheben. BANTLEON | 22.08.2026 08:14 Uhr
Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG / © e-fundresearch.com / BANTLEON
Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG / © e-fundresearch.com / BANTLEON

Die Augustergebnisse zur Einkaufsmanagerumfrage der Eurozone sind überwiegend erfreulich ausgefallen und lagen damit im Rahmen unserer Erwartungen. Speziell der Industrieindex machte mit 52,8 nach 51,9 Punkten einen weiteren Satz nach oben (Konsens: 51,8, Bantleon: 52,1) und markierte ein neues 4-Jahres-Hoch (vgl. nachfolgende Abbildung). Der seit Anfang 2025 bestehende Aufwärtstrend hat sich damit wieder beschleunigt. Im Gegensatz dazu ist der Service-EMI bei 51,7 Punkten stagniert – immerhin hat er sich weiter erkennbar über der Expansionsschwelle gehalten (Konsens: 51,5, Bantleon: 52,5). Die Hitzewelle dürfte einer weiteren Verbesserung entgegengewirkt haben. Insgesamt kam es dank des verarbeitenden Gewerbes auch beim Composite-EMI zu einem kleinen Anstieg von 52,0 auf 52,1 Punkte. Der Konsens hatte dagegen – nach dem Höhenflug der Vormonate – mit einem Rückgang auf 51,7 gerechnet (Bantleon: 52,4). Das aktuelle Niveau deutet auf robustes Wachstum von 0,3% bis 0,4% hin (im Vorquartalsvergleich).

Klassische Arbeitsteilung: Deutschland liefert bei der Industrie, Südeuropa bei den Dienstleistungen

Mittlerweile hat sich in der Eurozone auch wieder die klassische Arbeitsteilung eingestellt: Deutschland schiebt maßgeblich die Industrie an, Südeuropa sorgt für Rückenwind im Dienstleistungssektor. Der deutsche Industrie-Index sprang jedenfalls von 52,2 auf 54,1 Punkte (= höchster Stand seit Mai 2022) und deutet damit auf ein spürbares Produktionsplus im verarbeitenden Gewerbe hin. Dem stand allerdings im Servicesektor eine Abschwächung gegenüber, sodass sich der deutsche Composite kaum bewegte (51,0 nach 51,3 Punkten). In Italien und Spanien hat sich der Composite-EMI hingegen – angetrieben vom Servicesektor – kräftig verbessert. Erste definitive Ergebnisse liegen hier zwar erst mit der finalen Schätzung vor. Nach unseren Berechnungen kletterte der Composite-EMI in diesen Ländern aber von 54,6 auf 55,6 Punkte, was einem mehrjährigen Höchststand entspricht (vgl. nachfolgende Abbildung). Die Konjunktur brummt im Süden also richtig. Anders sieht es in Frankreich aus, das den Ausreißer nach unten darstellt. Offensichtlich auch wegen der Hitzewelle ist der Service-EMI hier deutlich gefallen (48,4 nach 49,6), was zugleich den Composite nach unten zog (48,8 nach 49,4).

Deutsche Industrie im Höhenflug: Belebung wird breiter

Blicken wir in die Details, ist besonders erfreulich, dass sich die deutsche Industrie im Höhenflug befindet – ganz im Gegensatz zu den Negativschlagzeilen in den Medien. Die Outputkomponente machte im August einen Sprung von 54,7 auf 56,7 Punkte (höchster Stand seit Januar 2022) und strebt damit allmählich auf die 60-Punkte-Marke zu (vgl. nachfolgende Abbildung). Die Befürchtung, es könnte wegen der nach hinten verschobenen Werksferien (z.B. bei VW) zu einer Gegenbewegung kommen, hat sich nicht nur nicht bewahrheitet, sondern hat sich sogar ins Gegenteil verkehrt. Es gibt zudem immer mehr Anzeichen dafür, dass die Belebung breit fundiert ist. Ein Indiz sind die Exportaufträge, die von 52,3 auf 55,5 Punkte in die Höhe schnellten (vgl. nachfolgende Abbildung). Es ist also nicht nur die inländisch expansive Fiskalpolitik, die antreibt – Impulse kommen auch aus dem Ausland. Dies bestätigen die verbalen Antworten der Umfrageteilnehmer: Als Gründe für die Nachfragebelebung werden unter anderem Lageraufstockungen, Rüstungsaufträge und der Ausbau der Rechenzentren genannt. Der Rückenwind kommt somit aus verschiedenen Quellen. Selbst bei der Beschäftigung gibt es erste Lebenszeichen. Der entsprechende Teilindex stieg in Deutschland von 45,4 auf 47,8 Punkte (Eurozone: 50,1 nach 48,7). Das ist hierzulande zwar immer noch unter der Expansionsschwelle, der Entlassungsdruck lässt aber nach.

Servicesektor: Hitzewelle bremst Frankreich, Tourismus stützt Südeuropa

Im Servicesektor hat wie erwähnt in Frankreich die Hitzewelle einen Strich durch die Rechnung gemacht. In den anderen südeuropäischen Ländern war jedoch das Gegenteil der Fall. Gemäß S&P Global hat hier der Tourismussektor (und angrenzende Bereiche) über so gute Geschäfte wie seit drei Jahren nicht mehr berichtet.

Der Inflationsdruck hat gemäß den Input- und Outputkomponenten seit Mai nachgelassen. Die Indexstände bewegen sich aber immer noch auf deutlich erhöhtem Niveau und haben im August – im Vergleich zu Juli – kaum noch nachgegeben (vgl. nachfolgende Abbildung).

Fazit: Industrieaufschwung gewinnt an Breite, EZB bleibt unter Zugzwang

Zieht man ein Fazit, sehen wir uns durch die jüngsten Ergebnisse in unserer positiven Einschätzung zur Konjunktur der Eurozone bestätigt. Vor allem der Industrieaufschwung gewinnt immer mehr an Breite, was der 4-jährige Höchststand im Industrie-EMI nachhaltig unterstreicht. Dieser Befund steht in auffallendem Widerspruch zu dem oft zur Schau gestellten Dauerpessimismus. Der Rückenwind von den Großaufträgen im Bereich Rüstung und Infrastruktur, der globale KI-Boom, das anhaltend hohe Expansionstempo in den Schwellenländern (inklusive Osteuropa) und die nach wie vor günstigen finanziellen Rahmenbedingungen wiegen schwerer als die Störimpulse aus dem Nahen Osten. In den kommenden Monaten gehen wir davon aus, dass die expansiven Fiskalimpulse noch stärker werden und die übrigen Stützfaktoren zumindest nicht abflauen. Risikofaktor bleibt der Irankrieg; in unserem Basisszenario unterstellen wir hier keine weitere Eskalation. Entsprechend dürfte der Einkaufsmanagerindex (Industrie und Composite) der Eurozone bis Anfang 2027 weiter aufwärtsgerichtet bleiben. Parallel sollte sich das BIP-Wachstum auf annualisiert 2,0% hochschrauben (aktuell 1,0% bis 1,5%).

Für die EZB bleibt damit der Druck erhalten, die Leitzinsen weiter anzuheben, zumal die Teuerungsgefahren kaum zurückgehen. Der Leitzins sollte daher mindestens noch um 25 Basispunkte angehoben werden (auf 2,50%). Je nach Wachstumsdynamik Anfang 2027 sind aber noch weitere Schritte möglich, sodass die Depositenrate am Ende bei 3,00% liegen könnte.

Von Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG

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