CIO Weekly | Beim Thema bleiben

Wenn Inflation, Zinsen und Unsicherheit steigen, scheint Bargeld naheliegender als Investmentstrategien in den Wandel. Verpassen Anleger das Potenzial von Themenanlagen? Neuberger Berman | 25.05.2022 13:15 Uhr
Hari Ramanan, CIO of Global Research Strategies bei Neuberger Berman / © Neuberger Berman
Hari Ramanan, CIO of Global Research Strategies bei Neuberger Berman / © Neuberger Berman
Archiv-Beitrag: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Die heutigen CIO Weekly Perspectives stammen von unserem Gastautor Hari Ramanan.

Themenstrategien trauen wir eine Menge zu. Wir glauben, dass sie auf neue Unternehmen setzen, die ganze Branchen grundlegend verändern und neue Märkte erschließen. Sie investieren aber auch in etablierte Firmen, für deren marktführende Produkte sich überraschende neue Einsatzmöglichkeiten finden.

Wir wissen aber auch, dass Anleger bisweilen andere Prioritäten haben. Wenn Inflation, Zinsen und Unsicherheit weltweit zunehmen, scheint Bargeld interessanter zu sein als Investitionen in die Märkte von morgen.

Doch wer so denkt, kann viel verpassen. Lesen Sie, warum man Themenstrategien auch jetzt nicht völlig ignorieren sollte.

Duration

Bei Themenstrategien denken die meisten Anleger an IT- und Wachstumsaktien – und an ihre lange Duration, weil die Unternehmensgewinne langfristig steigen. Darin steckt mehr als ein Körnchen Wahrheit, und die Duration ist auch der Grund dafür, dass viele Themenstrategien seit Jahresbeginn so stark unter Druck gerieten.

Aber das ist nicht alles.

Wenn man die Themen umfassend genug definiert, können auch Themenportfolios diversifiziert sein, zumal man sie passend zum Konjunkturumfeld umschichten kann. Keineswegs muss ein Themenportfolio eine besonders lange Duration haben, wenn die Zinsen zu steigen beginnen. Mitnichten sind Themenaktien immer spekulative Wachstumswerte.

Wie erwähnt, finden viele etablierte Firmen neue Anwendungen für ihre marktführenden Produkte. Wir rechnen hier mit steigenden Gewinnen und einem Wachstumspotenzial, das in den Kursen noch nicht immer berücksichtigt ist.

Interessant könnten aber auch mäßig wachsende Unternehmen mit wachstumsstarken Sparten sein. Sie könnten irgendwann zur wichtigsten Ertragsquelle werden oder als Spin-off an die Börse kommen. Heute sind solche Firmen oft nur mäßig bewertet. Zugleich erwirtschaften sie aber mit ihren etablierten Produkten und Dienstleistungen hohe Cashflows.

Hinzu kommt, dass manche Technologiesparten durchaus von jenen Entwicklungen profitieren, die auch die Zinsen steigen lassen. Für Halbleiterfirmen sind Chipmangel und Lieferengpässe ein Segen, und der russische Angriff auf die Ukraine sorgt für ein neues Interesse an Cybersicherheit.

Neue und alte Branchen

Manche Investmentthemen haben aber überhaupt nichts mit Technologie zu tun.

Unternehmen können den digitalen Fußabdruck der immer stärker vernetzten Generationen Y und Z nutzen, deren konsumfreudigste Lebensphase bald beginnt. Für den klassischen Einzelhandel kann das ebenso interessant sein wie für den Onlinehandel.

So könnte die Nachfrage nach digitalen Finanzdienstleistungen oder Produkten für das Metaversum steigen. Spannende Themen könnten auch Hausrenovierung, Reisen, Mode und ethischer Konsum sein. Etablierte Konsumgüterfirmen profitieren davon, vor allem, wenn sie schon jetzt viel Preismacht haben und hohe Cashflows erwirtschaften.

Spannend können auch interessante Kombinationen aus neuen und alten Branchen, Hochtechnologie und Sachwerte sein.

Besonders deutlich zeigt sich das in einem der vielversprechendsten und bekanntesten Investmentthemen unserer Zeit: der Energiewende.

Die meisten Unternehmen in einem Energiewende-Portfolio erwirtschaften einem wesentlichen Teil ihres Umsatzes mit Produkten und Dienstleistungen, die etwas mit sauberer Energie oder der Elektrifizierung der Wirtschaft zu tun haben. Man denke an Versorger sowie Hersteller von Solarmodulen und Windkraftanlagen, aber auch an den Energiesektor. Mit solchen Anlagen kann man sich nicht nur vor der aktuellen Inflation schützen, sondern auch vor einem zukünftigen Preisauftrieb infolge noch teurerer Energie.

Fundamentales Wachstum

Diese wichtigen Ausnahmen ändern aber nichts daran, dass Themenstrategien meist wachstumsorientiert sind und hinter dem Markt zurückbleiben, wenn vor allem Substanzwerte, defensive Anlagen und Kasse gefragt sind.

Das Besondere an gut durchdachten Anlagethemen ist jedoch, dass sie nicht beim ersten Anzeichen einer Inflation oder einer Rezession einfach verschwinden sollten. Manche spekulativere Unternehmen könnten Probleme bekommen, doch glauben wir, dass attraktive Aktien mit stabilen Fundamentaldaten auch in zwei Jahren noch genauso spannend sind wie heute. Wenn ein Investmentthema wirklich relevant ist, spricht sogar viel für noch mehr fundamentales Wachstum.

Demnach wären wachstumsstarke Themenaktien heute attraktiver bewertet als vor fünf Monaten. Wird sich die Marktstimmung dennoch verschlechtern? Möglich ist es. Die Bewertungen des NASDAQ 100 Index, gemessen etwa am Kurs-Gewinn-Verhältnis, sind schon wieder ähnlich wie vor der Pandemie, und beim Quotienten aus Unternehmenswert und Umsatz ist es nicht anders. Bei einem gleichgewichteten Portfolio aus Software-as-a-Service-Aktien – wachstumsstarken Qualitätstiteln, bei denen Rezessionssorgen einen heftigen Ausverkauf verursachten, bevor sie sich kräftig erholten – ist der Quotient jetzt wieder so hoch wie vor früheren Marktkorrekturen, etwa im März 2020 und im Dezember 2018. Das zeigen Daten von Bloomberg.

Keineswegs sollte man aber jetzt auf Themenanlagen verzichten. Im Gegenteil: In den nächsten Monaten sollte man sich sehr intensiv damit befassen.

Hari Ramanan, CIO of Global Research Strategies bei Neuberger Berman

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