Die Lage in der Straße von Hormus bleibt festgefahren, der Schiffsverkehr ist nahezu zum Erliegen gekommen. Dennoch zeigen die Aktienmärkte eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit. Der Grund ist einfach - und in zwei Buchstaben auszudrücken: KI
Die laufende Berichtssaison hat die starke Dynamik des Sektors und vor allem die außergewöhnliche Profitabilität der Halbleiter- und Speicherhersteller (RAM) bestätigt. Dieses Thema ist global und verdeutlicht, dass es heute wichtiger ist, in den richtigen Gewinnersektoren investiert zu sein, als sich auf die geografische Allokation zu konzentrieren. So war es zwar eindeutig besser, in Korea oder den USA statt in Europa positioniert zu sein – entscheidender aber war die Selektion: Wer auf TSMC oder ASML setzte, schnitt deutlich besser ab als derjenige, der in Gesundheitswesen oder Konsumgüter investierte.
Die zentrale Frage lautet heute: Setzt sich dieser Trend fort, oder ist er bereits zu weit gelaufen? Derzeit spiegeln die Kursgewinne dieser Unternehmen verbesserte Gewinnaussichten wider, während die Bewertungen sich nicht grundlegend von denen vor zwei oder drei Jahren unterscheiden. Diese Beobachtung lässt sich auf den Großteil der Aktienmärkte ausdehnen: Die diesjährigen Kursgewinne sind in erster Linie auf Gewinnwachstum zurückzuführen und weniger auf höhere Bewertungen.
Längerfristig stellen sich jedoch mehrere Fragen – insbesondere die der Zirkularität: Der Gedanke, dass die Ausgaben eines Unternehmens zum Umsatz eines anderen werden. Gemeint sind hier vor allem die US-amerikanischen Hyperscaler, die ein ganzes Ökosystem tragen. Ist der Anstieg dieser Ausgaben, deren Rendite bislang noch unsicher ist, auf Dauer tragfähig? Diese Frage bleibt offen.
Abschließend sei zum Thema KI noch der bevorstehende Börsengang von SpaceX erwähnt, dessen Bewertung bis zu zwei Billionen US-Dollar erreichen könnte – das entspricht sechs Prozent des US-BIP und würde das Unternehmen trotz anhaltender Verluste unter die zehn größten Konzerne der Welt einreihen. Diese Dimensionen verdeutlichen, dass KI-bezogene Themen zunehmend makroökonomische Relevanz gewinnen.
Auf makroökonomischer Ebene sticht zurzeit vor allem der ausgeprägte Kontrast in der Konjunkturdynamik zwischen Europa und den USA hervor, wie er sich im Auseinanderdriften der wirtschaftlichen Überraschungsindizes beider Regionen zeigt. Die Gründe liegen auf der Hand: Die USA profitieren in vollem Umfang vom KI-Boom, der in Europa weitgehend ausbleibt, und sind zudem deutlich weniger vom Anstieg der Energiepreise betroffen.
Da beide Regionen kurzfristig ähnliche Inflationsdynamiken aufweisen, erscheint die aktuelle Markterwartung erklärungsbedürftig: Die Märkte preisen für die Eurozone in den kommenden zwölf Monaten drei Zinssenkungen ein, für die USA hingegen nur eine. Die Ausgangsniveaus der Zinsen unterscheiden sich zwar, doch das Risiko, dass steigende Energiepreise auf die Gesamtwirtschaft durchschlagen, scheint in den USA deutlich höher. Die fiskalpolitische Reaktion – bislang moderat – bleibt ein entscheidender Faktor für die Zinsentwicklung in den kommenden Monaten.
Zur Lage im Nahen Osten sei noch folgendes angemerkt: Die Zeit arbeitet gegen uns. Der Preisauftrieb war bislang beherrschbar – dies setzt jedoch voraus, dass die Straße von Hormus bald wieder annähernd normal befahren werden kann. Sollte sich die Situation über den Sommer nicht entspannen, dürfte ein rascher Lagerabbau die Ölindustrie vor eine ernsthafte Herausforderung stellen.
In diesem von großer Unsicherheit geprägten Umfeld halten wir fest an einer Aktienallokation nahe unseren Benchmarks, einer Übergewichtung in Anleihen der Eurozone sowie einer konstruktiven langfristigen Perspektive für Gold und Industrierohstoffe.
Von François Rimeu, Senior Strategist, Crédit Mutuel Asset Management
Quelle: Bloomberg, Stand: 21.05.2026
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