Zu den hinlänglich bekannten Problemen einer Anlage gehört, dass Renditen relativ sind: Im Nachhinein also kann jeder sehen, was auch zuvor schon mehr als offensichtlich war. Tatsache ist, dass eine erfolgreiche Anlage nicht ohne einen gewissen Schmerz, ob emotionaler oder finanzieller Natur, auskommt. Letzterer kann relativ, also im Vergleich zu einer Benchmark, oder absolut sein, also ausgedrückt als Kursveränderung. Zusätzlich kompliziert wird das Ganze dadurch, dass das Vertrauen jedes einzelnen Anlegers im Wesentlichen Ausdruck der vorherrschenden Marktstimmung zum Zeitpunkt des Kaufs bzw. Verkaufs ist. Dabei gilt als Faustregel, dass die Stimmung üblicherweise auf dem Markthoch am optimistischsten und auf dem Markttief am pessimistischsten ist.
Auch wenn es durchaus schwerfällt zu argumentieren, dass Euroland-Aktien noch so günstig zu haben sind wie vor einer Weile – schließlich sind sie in den letzten zwei Jahren um mehr als 30% im Wert gestiegen – erscheinen sie relativ gesehen aus unserer Sicht immer noch nicht teuer. Zumal im Vergleich mit anderen etablierten Märkten.
Für stärker international ausgerichtete Anleger, die sich auf Abschläge basierend auf längerfristigen, konjunkturbereinigten Bewertungskriterien konzentrieren, haben Euroland-Aktien zweifellos Wertpotenzial zu bieten. Vor allen anderen haben US-Investoren offenbar die Chancen erkannt, die Aktien aus Europa und der Eurozone bieten, und ihr Engagement seit Jahresbeginn ausgeweitet. Für zusätzlichen Rückenwind sorgen die Wirtschaftsnachrichten aus der Eurozone, aus denen eine breit angelegte, wenn auch verhaltene Erholung spricht. Angesichts niedriger Anleiherenditen und billigen Geldes entwickeln sich Aktien immer mehr zur bevorzugten Anlageklasse. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch die unterdurchschnittliche Wertentwicklung europäischer Aktien verglichen mit dem entsprechenden Markt für Kreditausfallversicherungen (CDS), der sich in den letzten Jahren spürbar erholt hat. Entweder liegt der CDS-Markt ganz offensichtlich falsch oder europäische Aktien sollten ihren Aufwärtstrend fortsetzen. Mit einem Satz: Auf kurze Sicht erscheint das Umfeld für Euroland-Aktien jedenfalls günstig.
Im Rahmen unseres Investmentprozesses spielen Bewertungen eine zentrale Rolle. So haben wir etwa eine Position bei Grifols aufgebaut, und zwar über die vom führenden Blutplasmaspezialisten ausgegebenen „B“-Aktien. Diese werden, weil nicht stimmberechtigt, mit einem erheblichen Abschlag gegenüber A-Aktien gehandelt. Da sich aber ein Großteil der A-Aktien im Besitz der Grifols-Familie befindet, erscheint der Abschlag in dieser Höhe nicht gerechtfertigt. Er bietet uns auf der anderen Seite die Chance, einen „Wachstumswert“ zu einem erschwinglichen Preis zu erwerben. Die Aussichten für das Unternehmen sind rosig, denn in den Schwellenländern bieten sich erhebliche Chancen. Überdies dürfte der Gewinn in nächster Zeit von den zuletzt gesunkenen Finanzierungskosten des Konzerns profitieren.
Natürlich könnten Anleger auf die sattsam bekannten Probleme in der Eurozone als Grund für die Abschläge verweisen, mit denen Titel aus der Region gehandelt werden. So wie sich die Probleme aber zunehmend auflösen, sollten auch die Abschläge schrumpfen. Das Wirtschaftswachstum in Europa nimmt Fahrt auf, die politische Unsicherheit schwindet und die Konsolidierung scheint auf einem guten Weg, da die Unternehmen einen Teil ihres streng gehüteten Barvermögens wieder investieren. Vor diesem Hintergrund sollten die Unternehmen in der Eurozone wieder in der Lage sein, ihre Kapitalrenditen zu steigern und damit letztlich die Aktienkurse zu beflügeln.
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