Nach 43 Tagen endet der längste Shutdown der US-Geschichte und übertrifft den 35-Tage-Stillstand von 2018/19. Rund 1,4 Mio. Bundesbedienstete waren betroffen und erhalten nun rückwirkend ihre Gehälter. Die Märkte atmeten nur kurzfristig auf. Jetzt bleibt abzuwarten, wie die ausgebliebenen Makrodaten ausfallen werden. Zuletzt rückten wieder konjunkturelle Fragen in den Vordergrund, die die Märkte nach unten drückten.
Wachstum: Dämpfer im 4. Quartal, Rebound im 1. Quartal
Ökonomisch schlägt der Shutdown zunächst als klassischer Nachfrage-Schock zu Buche: ausbleibende Löhne, verzögerte Zahlungen an Lieferanten und verunsicherte Haushalte. Bloomberg kalkuliert, dass das BIP-Wachstum im 4. Quartal 2025 um rund 1,3% (annualisiert) gedrückt wird - statt gut 1,8% ohne Shutdown dürfte die US-Wirtschaft nur noch etwa 0,5% wachsen1. Wie bei früheren Shutdowns ist der Effekt jedoch überwiegend temporär und es kommt zu einem „Nachholeffekt“. Entsprechend rechnen viele Häuser – im Einklang mit Bloomberg Economics – im 1. Quartal 2026 mit einem BIP-Wachstum von rund 2,5% annualisiert, womit ein Großteil der Verluste bis zum Frühjahr wieder aufgeholt wäre.
Datenflaute: Märkte und Fed im Blindflug
Für Finanzmärkte war der gravierendste Aspekt weniger der direkte BIP-Effekt als der „Daten-Blackout“. Damit fehlen der Fed vor ihrer Dezembersitzung wichtige Daten für eine ohnehin umstrittene weitere Zinssenkung. Zwar dürften im Laufe der nächsten Wochen nach und nach die noch vor dem Shutdown erhobenen September-Daten (Arbeitsmarkt, Einzelhandelsumsätze, PCE, Q3-BIP) nachgereicht werden. Die Daten für Oktober dürften jedoch ausbleiben, weil sie nicht erhoben wurden, und das erhöht die Unsicherheit über die tatsächliche Konjunktur- und Preisdynamik. Die Chancen für eine Zinssenkung sehen die Märkte derzeit bei 50:50.
Inflation, Ölpreis und die Fed: Etwas mehr Spielraum – aber keine Entwarnung
Auf der Inflationsseite wirkt die aktuelle Ölpreisentwicklung leicht entlastend. Brent-Öl ist seit Jahresbeginn deutlich gefallen und die US-Energiebehörde EIA erwartet in ihrem jüngsten Ausblick weiter sinkende Durchschnittspreise bis Ende 2025 und ein Niveau von rund 55 USD/Barrel im Jahr 2026. Kurzfristig reduziert das den Druck auf die Inflation und verschafft der Fed etwas Spielraum, einen schwächeren Daten- und Wachstumspfad mit einer weiteren Zinssenkung zu beantworten. Dem steht gegenüber, dass fiskalische Impulse und strukturelle Faktoren, wie restriktivere Einwanderungspolitik das Potenzialwachstum dämpfen und Lohn- wie Preisdruck mittelfristig erhöhen dürften.
Märkte: Kurze Erleichterung, dann rücken Fed und AI-Bewertung wieder in den Fokus
Die Renditen sind bei längeren Laufzeiten, vor allem bei 10-jährigen US-Treasuries, wieder angestiegen. Zum einen reflektiert das die (noch) robuste Wachstumsdynamik in den USA, getrieben durch massive Investitionen in Künstliche Intelligenz. Zum anderen rückt mit dem Ende des Shutdowns die Frage nach der Fiskalnachhaltigkeit wieder stärker in den Fokus: Das Defizit bewegt sich bereits in Richtung 7–8% des BIP, und neue Vorschläge wie eine „Zoll-Dividende“ von 2.000 USD pro Person würden die Haushaltslage weiter belasten.
An den Aktienmärkten folgte das Drehbuch zunächst dem klassischen Muster „buy the rumor, sell the news“. Als sich eine Einigung abzeichnete, stiegen die Aktienmärkte Anfang letzter Woche; nach der tatsächlichen Einigung setzte dann eine Abwärtsbewegung ein. Der S&P 500 gab teils um 2% nach, der Nasdaq 100 noch stärker1, belastet durch Gewinnmitnahmen bei AI-Highflyern und eine Rücknahme der Erwartungen an einen raschen Fed-Zinsschnitt im Dezember. Nichtsdestotrotz stehen die Aktienmärkte höher als zu Beginn des Shutdowns – also kein Grund zur Panik. Wir bleiben in unserer Investmentstrategie weiterhin Aktien übergewichtet.
Von Clemens Fontner, M.A., Portfolio Manager bei der Kathrein Privatbank
1 Bloomberg, 14.11.2025
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