Zum Jahreswechsel neigen wir dazu, nach Orientierung zu suchen. Doch an der Börse bewahrheitet sich jedes Jahr aufs Neue die alte Weisheit: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Dieses Zitat wird häufig dem Physiker Niels Bohr, dem Komiker Karl Valentin, aber auch Winston Churchill und Mark Twain zugeschrieben. Es dürfte jedoch aus dem Dänischen stammen.
Das zugrunde liegende Problem ist fundamental: Das Investieren auf Basis von Vergangenheitsdaten ähnelt oft dem Versuch, ein Auto sicher nach vorne zu steuern, indem man ausschließlich in den Rückspiegel blickt. Wir sehen zwar klar, woher wir kommen (die Charts der Vergangenheit), aber die Kurve, die direkt vor uns liegt, bleibt verborgen.
Für das Jahr 2026 möchten wir Sie daher einladen, die gängigsten Börsenweisheiten nicht als starre Dogmen, sondern als das zu betrachten, was sie wirklich sind: wunderbare Paradoxien. Denn für jeden Ratschlag lässt sich ein Gegenvorschlag finden. Lassen Sie uns einen kleinen Exkurs durch diesen Fundus der widersprüchlichen Weisheiten unternehmen – begleitet von den großen Geistern der Finanzgeschichte.
„Offensichtlich muss man nicht in der Lage sein, den Aktienmarkt vorherzusagen, um mit Aktien wirklich Geld zu verdienen.“
Viele Anleger zerbrechen sich den Kopf über den perfekten Einstiegszeitpunkt. Doch schon der legendäre Fondsmanager Peter Lynch (*1944) beruhigte uns mit der obigen Erkenntnis: Es ist die Befreiung von dem Zwang, die Zukunft kennen zu müssen. Wer versucht, den Markt zu timen, scheitert oft an der eigenen Psyche oder der Unberechenbarkeit der Masse. Selbst einer der größten Physiker, Isaac Newton (1643 – 1727), musste dies schmerzlich erfahren, als er in der Südsee-Blase ein Vermögen verlor. Sein resigniertes Fazit: „Ich kann die Bahn der Himmelskörper auf Zentimeter und Sekunden genau berechnen, aber nicht, wohin die verrückte Menge einen Börsenkurs treiben kann.“
Der charmante Widerspruch (und die Lösung): Wenn wir nicht wissen, wann der Markt dreht, wie handeln wir dann? Amschel Meyer Rothschild (1744 - 1812) gab darauf die vielleicht ehrlichste Antwort aller Zeiten: „Ich habe bei meinen Börsenspekulationen nie zu den Dummköpfen gehört, die immer wieder den unmöglichen Versuch machen, nur zum niedrigsten Kurs zu kaufen und zum höchsten zu verkaufen.“
Verabschieden Sie sich von der Illusion des perfekten Timings. Der „richtige“ Preis ist der, den man zahlt, um an der langfristigen Wertschöpfung teilzuhaben.
"The Wall of Worry"
Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheit zögern wir oft, zu investieren. Es fühlt sich falsch an, optimistisch zu sein, wenn die Welt im Chaos versinkt. Doch hier greift eine der ältesten Wall-Street-Metaphern: „Aktienkurse klettern an einer Mauer aus Sorgen empor.“
Märkte steigen oft nicht wegen guter Nachrichten, sondern trotz schlechter Nachrichten – einfach weil die Erwartungen noch düsterer waren als die Realität. Sir John Templeton (1912 – 2008) hat diesen Zyklus meisterhaft in Worte gefasst: „Bullenmärkte werden im Pessimismus geboren, wachsen in der Skepsis, reifen im Optimismus und sterben in der Euphorie.“
Solange wir uns also noch Sorgen machen (Skepsis), ist der Markt oft gesünder, als wir glauben. Um von diesem Anstieg zu profitieren, muss man Schmerzen ertragen können. André Kostolany (1909 – 1999) brachte es auf den Punkt: „Börsengewinne sind Schmerzensgelder. Erst kommen die Schmerzen, dann das Geld.“ Und wer diese Schmerzen (Volatilität) vermeiden will? Kostolanys berühmter Rat lautet: „Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten, und schauen Sie die Papiere nicht mehr an.“ Das gilt natürlich nur für ein breit diversifiziertes Portfolio; mit einem Fokus auf einige wenige Einzeltitel könnte diese Übung nicht gelingen.
„Wer nichts waget, der darf nichts hoffen.“
Friedrich Schiller, der nicht als Investor bekannt ist, wusste in seinem Wallenstein bereits, dass ganz ohne Risiko keine Rendite winkt. In einer Welt, in der Geld gedruckt werden kann, bleiben reale Sachwerte der Anker. Aktien sind nichts anderes als Produktivkapital – Anteile an echten Fabriken, Patenten und Erträgen. Das wahre Wagnis ist der Schritt in den Kapitalmarkt, die Investition in Sachwerte, wohl wissend, dass man damit ein Risiko eingeht.
Nicht jeder Investor möchte die volle Härte der Aktienmärkte spüren. Wer gut schlafen möchte, darf und soll beimischen: Anleihen oder Gold als Puffer. Hier lohnt ein Blick in die Antike. Eine alte jüdische Weisheit (aus dem Talmud) empfiehlt eine Aufteilung, die als „Speichenregel“ bekannt ist: „Ein Mensch sollte sein Geld stets in drei Teile teilen: ein Drittel in Land, ein Drittel in Handelswaren und ein Drittel behalte er flüssig in der Hand.“
Übersetzt in das Jahr 2026 bedeutet dies:
• 1/3 Immobilien (Land)
• 1/3 Aktien (Handelswaren/Unternehmensbeteiligungen)
• 1/3 Gold/Anleihen (als liquide Reserve und sicherer Hafen)
Diese Speichenregel taucht immer wieder auf. Da sich die Finanzmärkte seit der Antike weiterentwickelt haben, sollte man die Drittelung vielleicht nicht zu wörtlich nehmen. Sie zeigt jedoch, dass der Grundgedanke der Diversifizierung schon weit zurückreicht.
Die Conclusio für 2026
Investieren bleibt eine Kunst, die Demut verlangt. Wir wissen nicht exakt, was 2026 bringt. Aber wir wissen, was langfristig funktioniert: Qualität, Geduld und Streuung.
Es gibt ein valides Argument gegen das reine, blinde „Index-Investieren“, das besagt: Wer nur den Index kauft, kauft auch den „Abfall“, der darin enthalten ist. Eine selektive Auswahl von Qualitätsunternehmen (Stock Picking) hat also durchaus ihre Berechtigung. Die schönste Zusammenfassung liefert uns erneut Sir John Templeton: „Der einzige Investor, der nicht diversifizieren sollte, ist der, der immer 100% richtig liegt.“ Da wir alle fehlbar sind, ist Diversifikation kein Eingeständnis von Schwäche, sondern ein Zeichen von Intelligenz.
Von Harald Besser, Leiter Portfolio Management bei der Kathrein Privatbank
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