Der zweiwöchige Waffenstillstand zwischen den USA und Iran seit dem 8. April sorgt für ein Durchatmen. Doch ist der Konflikt damit wirklich gelöst? Zwar hat die Einigung auf einen Waffenstillstand im Mittleren Osten die Unsicherheit reduziert, jedoch ist diese keineswegs vollständig beseitigt. Die Euphorie könnte daher überzogen sein. Die vereinbarten Verhandlungspunkte sind aus unserer Sicht nicht ohne Weiteres durchsetzbar. So soll die Waffenruhe für die gesamte Region gelten, wobei Israel bereits erklärt hat, sich nicht an eine Waffenruhe im Libanon halten zu wollen. Zudem fehlt bislang eine verbindliche Zusage des Iran, die strategisch wichtige Straße von Hormus offen zu halten. Die globale Wirtschaftslage bleibt weiterhin fragil.
Die Luftangriffe der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar führten zu einer faktischen Blockade der Straße von Hormus, wodurch rund 20 % des weltweiten Öltransports unterbrochen wurden (Quelle: Bloomberg, 2.4.2026). Dieser Versorgungsschock trieb den Brent-Rohöl-Preis im März von rund 61 USD pro Barrel auf einen Höchststand von etwa 111 USD pro Barrel (Quelle: Bloomberg, 2.4.2026), was Inflationsängste wieder aufflammen ließ und eine Neubewertung der Zinspfade der Zentralbanken erzwang. Das vorherrschende Narrativ besagt, dass es sich um einen geopolitischen Versorgungsschock handelt und nicht um eine nachfragebedingte Entwicklung.
Ölpreis weiterhin hoch
Ein anhaltend hoher Ölpreis wirkt dämpfend auf das Wirtschaftswachstum. Eine Faustregel besagt, dass ein Anstieg des Ölpreises um 10 % das Wirtschaftswachstum um etwa 0,1 % reduziert. In den vergangenen Wochen kam es aufgrund der Konflikte zu massiven Angebotsengpässen, da nahezu kein Öl aus dem Mittleren Osten exportiert wurde. Diese Versorgungsschocks dürften durch die Zerstörung von Infrastruktur weiter anhalten, was den Ölpreis auf einem hohen Niveau stabilisieren könnte.
Inflation wieder höher
In ihrer März-Sitzung hob die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Inflationsprognose für 2026 auf 2,6 % an und senkte die Prognose für das BIP-Wachstum auf 0,9 % (Quelle: Bloomberg, 2.4.2026). Der Iran-Konflikt führte zu einer signifikanten Änderung der Markterwartungen hinsichtlich der Geldpolitik der EZB. Vor dem 1. März 2026 gingen Marktteilnehmer von möglichen Zinssenkungen im Jahr 2026 aus. Die Inflation in der EU könnte aufgrund hoher Öl- und Gaspreise sowie infolge von Zweitrundeneffekten wieder über 3 % steigen. Folglich ist davon auszugehen, dass die Inflation über den Zielmarken der Zentralbanken verbleiben könnte.
Eine zentrale Frage, die sich nun viele Marktteilnehmer stellen, lautet: „Wie lange wird der Waffenstillstand andauern?“ Insgesamt bleiben wir daher vorsichtig und sehen die aktuelle Marktreaktion als vorläufige Erholung, die die zugrundeliegenden Risiken und Unsicherheiten nicht vollständig widerspiegelt.
Von Josef Stadler, Portfoliomanager, Kathrein Privatbank
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