Die unbequeme fossile Realität

Geopolitische Spannungen und steigende Ölpreise zeigen: Die globale Wirtschaft bleibt stark von fossilen Energien abhängig. Warum die Energiewende langsamer voranschreitet als gedacht und welche strukturellen Risiken sich daraus für Märkte und Investoren ergeben. Kathrein Privatbank | 24.04.2026 08:20 Uhr
Harald Besser, Leiter Portfolio Management bei der Kathrein Privatbank / © e-fundresearch.com / Kathrein Privatbank
Harald Besser, Leiter Portfolio Management bei der Kathrein Privatbank / © e-fundresearch.com / Kathrein Privatbank

Die jüngsten geopolitischen Eskalationen im Nahen Osten sowie Störungen zentraler Handelsrouten, wie der Straße von Hormus, haben der Weltöffentlichkeit erneut verdeutlicht, wie stark die globale Wirtschaft weiterhin von Erdölprodukten abhängig ist. Werden Frachtrouten bedroht und steigen die Ölpreise sprunghaft an, reagieren die Märkte weltweit entsprechend.

Gleichzeitig erweist sich billiges Öl – etwa durch die forcierte Ausweitung der US-Förderung unter Donald Trump – als zweischneidiges Schwert. Einerseits könnte es die Wirtschaft ankurbeln und Verbraucher entlasten. Andererseits stellt es für den Ausbau alternativer Energien eine ökonomische Bremse dar: Je günstiger Benzin und fossile Heizstoffe sind, desto geringer dürfte der finanzielle Anreiz für Konsumenten und Industrie sein, auf umweltfreundlichere, jedoch häufig investitionsintensive Technologien umzusteigen.

Die Illusion der reinen Stromwende

Selbst wenn der politische Wille vorhanden wäre, könnten alternative Energien den gewaltigen Energiebedarf der Menschheit derzeit vollständig decken? Die mediale Wahrnehmung konzentriert sich fast ausschließlich auf Windräder, Solarparks und die Stromerzeugung – der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung lag 2024 bei 32 % und wird laut Internationaler Energieagentur (IEA) voraussichtlich weiter zunehmen.Tatsächlich macht Elektrizität aber global nur etwa 21 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs aus.Entscheidend ist jedoch dieser primäre Energiebedarf, also der tatsächliche Gesamtenergiebedarf, der weltweit weiterhin überwiegend aus fossilen Brennstoffen (Kohle, Öl, Gas) gedeckt wird.

Diese physikalische Diskrepanz erklärt, warum Europa trotz umfangreicher Milliardeninvestitionen in erneuerbare Energien und den Netzausbau noch immer nicht energieunabhängig ist. Die europäische Schwerindustrie bleibt tief mit fossilen Brennstoffen verbunden. Zudem hat Europa seine heimische Förderung fossiler Energieträger in den letzten Jahren deutlich schneller zurückgefahren als die tatsächliche Nachfrage sank. Die dadurch entstandene Lücke musste unweigerlich durch Importe gedeckt werden. Im Jahr 2024 musste Deutschland laut der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) beispielsweise 68 Prozent seines Energiebedarfs importieren.2

Woher kommt der enorme Energiehunger?

Weltweit wächst der Energiebedarf weiterhin rasant. Die Treiber sind vielfältig: Zum einen das starke Wirtschaftswachstum in Entwicklungs- und Schwellenländern, insbesondere in Asien (vor allem China und Indien), die den Großteil des globalen Nachfragezuwachses verantworten. Zum anderen sind es neue, hochkomplexe Technologien in den Industriestaaten, wie der erhebliche Strombedarf von Rechenzentren und Künstlicher Intelligenz.

Um diesen immensen und vor allem verlässlichen (grundlastfähigen) Bedarf zu decken, erlebt die Kernenergie derzeit eine Renaissance. Sie rückt als CO₂-freie Alternative verstärkt in den Fokus – nicht zuletzt durch Technologieunternehmen wie Amazon, Google und Microsoft, die gezielt in Start-ups für kleine modulare Reaktoren (SMRs) investieren, um ihre KI-Rechenzentren unabhängig von Wetterschwankungen betreiben zu können.

Schlussfolgerungen für den Investor

Diese Gemengelage verdeutlicht eine fundamentale, oft unbequeme Wahrheit: Die globale Abhängigkeit von fossiler Energie wird trotz der ehrgeizigen Energiewende noch lange bestehen bleiben. Vor allem hochindustrialisierte, aber ressourcenarme Regionen wie Europa und große Teile Asiens bleiben strukturell verwundbar.

Die jüngsten geopolitischen Krisen haben offengelegt, wie abhängig die globale Wirtschaft von fossilen Energieträgern aus dem Nahen Osten ist. Eskalieren Konflikte in diesen primären Exportregionen und sind Transportwege bedroht, trifft dies importabhängige Länder unmittelbar in Form steigender Kosten, importierter Inflation und wirtschaftlicher Einbußen.

Selbst Länder wie die Vereinigten Staaten, die mittlerweile zu Nettoexporteuren von Energie und den weltgrößten Ölproduzenten aufgestiegen sind, könnten sich dieser Preisdynamik nicht vollständig entziehen. Zwar ist die US-Wirtschaft durch ihre umfangreiche inländische Förderung physisch robuster gegen direkte Versorgungsengpässe abgesichert, doch Erdöl bleibt ein globales Gut. Steigen die Weltmarktpreise infolge von Schocks im Nahen Osten, schlagen diese höheren Notierungen unmittelbar auf die Treibstoffkosten und damit auf die amerikanische Inflation durch. Dies zeigt, dass eine absolute Abkopplung von den Preiszyklen der globalen fossilen Märkte selbst für Selbstversorger illusorisch bleibt.

Für den Investor bedeutet dies vor allem eines: Es bedarf Geduld und der Bereitschaft, an einer langfristigen Anlagestrategie festzuhalten. Die Realität ist, dass die globale Ölabhängigkeit ebenso hartnäckig und langlebig bleiben dürfte wie die ungelösten, tief verwurzelten Konflikte im Nahen Osten.

Von Harald Besser, Leiter Portfolio Management bei der Kathrein Privatbank

1 Quelle: IEA, 17.4.2026

2 Quelle: AGEB, 17.4.2026

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