Emerging-Market-Anleihen - Gewinner und Verlierer

Jupiter Asset Management | 07.06.2022 15:30 Uhr
v. l. n. r.: Alejandro Arevalo, Alejandro di Bernardo, Xuchen Zhang, Reza Karim von Jupiter AM / © Jupiter AM
v. l. n. r.: Alejandro Arevalo, Alejandro di Bernardo, Xuchen Zhang, Reza Karim von Jupiter AM / © Jupiter AM

Die Renditen von Schwellenländeranleihen in Hartwährung sind seit Jahresbeginn um 2 Prozent oder mehr gestiegen – Staatsanleihen in Hartwährung haben in diesem Zeitraum fast 17 Prozent an Wert verloren1. Hauptgrund sind die weltweit gestiegenen Zinsen. Sowohl im Vergleich zur historischen Norm als auch zu vielen anderen Segmenten der Anleihemärkte erscheinen Schwellenländeranleihen inzwischen extrem attraktiv. In der Vergangenheit haben Schwellenländeranleihen von einem derartigen Bewertungsniveau aus tendenziell hohe risikoadjustierte Renditen generiert. Anleger stellt dies vor die schwierige Frage, wann sie in den Markt einsteigen sollten – und was sie kaufen sollten.

Durch die Inflation stehen die Zentralbanken unter Druck. Die höheren Preise und eine restriktivere Geldpolitik drohen das Wachstum auszubremsen. Die russische Invasion in der Ukraine dauert an. China kämpft mit einer Wachstumsverlangsamung und seiner Null-Covid-Politik. Was die Bekämpfung der Inflation angeht, sind die Zentralbanken in den Schwellenmärkten jedoch bereits einen Schritt weiter. Viele dieser Länder profitieren von den höheren Rohstoffpreisen. Durch die neue Mittelschicht in den Emerging Markets (EM) ist der Konsum in diesen Ländern jetzt weniger abhängig von den Industrieländern. 

Eine energiepreisbedingte Inflation und höhere Grundstoffpreise werden in der Regel als positive Faktoren für die Schwellenländer betrachtet. Einige Länder sind jedoch Nettoimporteure von Energie. Weizen und andere Agrarrohstoffe können erhebliche Auswirkungen auf Lebensmittelimporteure haben. Doch welche Auswirkungen könnten die höheren Preise auf Branchen- und Unternehmensebene haben? Und könnte ein anhaltender Inflationsdruck die politische Stabilität gefährden? 

Makroökonomische Schocks haben nur selten die gleichen Auswirkungen auf verschiedene Länder und Unternehmen: Im Normalfall gibt es sowohl Gewinner als auch Verlierer. Das macht einen selektiven Ansatz bei Anlagen in den Emerging Markets unverzichtbar – und schafft ein hervorragendes Umfeld für wirklich aktive Manager. Das Jupiter AM Team von EM-Kreditanalysten identifiziert potenzielle Gewinner und Verlierer: 

Lateinamerika: Mexiko, Brasilien und Guatemala als Gewinner – Chile und Peru als Verlierer 

Mexiko ist ein Sonderfall, da Mexikos Wirtschaft stark vom Handel mit den USA abhängt. Obwohl das Land ein Nettoimporteur von Öl ist, stärkt der höhere Ölpreis die öffentlichen Finanzen durch höhere Steuereinnahmen der staatlichen PEMEX. Die Haushaltspolitik sollte in diesem Jahr diszipliniert bleiben und die Opposition im Kongress dürfte radikale Änderungen begrenzen. Daher bleiben wir in ausgewählten Versorgeranleihen und Titeln, die vom Wiederhochfahren der Wirtschaft profitieren könnten, übergewichtet. Wir bevorzugen Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen, da die relativen Spreads deutlich günstiger geworden sind. 

Unser Ausblick für Brasilien ist positiv. Das Land ist ein bedeutender Exporteur von Eisenerz und weichen Rohstoffen (wie Sojabohnen). Auf politischer Ebene gilt der ehemalige Präsident Lula als Favorit bei den diesjährigen Wahlen, und seine Bündnisse mit Parteien der politischen Mitte deuten auf einen gemäßigteren Ansatz hin. Wir bleiben taktisch übergewichtet in den Anleihen großer Exportunternehmen aus den Bereichen Chemie und Metalle & Bergbau, die höhere Kosten an ihre Kunden weiterreichen können. Außerdem halten wir einige Düngemittelproduzenten für attraktiv. Wir bevorzugen Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen. 

Guatemala: Wir halten an unserer positiven Einschätzung Guatemalas fest. Es handelt sich um als größte Land Zentralamerikas mit dem niedrigsten Schuldenstand im Verhältnis zum BIP in der Region. Das Land verfolgt eine umsichtige Haushaltspolitik, und dank rekordhoher Auslandsüberweisungen erwarten wir trotz des Inflationsdrucks für dieses Jahr ein höheres Wachstum. Wir bleiben übergewichtet in den Anleihen ausgewählter Unternehmen mit US-Dollar-Umsätzen oder Währungsabsicherungen. Aufgrund ihrer relativ günstigeren Bewertungen bevorzugen wir Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen. 

Chile ist ein bedeutender Ölimporteur und die Energiepreise sind deutlich stärker gestiegen als der Preis von Kupfer, dem wichtigsten Exportgut des Landes. Außerdem sehen wir anders als 2021 nur begrenzten Spielraum für die Regierung, der Wirtschaft unter die Arme zu greifen. Gleichzeitig sorgen die andauernden Verfassungsreformen für politische Unsicherheit. Der Markt ist in unseren Portfolios durchweg untergewichtet und wir bevorzugen ein Engagement in Hochzinsanleihen aus dem Telekommunikationssektor, die wir für attraktiv bewertet halten. 

Peru ist ein Nettoexporteur von Basismetallen, aber wir bleiben vorsichtig. Die anhaltenden politischen Unruhen und das Risiko einer Amtsenthebung des Präsidenten machen die Zukunftsaussichten ungewiss. Aufgrund inkonsistenter Ausgabenziele könnte der hohe Kupferpreis zudem nicht zu der erwarteten Verbesserung der Haushaltslage des Landes führen. Wir bleiben neutral bis untergewichtet und bevorzugen ein Engagement in den Anleihen ausgewählter Bergbauunternehmen und Agrarrohstoffexporteure. 

Asien: Indonesien als Gewinner – Südostasien und Indien als Verlierer 

Indonesien ist einer der wenigen Nettoexporteure von Rohstoffen in Asien. Die Haushaltslage und außenwirtschaftlichen Kennzahlen des Landes sollten sich weiter verbessern und das BIP-Wachstum robust bleiben. Die Zentralbank hat ihre wachstumsfördernde Geldpolitik konsequent fortgesetzt und die Inflation ist unter Kontrolle. Wir bevorzugen Explorations- und Produktionsunternehmen, die hohe Cashflows generieren, sowie Immobilienentwickler, die von der verbesserten Finanzsituation der privaten Haushalte profitieren werden. Trotzdem halten wir an moderaten Allokationen fest, da viele Unternehmen nach wie vor in erheblichem Umfang in der Kraftwerkskohleproduktion engagiert sind, was der Umstellung auf eine Netto-Null-Emissionen-Wirtschaft zuwiderläuft. 

Südostasien – Philippinen, Thailand, Vietnam: Alle drei Länder sind Nettoimporteure von Rohstoffen, deren Haushaltslage sich verschlechtern wird. Darüber hinaus ist weiterhin unklar, welche Politik die neue philippinische Regierung gegenüber den einheimischen Konglomeraten, die den Löwenanteil der Dollar-Anleihen begeben haben, verfolgen wird. 

Indien deckt etwa 85% seines Öl- und Gasbedarfs durch Importe: Jede Ölpreiserhöhung um 10 USD führt zu einem um 0,4% höheren Leistungsbilanzdefizit und einer um 0,5% höheren Inflation. Öl, Metalle und Düngemittel machen zusammen die Hälfte der indischen Importe aus. Daher ist dies ein schwerer Schlag für die Staatsfinanzen und die finanzielle Situation der privaten Haushalte. Es bedeutet aber auch, dass erneuerbare Energien als nachhaltige Lösung für die Regierung von größerer strategischer Bedeutung sind. Wir halten diesen Sektor weiter für interessant. 

EMEA: Südafrika, Nigeria, Angola und der Golfkooperationsrat als Gewinner - Türkei, Ghana und Ägypten als Verlierer

Südafrika profitiert nicht nur von höheren Rohstoffpreisen und wird noch mindestens zwei Jahre einen Leistungsbilanzüberschuss aufweisen, sondern zeichnet sich auch durch eine glaubwürdige Geldpolitik und eine gute Inflationssteuerung aus. Südafrikanische Rohstoffexporteure erscheinen besonders attraktiv. 

Afrikanische Ölexporteure Nigeria/ Angola: Durch den hohen Ölpreis dürfte Angolas Schuldenstand im Verhältnis zum BIP stark zurückgehen. Außerdem ist das Land nahezu autark, was die Lebensmittelimporte angeht. Nigeria profitiert ebenfalls vom hohen Ölpreis, allerdings in geringerem Maße. Außerdem ist die Förderung hinter den Erwartungen zurückgeblieben und die Lebensmittelpreise sind stark gestiegen. 

Golfkooperationsrat (Kuwait, Oman, Qatar, Saudi-Arabien, UAE): Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet, dass Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate in diesem Jahr dank des hohen Ölpreises hohe Leistungsbilanzüberschüsse verzeichnen werden. Hohe Haushaltsüberschüsse eröffnen viel größere Spielräume, um dem Anstieg der Lebensmittelpreise mit Subventionen zu begegnen. Die Region erscheint sehr viel stärker aufgestellt als zur Zeit des „Arabischen Frühlings“, mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit politischer Unruhen. 

Da die Türkei ein Energieimporteur ist, wirken sich die höheren Energiepreise natürlich nicht positiv auf die Handelsbilanz aus. Außerdem leidet das Land unter den negativen Auswirkungen der geopolitischen Spannungen auf den Tourismus. Die Türkei bleibt jedoch ein Sonderfall. Nach einer kürzlichen Researchreise sehen wir angesichts eines relativ akzeptablen Schulden/BIP-Verhältnisses und eines soliden Bankensektors keine Hinweise auf einen bevorstehenden Zahlungsausfall. Ob die derzeitige Währungsstabilität langfristig Bestand hat, ist jedoch fraglich, es sei denn, der Regierung gelingt es, neue innovative Programme zu entwickeln (wie z.B. die jüngsten steuerfreien TRY-Einlagen). Ein potenzieller Regierungswechsel im Jahr 2023 könnte positiv für das Land sein. Wir bleiben untergewichtet, aber aufmerksam. 

Ghana: Das Land hat einen hohen Finanzierungsbedarf und praktisch keinen Zugang zu ausländischen Kapitalmärkten. Die Inflation ist hoch und das Haushaltsdefizit ebenfalls. Ohne eine glaubwürdige und starke makroprudentielle Politik ist mit Stabilität so schnell nicht zu rechnen. 

Ägypten: Trotz der Währungsabwertung sind das Leistungsbilanzdefizit und die Inflation weiterhin hoch. Die Regierung ist den Forderungen des IWF nur sehr zögerlich nachgekommen. Der Zentralbank sind die Hände gebunden, da es nicht möglich ist, gleichzeitig den Wechselkurs zu fixieren und die Inflation zu bekämpfen. Das bedeutet, dass die Anleihekurse weiter unter Druck stehen dürften. 

Fazit 

Die Erfahrung zeigt, dass sich die Renditen von Schwellenländeranleihen in der Regel nicht sehr lange auf einem so hohen Niveau bewegen, und Anleger sollten ein erneutes Engagement in der Anlageklasse oder eine Aufstockung bestehender Positionen in Erwägung ziehen. Gleichzeitig sind die Folgen einer höheren Inflation von entscheidender Bedeutung für die relativen Aussichten der Schwellenländer und -unternehmen. Daher dürfte ein aktiver, selektiver Ansatz wesentlich bessere Ergebnisse erzielen.

Alejandro Arevalo, Head of Emerging Market Debt bei Jupiter AM

Alejandro di Bernardo, Kreditanalyst im Fixed Income Team bei Jupiter AM

Xuchen Zhang, Kreditanalyst im Fixed Income Team bei Jupiter AM

Reza Karim, Fondsmanager im Fixed Income-Team bei Jupiter AM

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