Der Iran-Krieg bleibt kurzfristig das dominierende makroökonomische Risiko, da er potenzielle Belastungen für das Wachstum schafft und die Energiepreise erhöht hält. Folglich haben wir in diesem Monat unsere Inflationsprognose nach oben revidiert. Wir erwarten, dass die USA und der Iran letztlich eine Vereinbarung zur Wiederöffnung der Straße von Hormus schließen werden. Bis dahin dürften die Ölpreise erhöht bleiben und kurzfristig sogar deutlich steigen, falls eine Einigung länger auf sich warten lässt. Dennoch erwarten wir, dass die Preise bis zum Jahresende in Richtung 80 bis 90 US-Dollar je Barrel nachgeben.
Die Weltwirtschaft hat sich bislang überraschend widerstandsfähig gezeigt, bleibt jedoch uneinheitlich: Die USA schneiden besser ab, gestützt durch einen KI-bezogenen Investitionsboom und einen Arbeitsmarkt, der sich zu stabilisieren scheint. Der Euroraum hingegen steht vor einer schwierigeren Lage, da die Inflation voraussichtlich für den Rest des Jahres über 3 % liegen dürfte und das wirtschaftliche Umfeld schwach bleibt. Dennoch erwarten wir, dass die EZB im Juni und voraussichtlich auch im September die Leitzinsen anheben wird, um zu verhindern, dass der derzeitige Inflationsanstieg dauerhafter wird. Ebenso rechnen wir damit, dass die Bank of England die Leitzinsen einmal anheben wird, während die Schweizerische Nationalbank die Zinsen 2026 voraussichtlich unverändert lassen dürfte. Die vom Markt eingepreisten Erwartungen an Zinserhöhungen in Europa halten wir für überzogen und erwarten eine Gegenbewegung, sobald die Energiepreise nach einer wie auch immer gearteten Vereinbarung zwischen den USA und dem Iran fallen. Anleihen mit kurzen bis mittleren Laufzeiten dürften die Hauptprofiteure sein. Ansonsten sehen wir Carry- und Rolldown-Erträge weiterhin als wichtigste Performancetreiber für die globalen Anleihemärkte im Jahr 2026.
Die fundamentalen Rahmendaten für Aktien bleiben stark, insbesondere in den USA. Wie wir in unserer Grafik der Woche zeigen, haben die globalen Gewinnerwartungen einen der stärksten Aufwertungszyklen seit Beginn der Aufzeichnungen erlebt; die Stärke der Hochstufungen wurde bislang nur von Erholungen nach Rezessionen erreicht. Wir heben unser Jahresendziel für den S&P 500 von 7.400 auf 7.700 Punkte an, werden taktisch jedoch etwas vorsichtiger.
Von Dr. Karsten Junius, Chief Economist, J. Safra Sarasin
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