Für den Rest des Jahres dürften Emerging Markets (EM) Disziplin stärker belohnen als eine pauschale Allokation. Eine kleine Gruppe von Halbleiteraktien mit Bezug zu künstlicher Intelligenz (KI) war für den Großteil der diesjährigen Gewinne in den Emerging Markets verantwortlich. Allerdings stellen Investoren offen infrage, ob sich der KI-Investitionszyklus letztlich als profitabel erweisen wird. Mali Chivakul, Emerging Markets Economist bei J. Safra Sarasin, präsentiert ihren Ausblick für die Region und attraktive Anlagemöglichkeiten.
Wie ist die aktuelle Lage in den Emerging Markets? Wie sind die Aussichten für Lateinamerika und die asiatischen Märkte?
Die wirtschaftliche Entwicklung der Emerging Markets hat sich trotz höherer US-Zinsen und des Krieges im Nahen Osten als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen. Asiatische Länder, insbesondere Südkorea und Taiwan, haben stark vom Anstieg der KI-Investitionen profitiert. Jüngste Prognosen der US-Hyperscaler deuten darauf hin, dass die Nachfrage nach Chips in den kommenden Monaten gut gestützt bleiben dürfte, was für asiatische Chiphersteller positiv ist. Das Tempo der Kursgewinne aus dem ersten Halbjahr 2026 dürfte sich jedoch nicht wiederholen. Auch Chinas KI-Sektoren verzeichneten eine solide Nachfrage, allerdings nicht genug, um die Schwäche der Binnenwirtschaft auszugleichen. In Lateinamerika ist das Bild gemischt. Brasilien schwächt sich ab, während sich Mexiko verbessert. Gleichzeitig gewinnt die politische Ausrichtung der Region an Bedeutung.
Was sind derzeit die wichtigsten Vorteile für Anleger, die diese Märkte in Betracht ziehen? Was sind die zentralen Risiken?
Für Südkorea und Taiwan erwarten wir weiterhin solide Gewinne der Hersteller von Speicherchips. Anleger sollten sich jedoch auf eine höhere Volatilität einstellen, da die Finanzmärkte die Renditen von KI-Investitionen zunehmend kritisch prüfen. In China deuten zunehmende Anzeichen dafür, dass die chinesische Regierung ihre Fiskalausgaben im weiteren Verlauf des Jahres 2026 erhöhen wird, auf taktisches Aufwärtspotenzial für den Aktienmarkt hin. Weltweit könnte ein schwächerer US-Dollar, belastet durch eine zurückhaltendere Fed und ein interventionistisches US-Finanzministerium, EM-Aktien breiter unterstützen. Das größte binnenwirtschaftliche Risiko ist klimatischer Natur. Ein sehr starker El Niño könnte in einigen Volkswirtschaften die Lebensmittelpreise und die Zinsen nach oben treiben.
Sind diese Märkte generell stark auf bestimmte Sektoren konzentriert? Welche Segmente sind derzeit in Asien und Lateinamerika am wichtigsten?
Die Konzentration ist ausgeprägt. In Südkorea und Taiwan dominiert der Sektor für KI-Chips. Chinas Offshore-Indizes werden von Internetplattformen und Finanzwerten angeführt, die eng mit dem Binnenkonjunkturzyklus verbunden sind. Am Onshore-Markt machen die Lieferketten für KI-Hardware und Robotik nur einen kleinen Anteil aus, werden jedoch durch den Trend zur Lokalisierung von Technologie unterstützt. In Lateinamerika dominieren Finanzwerte, Grundstoffe und Energie, wobei die hohen Rohstoffpreise insbesondere die beiden letztgenannten Sektoren stützen.
Welches sind die stärksten Märkte in den einzelnen Regionen? Mit anderen Worten, wo finden sich heute die Perlen unter den Emerging Markets?
In Asien hat sich Südkorea in diesem Jahr besonders hervorgetan. In Europa fällt Polen ins Auge, mit einem Plus von 27 % seit Jahresbeginn¹. Getrieben von einer starken Binnennachfrage gehörte das Land in den vergangenen beiden Jahren zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der EU. Wir erwarten, dass Wachstum und Gewinne solide bleiben. Auch Südafrika bietet Aufwärtspotenzial, insbesondere da wir mit weiter steigenden Goldpreisen rechnen und erwarten, dass Strukturreformen Wirkung zeigen.
Was sind im aktuellen globalen Umfeld die wichtigsten Chancen für Anleger an den lateinamerikanischen Märkten?
Hohe globale Rohstoffpreise, etwa für Kupfer und Energie, dürften die Produzenten in Lateinamerika weiterhin unterstützen. Neue Regierungen in Chile, Kolumbien und Peru haben sich zu einer orthodoxen Fiskalpolitik verpflichtet, dem Grundpfeiler des Anlegervertrauens in der Region. Anzeichen für deren Umsetzung werden entscheidend sein, um dieses Vertrauen aufrechtzuerhalten. Die bevorstehenden Wahlen in Brasilien geben einer neuen Regierung die Möglichkeit, die fiskalischen Prioritäten neu auszurichten und die Risikoprämie des Landes zu senken.
Welche Chancen und Risiken bringt der politische Rechtsruck in Lateinamerika für Anleger mit sich?
Der Wandel dürfte einen neuen Investitionszyklus auslösen. Die neuen politischen Führungen in Bolivien, Chile, Kolumbien und Peru wollen Unternehmensinvestitionen fördern. Die Neuausrichtung hat die Region zudem näher an die USA herangeführt, die daran interessiert sind, strategische Lieferketten für Mineralien in der Region aufzubauen. Die neuen Regierungen scheinen entschlossen, bürokratische Hürden für Investitionen in Bergbau und Verarbeitung abzubauen, auch wenn Reformen Zeit benötigen werden. Da die Investitionsquoten im Verhältnis zum BIP niedrig sind, insbesondere im Vergleich zu Asien, dürften höhere Investitionen das potenzielle Wachstum und die künftigen Gewinne steigern.
Wie können sich Anleger in Emerging Markets angesichts der großen Unterschiede zwischen Regionen, Sektoren und Klimarisiken orientieren?
Diversifikation bleibt eine klassische Stärke der Emerging Markets. Obwohl der EM-Gesamtindex derzeit vom KI-Thema bestimmt wird, können Anleger bei ihrem Engagement dennoch selektiver vorgehen. Globale Themen wie die geoökonomische Fragmentierung und grüne Energie wirken sich über die steigende Nachfrage nach kritischen Mineralien auf zahlreiche Märkte aus. Lokale Themen wie Strukturreformen bleiben ein dauerhafter Treiber für EM-Aktien.
Der rote Faden für Anleger lautet, dass die Rally an den Emerging Markets im Jahr 2026 real, aber schmal ist. Die Renditen konzentrierten sich auf einige wenige KI-bezogene Titel, während die Märkte zugleich die dahinterstehenden Investitionen infrage stellen. Diese Kombination belohnt eine aktive Auswahl gegenüber passivem Beta. Ein schwächerer Dollar, Chinas fiskalische Impulse und die marktfreundliche Neuausrichtung Lateinamerikas eröffnen jeweils unterschiedliche Einstiegsmöglichkeiten, doch jede davon verlangt eine Überprüfung statt bloßen Vertrauens. Es geht weniger darum, überhaupt in Emerging Markets investiert zu sein, als vielmehr darum, innerhalb dieser Märkte gezielt vorzugehen.
¹ Quelle: MSCI Poland Index in USD, Stand 21.08.2026.